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Full text of "Herbert Spencer"

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Prommanns Klassiker der Philosophie 

herausgegeben 



von 



Richard Falckenberg 

Dr. u. o. Profe*aor der Philosophie an der Univeraüät Erlangen. 



V. 



H. Spencer 



VON 



Otto Gaupp. 



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HERBERT SPENCER 






VON 



OTTO GAUPP. 




STUTTGART 
FR. FROMMANNS VERLAG (E. HAUFF) 

1897. 



Alle Rechte vorbehalten. 



Inbolf. 



Seite 
Inhalt V—VI 

Einleitnng 1—8 

Erster Teil: Spencers Leben 9 — 83 

1. Spencers Eltern 11 

2. Erste Jugendjahre 13 

3. In Hinton |4 

4. Eintritt ins praktische Leben . . . . ; 17 

5. Spencer als Ingenieur 18 

6. Uebersiedlnng nach London 20 

7. Spencer als Journalist und Essayist 32 

8. Die synthetische Philosophie 24 

9. Schwere Jahre 27 

10. Sp&tere Jahre .30 

Zweiter Teil: Spencers Werk 35—151 

Erstes Kapitel: Zur Entstehungsgeschichte 
der Entwickl^ungsphilosophie 37 — 58 

11. Einleitung 37 

12. Die Quintessenz der synthetischen Philosophie .... 38 

13. Allgemeiner Charakter der synthetischen Philosophie . . 43 

14. Die Zeitbedingungen 44 

15. Die Social Statics 46 

16. Die Essays yon 1850—52 48 

17. 1858—54 50 

18. 1865—67 62 

19. 1857—60 54 

20. 1860—64 66 

Zweites Kapitel: Die Prinzipienlehre . . . 59 — 90 

31. Der Prospekt 59 

23. Einteilung der Prinzipienlehre 63 

23. Religion und Wissenschaft 64 

24. Der Standpunkt der Wissenschaft 67 

25. Das Unerkennbare und das „Ding an sich" 70 

26. Begrifi und Aufgabe der Philosophie 73 

27. Die Voraussetzungen der Philosophie . 74 



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VI 

Seite 

28. Die wissenschaftlichen Gnmdhegriffe 76 

29. Apriori Wahrheiten 78 

30. Das Gesetz der Entwicklung 81 

31. Die Deduktion dieses Gesetzes 84 

32. Der Zustand des Gleichgewichts 85 

33. Der Ehythmus von Auflösung und Entwicklung . . 87 

34. Erkenntnistheoretischer Charakter dieser Lehre . . 89 

Drittes EapTtel: Biologie und Psychologie . 91 — 121 

Die Prinzipien der Biologie 91 — 106 

35. Der Begriff der Biologie 90 

36. „The Development Hypothesis" 93 

37. „Progress, its Law and Cause" 96 

37a. „The Ultimate Laws of Physiology" ...... 98 

38. Darwins Theorie 100 

39. Ergänzung der Darwinschen Theorie 101 

40. Spencers Theorie 103 

Die Prinzipien der Psychologie . . . 106—121 

41. Die Psychologie 106 

42. Die Entwicklung des Intellektes 108 

43. Instinkt, Gedächtnis, Vernunft 111 

44. Gefühl fund Wille 113 

45. Analyse der geistigen Erscheinungen 114 

46. Kritik des Idealismus und Skepticismus 116 

47. „The Testimony of Truth" 117 

48. Spencers Stellung zum Empirismus 119 

Viertes Kapitel: Soziologie und Ethik . . 122—151 

Die Prinzipien der Soziologie .... 122—128 

49. Begriff und Aufgabe der Soziologie 122 

50. Individueller und sozialer Organismus 125 

51. Ueberblick über die Soziologie 127 

Die Prinzipien der Ethik 129—151 

52. Allgemeiner Charakter der Spencerschen Ethik . . . 129 

53. Die Induktionen der Ethik 189 

54. Die Ethik des vindividueUen Lebens 134 

Die Ethik des sozialen Lebens . . . 136—151 

55. Die Idee der Gerechtigkeit in ihrer biologischen Form 135 

56. Die Theorie der reinen Gerechtigkeit 186 

57. Die natürlichen Rechte 140 

58. Der Staat und die Grenzen seiner Thätigkeit . . . 142 

59. Positives und negatives Wohlthun 147 

Schlnss 152—168 

Register 159—160 



Einleitung. 



Herbert Spencer ist — das steht heute wohl fest 
— eine Erscheinung von europäischer oder besser uni- 
verseller Bedeutung. Gleich einem Voltaire, einem Kant, 
einem Schopenhauer ist er eine geistige Kraft, die in 
ihrem Wirken weit über das Volk, das ihn hervorge- 
bracht, hinausreicht, ja überall, wo zivilisierte Menschen 
wohnen, geistiges Leben befruchtet und bestimmt. Er 
ist, wie viele hinzufügen würden, der Philosoph unserer 
Zeit, d. h. der Mann, der dem wissenschaftlichen Be- 
wusstsein unserer Zeit seinen klarsten und zusam-^ 
menhängendsten Ausdruck gegeben hat. 

Im Lande seiner Geburt wird das heute von den 
Vertretern der verschiedensten Denkrichtungen unum- 
wunden anerkannt. Während noch 1864 A. Laugel in 
der „Revue desDeux Mondes** Spencer mit vollem Recht 
nachrühmen konnte, er habe sich der Philosophie zuliebe 
„mit edler und rührender Selbstentsagung der Armut 
und, was noch schwerer zu tragen ist, der ünberühmt- 
heit geweiht**, ist ihm seitdem reichste Anerkennung, 
und zwar gerade die Anerkennung, die der Weise allein 
schätzt, das Lob Ebenbürtiger zu teil geworden. Ein 
Lewes fragt in seiner Geschichte der Philosophie, ob 
„England je einen Denker von feinerem Kaliber hervor- 
gebracht habe"; ein Darwin nennt ihn ,,den grössten 
jetzt lebenden Philosophen Englands, vielleicht jedem 
der früheren ebenbürtig"; eia John Stuart Mill stellt 
ihn auf eine Stufe mit Auguste Comte, in seinem Munde 
das höchste Lob; Professor Huxley, in diesem Punkt 

Gaupp, H. Spencer. 1 



2 Einleitang. 

wohl eine der ersten Autoritäten, urteilt, „die einzige, 
vollständige und methodische Darstellung der Entwick- 
lungstheorie, die ich kenne, findet sich in Herbert Spencers 
philosophischem System, in einem Werk, das jeder fleis- 
sig studieren sollte, der sich mit den Tendenzen der 
wissenschaftlichen Bewegung bekannt machen will"; und 
ähnlich andere bedeutende Männer. In dieser gerech- 
teren Würdigung des grossen Philosophen sind die Ver- 
einigten Staaten dem Mutterland vorausgegangen und 
alle angelsächsischen Kolonien gefolgt. Spencers Name ist 
dann bis in- den fernsten Osten gedrungen, und seine 
Philosophie wird [auf den Universitäten Japans eifrig 
studiert. In der Litteratur der Nordländer und der 
Russen stossen wir Schritt und Tritt auf seine Gedanken, 
und die romanischen Völker haben sich in zahlreichen 
Büchern und Aufsätzen mit seinen Ideen beschäftigt. 
Wenn anderseits die Erbitterung und Hartnäckigkeit, 
mit denen eine Theorie bekämpft wird, nur einigermassen 
ein Masstab sind für den Einfluss und die Bedeutung, die 
sie hat, so kann sich Spencer auch in dieser Hinsicht 
nicht beklagen. Es hat ihm nie an heftigen Gregnern 
gefehlt, und sie fehlen ihm auch heute nicht; Bücher 
und Plugschriften, die ihn und seine Lehre ,, vernichten", 
würden einen stattlichen Bücherschrank füllen. Man 
kann ohne Zweifel sagen, der Kampf für und wider 
Spencer ist heute nicht mehr so akut wie noch vor we- 
nigen zehn Jahren; wenn man aber daraus den Schluss 
^ieht, dass Spencers Einfluss auf das geistige Leben 
seinen Zenit überschritten habe, so muss man hinzu- 
fügen: ist das wirklich eine Thatsache, so ist der 
'Grund einzig darin zu suchen, dass Spencers leitende 
bedanken, die noch vor wenig mehr als einem Viertel- 
jahrhundert die Welt abstiessen und befremdeten, heute 
:so sehr zum Gremeingut aller Gebildeten geworden sind, 
'dass man bereits vergisst oder nicht mehr daran denkt^ 
wem man sie verdankt. — 



Einleitang. 3 

Alles das mag dem deutschen Leser wohl über- 
trieben scheinen und mit gutem Grund ; denn es wäre 
übertrieben, wenn man Spencers Bedeutung an dem 
mässe , was er unserm Volk gewesen ist und ist. Für 
Deutschland hat er bis Anfang der achtziger Jahre kaum 
•existiert, und man wird schwerlich fehl gehen mit der An- 
nahme, dass er auch heute noch für viele deutsche Ge- 
lehrten und Philosophen nicht viel mehr als ein blosser 
Name ist. Gewiss eine erstaunliche Thatsache, dass sich 
gerade das ,,Volk der Denker'* gegen den grössten Denker 
unserer Zeit ablehnend verhalten hat, um so erstaun- 
licher, weil Spencer im Gegensatz zu allen andern eng- 
lischen Philosophen im ganzen Charakter seiner Philo- 
sophie etwas hat, das ihn deutscher G-eistesart näher- 
rückt. Spencer teilt die instinktive Abneigung seiner 
Landsleute gegen das deduktive Verfahren in keiner 
Weise, er dringt vielmehr überall auf eine innige Ver- 
knüpfung der induktiven mit der deduktiven Methode ; 
mnd er sieht, wieder ungleich seinen Landsleuten, in der 
Analyse, d. h. Prüfung imd Zerlegung des Thatsächlichen 
in seine Bestandteile, nicht das Endziel philosophischer 
Betrachtung, sondern nur eine vorbereitende Arbeit zur 
Erfüllung ihrer eigentlichen Aufgabe, die in der Synthese 
liegt, d. h. in der Zusammenfassung des Einzelnen zu 
einer einheitlichen Weltanschauung. Spencers uner- 
müdliches Streben nach Synthese, die sich auf Analyse 
stützt, und seine weise und vorsichtige Verknüpfung der 
induktiven und deduktiven Methode in der Behandlung 
philosophischer Fragen hat nach meiner Ansicht zur 
Folge gehabt, dass gerade seine Philosophie mehr als 
irgend ein anderes System jener berühmten Definition 
des deutschen Philosophen Wundt Genüge thut, die 
Philosophie sei „die allgemeine Wissenschaft, welche 
die durch die Einzelwissenschaften vermittelten allge- 
meinen Erkenntnisse zu einem widerspruchslosen System 

zu vereinigen hat". 

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Pi.äy\yCu^ •iA-c^.uu^ 



HERBERT SPENCER, 



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VON 



OTTO GAUPP. 




STUTTGART 
FR. PROMMANNS VERLAG (E. HAUFF) 

1897. 



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Inholf. 



Seite 
Inhalt V— VI 

Einleitung 1—8 

Erster Teil: Spencers Leben ■. 9 — 83 

1. Spencers Eltern 11 

2. Erste Jugendjahre 12 

8. In Hinton 14 

4. Eintritt ins praktische Leben . . . . : 17 

5. Spencer als Ingenieur 18 

6. Uebersiedlnng nach London 20 

7. Spencer als Jonmalist und Essayist 22 

8. Die synthetische Philosophie 24 

9. Schwere Jahre 27 

10. Sp&tere Jahre 80 

Zweiter Teil: Spencers Werk 85—161 

Erstes Kapitel: Zur Entstehungsgeschichte 
der Entwickl^ungsphilosophie 87—58 

11. Einleitung 87 

12. Die Quintessenz der synthetischen Philosophie .... 88 
18. Allgemeiner Charakter der synthetischen Philosophie . . 42 

14. Die Zeitbedingungen 44 

15. Die Social Statics 46 

16. Die Essays Ton 1850—52 48 

17. 1858—54 50 

18. 1856—57 52 

19. 1867—60 54 

20. 1860—64 56 

Zweites Kapitel: Die Prinzipienlehre . . . 59—90 

21. Der Prospekt 69 

22. Einteilung der Prinsipienlehre 68 

28. Beligion und Wissenschaft 64 

24. Der Standpunkt der Wissenschaft 67 

25. Das Unerkennbare und das „Ding an sich** 70 

26. Begrifi und Aufgabe der Philosophie 78 

27. Die Voraussetzungen der Philosophie 74 






VI 

Seite 

28. Die wissenschaftlicheil Gmndbegriffe 76 

29. Apriori Wahrheiten 78 

30. Das Gesetz der Entwicklung 81 

81. Die Deduktion dieses Gesetzes 84 

32. Der Zustand des Gleichgewichts 85 

33. Der Rhythmus von Auflösung und Entwicklung . . 87 

34. Erkenntnistheoretischer Charakter dieser Lehre . . 89 

Drittes Kapftel: Biologie und Psychologie . 91 — 121 

Die Prinzipien der Biologie 91—106 

36. Der Begriff der Biologie 90 

36. „The Development Hypothesis" 98 

37. „Progress, its Law and Cause" 96 

37a. „The Ultimate Laws of Physiology" ...... 98 

38. Darwins Theorie 100 

39. Ergänzung der Darwinschen Theorie 101 

40. Spencers Theorie 103 

Die Prinzipien der Psychologie . . . 106—121 

41. Die Psychologie 106 

42. Die Entwicklung des Intellektes 108 

43. Instinkt, Gedächtnis, Vernunft 111 

44. Gefühlfund Wille 113 

45. Analyse der geistigen Erscheinungen 114 

46. Kritik des Idealismus und Skepticismus 116 

47. „The Testimony of Truth" 117 

48. Spencers Stellung zum Empirismus 119 

Viertes Kapitel: Soziologie und Ethik . . 122—151 

Die Prinzipien der Soziologie .... 122—128 

49. Begriff und Aufgabe der Soziologie 122 

60. Individueller und sozialer Organismus 125 

51. Ueberblick über die Soziologie 127 

Die Prinzipien der Ethik 129—161 

62. Allgemeiner Charakter der Spencerschen Ethik . . . 129 

53. Die Induktionen der Ethik 182 

54. Die Ethik des individuellen Lebens 134 

Die Ethik des sozialen Lebens . . . 135—161 

55. Die Idee der Gerechtigkeit in ihrer biologischen Form 186 

56. Die Theorie der reinen Gerechtigkeit 136 

57. Die natürlichen Rechte 140 

58. Der Staat und die Grenzen seiner Thätigkeit . . . 142 

59. Positives und negatives Wohlthun 147 

Schlnss 152—168 

Register 159—160 



Einleitung. 



Herbert Spencer ist — das steht heute wohl fest 
— eine Erscheinung von europäischer oder besser uni- 
verseller Bedeutung. Gleich einem Voltaire, einem Kant, 
einem Schopenhauer ist er eine geistige Kraft, die in 
ihrem Wirken weit über das Volk, das ihn hervorge- 
bracht, hinausreicht, ja überall, wo zivilisierte Menschen 
wohnen, geistiges Leben befiruchtet und bestimmt. Er 
ist, wie viele hinzufügen würden, der Philosoph unserer 
Zeit, d. h. der Mann, der dem wissenschaftlichen Be- 
wusstsein unserer Zeit seinen klarsten und zusam- 
menhängendsten Ausdruck gegeben hat. 

Im Lande seiner Geburt wird das heute von den 
Vertretern der verschiedensten Denkrichtungen unum- 
wunden anerkannt. Während noch 1864 A. Laugel in 
der „Revue desDeux Mondes" Spencer mit vollem Recht 
nachrühmen konnte, er habe sich der Philosophie zuliebe 
„mit edler und rührender Selbstentsagung der Armut 
und, was noch schwerer zu tragen ist, der ünberühmt- 
heit geweiht", ist ihm seitdem reichste Anerkennung, 
und zwar gerade die Anerkennung, die der Weise allein 
schätzt, das Lob Ebenbürtiger zu teil geworden. Ein 
Lewes fragt in seiner Geschichte der Philosophie, ob 
„England je einen Denker von feinerem Kaliber hervor- 
gebracht habe'*; ein Darwin nennt ihn ,,den grössten 
jetzt lebenden Philosophen Englands, vielleicht jedem 
der früheren ebenbürtig"; ein John Stuart Mill stellt 
ihn auf eine Stufe mit Auguste Comte, in seinem Munde 
das höchste Lob; Professor Huxley, in diesem Punkt 

üaupp, H. Spencer. J 



12 Erster Teil. Spencers Leben. 

wissen zu überladen; er legte vielmehr alles Gewicht 
darauf, zu Selbstthätigkeit und Selbständigkeit im 
Denken und Beobachten anzuleiten. Kurz, er verkörperte 
in seinem paedagogischen Handeln die Ansichten, denen 
später sein Sohn in den berühmten Aufsätzen über 
die Erziehung vollendeten Ausdruck gab. Die pae- 
dagogischen Ansichten des Vaters haben auf die geistige 
Entwicklung des Sohnes einen bestimmenden Einfluss 
ausgeübt. Spencer selbst hat ausdrücklich anerkannt, 
dass er viele der ausgesprochensten Züge in seiner 
ganzen Denkrichtung seinem Vater verdanke, so vor 
allem „die tiefwurzelnde Neigung, überall nach Ursachen 
zu forschen und zwarnach Ursachen physischer Natur^. 
iSein Vater habe aber stets mehr durch Beispiel als 
durch direkte Lehre gewirkt. 

2. Drei Jahre nach der Geburt Herberts, seines ein- 
zigen überlebenden Kindes, zwangen Gesundheitsrück- 
sichten den alten Spencer, seine Schule in Derby auf- 
zugeben. Er zog in das benachbarte Nottingham , wo 
er, wie beinahe die halbe Stadt, in der Spitzenfabri- 
kation Beschäftigung fand. Schon nach drei Jahren 
gings aber wieder zurück nach Derby zur kongenialeren 
Beschäftigung des Lehrens und Unterrichtens. Jung 
.Spencer hatte bereits in Nottingham für kurze Zeit bei 
einer Lehrerin die Schule besucht, und in Derby wurde 
seine Ausbildung zuerst zu Hause von seinem Vater und 
dann in der Schule eines Onkels fortgesetzt. Da er 
von so zarter Gesundheit war, dass seine Eltern ver- 
schiedene Male die Hoffnung aufgegeben hatten, ihn 
überhaupt fortzubringen, vermied sein Vater mit Recht 
aufs peinlichste jedes Drängen und Ueberanstrengen und 
Herbert war denn auch in keiner Weise ein „Wunder- 
kind" ; im Gegenteil , er galt eher als „zurück- 
geblieben". Er wurde über 7 Jahre, bis er lesen 
lernte, und als er der grossen Kunst mächtig war. 



2. Erste Jugendjahre. 13 

fand er wenig Geschmack an ihrer Ausübung. In der 
Schule feierte er durchaus keine Triumphe. Er war 
unaufmerksam und faul und hasste vor allem das Aas- 
wendiglernen aufs grimmigste. Dabei war er unfolgsam 
und eigensinnig, Vorstellungen und Ermahnungen sehr 
unzugänglich und darauf erpicht, überall seinen eigenen 
Weg zu gehn, also durchaus kein Musterschüler. Den 
Spencer, der in späteren Jahren so unermüdlich für das 
Recht und die Freiheit des Individuums eintritt und 
mit leidenschaftlichen Worten gegen Unterdrückung und 
Gewaltherrschaft in jeder Form protestiert, erkennen 
wir wieder, wenn wir hören, dass er als kleiner Junge 
allem „Bullying", wie das in englischen Schulen zum 
System ausgebildete Tyrannisieren jüngerer durch ältere 
Schüler genannt wird, nicht zu brechenden Widerstand 
leistete. Der wertvollere Teil seiner Erziehung ging 
inzwischen ausserhalb der Schule vor sich. Sein Vater 
lehrte ihn nach der Natur zeichnen, worin er schnelle 
Fortschritte machte, und unterstützte und leitete sei- 
nen ausgesprochenen Sammeleifer, dem Käfer, Schmetter- 
linge und Blumen zum Opfer fielen. Er zog ihn femer 
zu den Stunden heran, in denen er mit Privatschülern 
physikalische und chemische Versuche machte, und hier 
schüttelte der junge Spencer die Gleichgültigkeit schnell 
ab, die ihm im Klassenzimmer anhaftete; er machte 
früh Versuche auf eigene Faust und wurde dazu, wie 
zu jeder Art schaffender Thätigkeit, vom Vater eifrig 
ermuntert. Er durfte ferner schon als kleiner Knirps 
bei den regelmässigen Disputationen zuhören, in denen 
sein Vater und seine Onkel, alles aufgeklärte und geistig 
sehr regsame Männer, brennende Fragen der Politik und 
Religion zu erörtern pflegten, und auch die vielen litte- 
rarischen, wissenschaftlichen und medizinischen Zeit- 
schriften, die ins Haus seines Vaters kamen, (er war 
Sekretär der philosophischen Gesellschaft in Derby), 
wurden seiner etwas erratischen Wissbegierde nicht 



14 Erster Teil. Spencers Leben. 

vorenthalten. Seine religiöse Erziehung wurde keines- 
wegs vernachlässigt; es geschah im Gegenteil des Gruten 
jzvL viel. Sein Vater und seine Mutter waren beide 
Methodisten; im Vater hatte sich aber mit der Zeit 
eine Abneigung gegen das methodistische System fest- 
gesetzt, und er war allmählich ein regelmässiger Be- 
sucher des Versammlungshauses der Quäker geworden. 
Die Mutter dagegen blieb dem alten Glauben treu, und 
♦die Folge war, dass der Sohn morgens mit dem Vater 
die Quäkerversammlung und abends mit der Mutter 
die Methodistenkapelle besuchte. Dieses sonntägliche 
Hin-und-Her trug nicht gerade dazu bei, dem Knaben 
einen grossen Begriff vom Werte theologischer Dogmen 
zu geben, und das erzwungene Lernen einer Masse Lie- 
der und Bibelsprüche verleidete ihm auf die Dauer alle 
biblische Sprache. 

3. Spencer wuchs unter dieser Erziehung, die alle 
Treibhausmethoden mied und ihn möglichst seine eigenen 
Wege gehen liess, zu einem relativ kräftigen und ge- 
bunden Burschen heran, und als er dreizehn Jahre alt 
war, hielt sein Vater die Zeit für gekommen, ihn nach 
englischer Sitte aus dem Elternhause weg in fremde 
Obhut zu geben, die einen gleichmässigern Unterricht und 
strengere Zucht möglich machten. Er wählte aber 
keine der öffentlichen Schulen, sondern sandte den 
jungen Herbert zu seinem Bruder Thomas, der als Geist- 
licher der anglikanischen Kirche die Pfarrei Hinton 
Charterhouse bei Bath unter sich hatte. Dieser Onkel 
Spencers war gleich seinem Vater und den andern Brü- 
dern desselben ein selbstständig denkender, unab- 
hängiger und gemeinnütziger Mann. Ungleich den mei- 
sten seiner Amtsbrüder, die durchweg hochkonservativ 
waren, beteiligte er sich an der demokratischen Char- 
tistenbewegung und war ein eifriger Förderer der Agi- 
tation gegen die Korngesetze. Er verband mit einem 



8. 'In flintoD« 15 

warmen Herzen, das ilin trieb, sich im Dienst des öffent- 
lichen Wohls zu Tode zu arbeiten — er starb nur 57 
Jahre alt infolge geistiger Ueberanstrengung — , einen 
aussergewöhnlich klaren Verstand, der ihm ermöglichte, 
in allen Reformbestrebungen die Spreu vom Weizen zu 
sondern. Es war gewiss ein grosses Grlück für jung 
Spencer, in den bildungsfähigen Jahren von 13 — 16 
•unter einem solchen Manne zu stehen, und Onkel und 
Neffe verstanden sich vortrefflich, bis auf einen 
wichtigen Punkt. 

Reverend Thomas war ein ,,University man'*; er 
hatte mit grossem Erfolg in Cambridge studiert, liebte 
seine Universität und dachte hoch von den geistigen 
Vorteilen, die ihr Besuch mit sich biinge. Es war nur 
natürlich, dass er seinem Neffen diese Vorteile zu Gute 
kommen lassen wollte. Aber er hatte die Rechnung ohne 
den Wirt gemacht; als er Herbert mitteilte, er werde 
ihn später auf die Universität senden, sträubte sich 
dieser mit der ganzen ihm eigenen Hartnäckigkeit. Er 
wollte nicht auf die Universität gehen, die ihm doch 
nur Dinge lehren könne, für die er sich nicht inter- 
•essiere — man vergesse nicht, dass es sich um das 
Cambridge der dreissiger Jahre handelte — ; und er 
ging nicht auf die Universität. Uebrigens hatte er trotz- 
dem den gewöhnlichen Vorbereitungskursus durchzu- 
machen und bewies dabei in jeder Beziehung die charak- 
teristische Richtung seines Geistes. Das wenige Grie- 
•chisch und Latein, das er in Derby gelernt, wurde 
w^ieder aufgenommen und daneben mit Französisch be- 
gonnen, doch all das ohne Interesse und mit wenig 
Erfolg. Spencer konnte mit dem Auswendiglernen von 
Wörtern und willkürlichen Grammatikregeln nicht fertig 
werden; sein Gedächtnis versagte für unzusammen- 
hängendes Detail, so gut es überall Principien festhielt. 
Wo es dagegen galt, zu konstruieren und zu deduzieren, 
war er am Platz, und er überflügelte bald alle seine 



18 Erster Teil. Spencers Leben. 

Mitschüler in Mathematik und Mechanik, wobei er frük 
seine wachsende Neigung verriet, auf eigne Faust Dinge- 
zu analysieren und neue Probleme aufzuspüren. 

Nachdem die drei Vorbereitungsjahre vorüber waren, 
kehrte er, statt nach Cambridge zu gehn, ins Vaterhaus 
zurück, wo er ein Jahr lang seine Weitererziehung in- 
die eigene Hand nahm; dass es dabei ziemlich willkür- 
lich und unsystematisch zuging, braucht kaum gesagt 
zu werden; er las und studierte, was ihm eben gerade 
behagte. 

Wir stehen nun am Ende der eigentlichen Schul- 
zeit des Philosophen. Hatte er schon in diesen Jahren 
das Beste, was er wusste, auf eigene Faust gelernt, so 
hat er künftig nie mehr einen Lehrer im eigentlichen 
Sinn des Wortes gehabt. Man hat vielfach beklagt, 
dass er sich freiwillig von den Vorteilen einer TJniver-^ 
sitätsbildung ausschloss, und hat geglaubt, in seinen 
Schriften charakteristische Spuren eines Mangels der-^ 
selben zu finden. Man hat damit ohne Zweifel Recht ; 

4 

Spencer hätte gewiss auf der Universität manches ge-^ 
gelernt, was wir heute bei ihm vermissen ; er hätte aber 
wahrscheinlich auch vieles gelernt, das er besser nicht 
gelernt hat. Seine geistige Entwicklung, die so ganz 
spontan ist und deren Reiz vor allem in ihrer 
Spontaneität liegt, hätte er vermutlich in künstliche 
Bahnen gelenkt, und so hätte er wohl an Ursprüng- 
lichkeit verloren, was er an Bildung gewinnen mochte. 
Spencer selbst hat nie einen Augenblick bereut, dass 
er keine Universität besucht hat, und selbst sein Onkel 
hat trotz aller seiner Hochschätzung für Universitäts- 
bildung später anerkannt, dass sein Neffe bei seiner 
geistigen Eigenart doch wahrscheinlich recht gehabt 
habe. Wenn aber Spencer seine persönlichen Erfahr- 
ungen in seinen pädagogischen Schriften und in vielen 
Aeusserungen über den Wert oder besser den Unwert 
der Universitätsbildung verallgemeinerte, so hat er 



4. Eintritt ins praktische Leben. 17 

wohl übersehen, dass eine Kost und eine Behandlung, 
nnter der ein junger geistiger Riese wachsen und ge- 
deihen mag, für Durchschnittsmenschenkinder Verderben 
und Verkümmern bedeuten kann. Eines schickt sich 
nicht für alle; das wird wohl auch in Erziehungs- 
fragen gelten. 

4. Spencer war nun 17 Jahre alt, und seinem Vater 
schien es an der Zeit, dass er sich für einen Beruf 
entscheide. Ihm galt der Lehrberuf als der höchste, und 
er wünschte sich nichts Besseres, als dass sein Sohn der 
Familientradition treu bleibe und Lehi*er werde. Der 
Wunsch schien in Erfüllung zugehen; im Sommer 1837 
war Herbert wirklich drei Monate Hilfslehrer in der 
Schule, die er als Knabe besucht hatte. Und er schien 
trefflich für den Beruf zu passen; er zeigte grosses 
Talent für klare Auseinandersetzung, viel Fähig- 
keit, die Schüler zu interessieren und zu eigenem Nach- 
denken anzuregen. Spencers Laufbahn schien nun vor-^ 
gezeichnet, als ganz unerwartet noch im Herbst des- 
selben Jahres ein verlockendes Anerbieten seinem Leben 
eine andere Richtung gab. Ein früherer Schüler seines 
Vaters, der Ingenieur Charles Fox, war mit dem Bau 
der London-Birminghamer Eisenbahn betraut worden. 
Er hatte von den ausgezeichneten mathematischen 
Kenntnissen des jungen Spencers gehört und bot ihm 
einen Posten an dem Unternehmen an. Spencer nahm 
an und bekleidete den Posten ein Jahr lang, während 
dessen er die gewöhnliche Arbeit eines Eisenbahnin- 
genieurs verrichtete, d. h. Karten zeichnete, Pläne entwarf 
u. s. w. Im Herbst 1838 trat er dann zur Birmingham- 
Grloucester-Bahn über, in deren Dienst er die nächsten 
anderthalb Jahre stand. Während dieser Zeit setzte 
er seine mathematischen Studien eifrig fort und lieferte- 
mehrere Beiträge für das „Civil Engineer Journal'S in 
denen er verbesserte technische Methoden und Kon- 
tra upp, H. Spencer. 2 



18 Erster Teil. Spencers Leben. 

struktionen beschrieb. Sein schöpferisches Talent auch 
auf diesem Gebiete bewies er durch die Erfindung eines 
kleinen Instruments zum Prüfen der Schnelligkeit der 
Lokomotiven, das er Velocimeter nannte. 

In der zweiten Hälfte des Jahres 1839 war Spen- 
cer hauptsächlich im Freien beschäftigt; er hatte die 
Leistungen von Maschinen zu prüfen und den Bau der 
Linie zu beaufsichtigen. Im Zusammenhang damit ver- 
fiel er auf das Sammeln von Fossilien, und das führte 
ihn zum Studium der Geologie. Er las Sir Charles 
Lyells berühmte Prinzipien der Geologie und stiess in 
diesem Werke zum erstenmal auf die Entwicklungs- 
theorie in ihrer Anwendung auf organische Wesen. 
Spencer erzählt, dass sie sofort grossen Eindruck 
auf ihn machte, trotzdem dass sie das unvollkommene 
Lamarcksche Gewand trug, und trotzdem, dass Lyell 
.sie nach gründlicher Auseinandersetzung bekämpft und 
völlig verwirft. Lyells Gründe schienen dem jungen 
Spencer nicht stichhaltig, und er wurde durch die 
Lektüre ein überzeugter Anhänger der Theorie, der 
Darwin 20 Jahre später eine rationellere Begründung 
geben sollte. Spencer hatte sich schon um diese Zeit 
weit von der landläufigen Theologie entfernt und immer 
mehr in den Glauben an die Allgemeingültigkeit der 
Naturgesetze und die Gleichförmigkeit des Naturge- 
schehens hineingelebt. Die Lamarcksche Theorie kam 
dieser Denkrichtong entgegen und wurde deshalb von 
ihm angenommen, ohne dass er zu genau nach der 
Stichhaltigkeit des Beweismaterials, auf das sie sich 
stützte, gefragt hätte. — 

5. Spencer hatte inzwischen seinen zwanzigsten 
•Geburtstag gefeiert; seine Lehr- und Wanderjahre 
waren aber noch lange nicht zu Ende. Er war dem 
Ingenieurberuf sehr zugethan ; es wurde aber bald immer 
klarer, dass dieser ihm die sichere Lebensstellung nicht 



5. Spencer als Ingeniear. 19 

hieten konnte, die er von ihm erhofft hatte. Im Eisenbahn- 
bau wechselten Zeiten wildester Spekulation und all- 
gemeiner Thätigkeit mit Zeiten tiefer Depression ab; 
während der Schwindelperioden konnte man gar nicht 
Ingenieure genug finden und zahlte die höchsten Ge- 
halte, die natürlich immer mehr junge Leute anlockten. 
Ebbte die gute Zeit dann allmählich weg, so stellte es sich 
bald heraus, dass die Profession schrecklich überfüllt 
war, und eine Masse junger Ingenieure sass auf dem 
Trocknen. So ging es Spencer wieder und wieder; er 
blieb aber trotzdem dem Berufe noch mehrere Jahre 
treu. So unangenehm einem jungen Manne die langen 
Pausen erzwungenen Nichtsthuns sein mussten, so hatten 
sie doch andererseits das Gute, dass sie ihm Zeit zur 
Weiterausbildung Hessen. Vornehmlich in diesen Jahren 
hat sich Spencer den gewaltigen Vorrat positiven Wissens 
Äuf allen denkbaren Gebieten angelegt, von dem seine 
Essays und sein System so beredtes Zeugnis ablegen. 
Die erste längere Pause in seiner beruflichen Arbeit 
liess er im Jahr 1841 eintreten. Er kehrte im April 
dieses Jahres ins Elternhaus zurück, um es vor zwei 
Jahren nicht wieder zu verlassen. Er hatte ursprünglich 
die Absicht, seine mathematischen Kenntnisse noch 
weiter zu vervollkommnen; daraus wurde aber nur wenig. 
Dagegen arbeitete er in anderer Weise an seiner Aus- 
bildung weiter, allerdings nach seiner Art scheinbar 
sehr unsystematisch und ohne viel greifbaren Gewinn» 
Er studierte mehrere Monate lang eifrig Botanik, er 
übte sieh fleissig im Federzeichnen, er beschäftigte sich 
l)eständig mit mechanischen Erfindungen, und vor allem: 
er las viel und vielerlei. Während dieser Zeit war er 
auch — das einzige Mal in seinem Leben — politisch 
thätig. Er beteiligte sich eifrig an einer auf Ausdehnung 
des Stimmrechts gerichteten Agitation, die sich an eine 
Flugschrift knüpfte, die der Herausgeber des ;,Non- 

conformist", ein Dr« Miall, geschrieben hatte. Spencer 

2* 



20 Erster Teil. Spencers Leben. 

wurde Sekretär für Derby und wohnte als Delegierter 
einer Konferenz in Birmingham bei, auf der — aller- 
dings vergeblich — ein Ansehluss an die Chartisten- 
bewegung gesucht wurde. Eine vielleicht erspriesslichere 
Thätigkeit entfaltete er, als im Jahr 1842 eine grosse 
Ueberschwemmung seine Vaterstadt heimsuchte ; er schrieb» 
im Auftrag der Stadt einen detaillierten Bericht über 
sie mit Vorschlägen zur Verhütuug der künftigen 
Wiederholung eines solchen Unglücks. — 

6. Im Sommer des gleichen Jahres besuchte Spencer 
seinen Onkel in Hinton, um dessen Büste zu modellieren, 
und hier in Hinton schrieb er seine erste Schrift von 
allgemeinem Interesse — eine Reihe von Briefen für 
den ^Nonconfoimist", in denen er gleich dem jungen 
Humboldt in jugendlicher Verwegenheit eine Antwort 
auf die überaus verwickelte Frage nach den richtigen 
Grenzen der Staatsthätigkeit zu geben suchte. Wir 
kommen auf diese Briefe zurück, die im folgenden Jahre 
unter dem Titel „The Proper Sphere of Government'* 
als Flugschrift erschienen. Hier wäre nur zu bemerken^ 
dass es wahrscheinlich der Erfolg dieses Erstlingswerkes 
war, der ihn im Frühjahr 1843 veranlasste, nach London 
zu pilgern, in der unbestimmtenHoffiiung,dort litterarische* 
Beschäftigung zu finden. 

Daraus wurde allerdings für den Augenblick noch 
nichts. Auf dem Eisenbahnmarkt bereitete sich eine 
Haussebewegung vor, die im Jahre 1845 ihren Höhepunkt 
erreichte, um dann allerdings mit einem Krach abzu- 
schliessen, wie ihn die Londoner City selten erlebt hat. 
Ueberall wurden neue Linien geplant und begonnen, 
und für den Eisenbahningenieur brachen wieder goldene 
Zeiten an. Der Strudel zog auch unsem jungen Philo- 
sophen in seine Kreise, und von 184B — 46 sehen wir ihn 
wieder die meiste Zeit als Bahningenieur thätig. Er 
hatte es in seinem Beruf so weit gebracht, dass ihm 



6. Uebersiedlang nach London. 21 

1844 mehrere Monate in London ein Bureau anvertraut 
wurde, auf dem er sechzig Angestellte unter sich hatte. 
Länger als ein halbes Jahr war er dann als Sach- 
verständiger bei einem Parlamentsausschusse thätig; die 
Linien, die er vertrat, wurden aber schliesslich doch 
nicht gebaut. Spencer machte nun, nachdem die Krise 
im Spätherbst 1845 dem Eisenbahnscbwindel ein jähes 
Ende bereitet hatte, noch einen letzten Versuch, sich 
als Ingenieur durchzuschlagen. Er nahm 1846 ein 
Patent auf eine Säge- und Hobel-Maschine, die er er- 
funden hatte und wollte dieses Patent zusammen mit 
«einem Freund ausbeuten. Schliesslich zog dieser Freund 
aber vor, nach Indien zu gehen, und der Plan wurde 
Äü Wasser. Damit fand seine Laufbahn als Ingenieur 

•einen endgültigen Abschluss. 

Spencer war gerne Ingenieur und gab den Beruf, 

wie wir sahen, keineswegs aus freien Stücken auf. Wir 
dürfen allerdings bezweifeln, ob er dauernde Befriedig- 
ung in ihm gefunden hätte, und wir werden jedenfalls 
nicht bedauern, dass ihm kein Erfolg in einer Be- 
schäftigung blühte, die seinen philosophischen Trieb doch 
nie zur rechten Entfaltung hätte kommen lassen. Auf 
der andern Seite haben die Jahre, die Spencer in einem 
praktischen Berufe verbrachte, sicher nicht wenig dazu 
heigetragen, ihm mehr Greschäftskenntnis und praktischen 
Sinn zu verleihen, als man sonst bei Philosophen zu 
finden gewohnt ist, und man darf bezweifeln, ob er ohne 
diese Ausrüstung die gewaltigen äusseren Schwierigkeiten 
besiegt hätte, die sich anfangs der Ausführung seines 
Lebenswerkes entgegenstellten. Sein Freund Youmans 
schrieb unter dem ersten Eindruck eines Ausflugs nach 
Schottland, den er mit Spencer zusammen machte: 
;,Spencer ist für eine solche Expedition der schnellste, 
geschickteste, anpassungsfähigste und nützlichste Menseh, 
den ich kenne. Er ist wunderbar praktisch und erledigt 
alles, was zu besorgen ist, mit der ganzen Thatkraft 



22 Erster Teil. Speneers Leben. 

und Grewandtheit eines erfahrenen Geschäftsmannes.** 
Gewiss ein Zeugnis, das von dem gäng und gäben Bild^ 
das man sich von einem Philosophen macht, seltsam 
absticht! — 

7. Spencer versuchte es nun mit der Schriftstellerei. 
Der Journalist hatte wirklich mehr Glück, als der 
Ingenieur. Schon im Herbst 1848 errang er sich die* 
Stelle eines XJnterredakteurs am ;,Economist*, der an- 
gesehensten finanziellen und ökonomischen Wochenschrift 
Englands. Die Stelle bot den doppelten Vorteil, dass 
sie ihm ein anständiges Einkommen gewährte und ver- 
hältnismässig viel freie Zeit für eigene Studien Hess. 
Spencer war nicht der Mann, diese Mussestunden unge- 
nützt verstreichen zu lassen; er vollendete in ihnen im 
Lauf der nächsten zwei Jahre sein erstes umfassenderes 
Werk: die ^Social Statics'^, die er bereits im Frühjahr 
1848 begonnen hatte. Das Werk wandte sich an keinen 
grossen Leserkreis und es fand auch keinen; es erregte 
aber in auserlesenen Kreisen grosses Aufsehen. Von 
hier an datiert Spencers lebenslängliche Freundschaft 
mit Huxley, Lewes und George Elliot, und zu weiteren 
Freunden und Verehrern gewann er durch dasselbe Tyndall, 
John Stuart Mill, George Grote, J. D. Hooker und andere. 
Mit allen diesen Männern ist Spencer bis an ihr Ende 
in regem persönlichem Verkehr geblieben; kein Ver- 
hältnis wusste er dagegen zu Carlyle zu gewinnen, den 
er um dieselbe Zeit kennen lernte. Carlyles cholerischer 
Pessimismus, der sich in ewigen Ausbrüchen Luft machte, 
war dem kühl urteilenden und gleichmütigen Philosophen 
auf die Dauer unerträglich. ;,Ich pflegte**, erzählt 
er, ;,Carlyle zu besuchen; aber er ist so widerwärtig 
und misanthropisch geworden und wütet so beständig 
über den schriTrr-eckliken Zustand der Dinge, dass ichs 
nicht länger aushielt. Ich mag mich nicht mit ihm 
streiten und will seinen Unsinn nicht länger mit anhören 



7. Spencer als Jonrnalist und Essayist. 28 

und bleibe deshalb weg. Er ist ein scbrecklicher 
Schwätzer, seine Zunge geht unaufhörlich; selbst seine 
Frau kann kein Wort anbringen, bis er hinausgeht, um 
seine Pfeife zu rauchen. Dann legt sie los und beweist, 
dass nur ihr Glatte sie ,auslöschen' kann. Carlyles 
Unterhaltung ist ein langes ,Verdamnit^" — 

Die ;,Social Statics" waren auch in anderer Be- 
ziehung bestimmend für Spencers Leben. Sie gaben ihm 
zuerst ein Bewusstsein seines Könnens und machten 
ihn recht eigentlich zum erstenmal auf die Probleme 
aufmerksam, denen sein weiteres Denken galt. Von 
den Fortschritten, die er als Denker in den nächsten 
acht Jahren machte, zeugen einige zwanzig Essays, die 
alle anonym erschienen, deren Erfolg ihm aber möglich 
machte, 1852 die journalistische Arbeit am „Economist^^ 
aufzugeben und sich künftig ausschliesslich der Aus- 
arbeitung seines Gedankensystems zu widmen. Die zehn 
Jahre von 1848—58 sind recht eigentlich die Zeit, da 
im Geist unseres Philosophen der Plan zu dem grossen 
Werk keimte und reifte, dem er sein späteres Leben 
geweiht hat. Die Geschichte seiner innern Entwicklung 
während dieser zehn Jahre ist für das Verständnis seiner 
Philosophie so wichtig, dass ich ihr das ganze zweite 
Kapitel widmen will. Hier sei nur bemerkt, dass er 
neben den genannten zwanzig Essays in dieser Periode auch 
ein grösseres Werk verfasste, seine Prinzipien der 
Psychologie, die 1853 erschienen. Dieses Buch, das 
die Wissenschaft der Psychologie auf eine neue Grund- 
lage stellte und das für sich allein Spencer einen dau- 
ernden Platz unter den ersten Denkern seiner Zeit 
sicherte, hat in seinem Leben eine verhängnisvolle Rolle 
gespielt. Spencer hätte sich so in sein Studium vertieft, 
dass er ob ihm alles andere vergass. Die Folge war 
ein Zusammenbruch seiner Gesundheit, der ihn zu andert- 
halbjährigem Nichtsthun verurteilte und ihm ein schweres 
chronisches Leiden hinterliess. Spencer hatte von da 



24 Erster Teil. Speocers Leben. 

an bestandig gegen Dyspepsie und Schlaflosigkeit zu 
kämpfen, und nur häufiges, gänzliches Aussetzen der 
Arbeit und striktester Gehorsam gegen die Vorschriften 
der Gesundheitslehre machten weitere geistige Produktion 
überhaupt möglich — im besten Falle konnte er täglich 
auf drei Stunden intensives Arbeiten rechnen. Es beruht 
auf eigenster trauriger Erfahrung, wenn Spencer in 
seiner Ethik mit so viel Nachdruck die Sorge für die 
eigene Gresundheit als ethische Pflicht hervorhebt. 

8. Während Spencer an seiner Psychologie arbeitete, 
reifte in ihm die Ueberzeugung, dass das Entwicklungs- 
gesetz, das er im menschlichen Geiste nachwies, ein 
Weltgesetz von gleich universeller Bedeutung darstelle, 
wie das der Schwerkraft, und seine erste Arbeit nach 
seiner Wiederherstellung war, für dieses universelle 
Gesetz eine ebenso universelle Ursache nachzuweisen. 
1858 kam ihm dann der Gedanke, dass dieses allgemeine 
Gesetz die natürliche Basis für ein allgemeines System 
abgäbe, unter dem sich alle Einzelerkenntnisse zu einem 
umfassenden undzusammenhängendenWeltbild zusammen- 
schliessen müssten. Mit dem Gedanken an die Möglich- 
keit eines so gewaltigen Unternehmens stand für Spencer 
zugleich der Beschluss fest, den Versuch der Ausführung 
zu machen. Mehr äussere als innere Schwierigkeiten, 
die unüberwindlich schienen, türmten sich ihm entgegen. 
Das Werk musste seiner Natur nach viele Jahre zu 
seiner Vollendung erfordern — Spencer rechnete an- 
fänglich auf zwanzig Jahre — ; es war eine Riesenarbeit, 
und der Mann, der sie unternehmen wollte, war, wie wir 
sahen, physisch ein Invalide. Spencer war femer dem 
grossen Publikum so gut wie unbekannt — alle seine 
Essays waren anonym erschienen, und von der „Psycho- 
logie*^ waren noch kaum 300 Exemplare abgesetzt. Dass 
er keinen Verleger finden könne und damit des ganzen 
mächtigen Einflusses verlustig gehen müsse, den die 



Die synthetische Philosophie. 25 

Verleger auf die Presse ausüben, stand ihm von vorne- 
herein fest. Seine besten Freunde rieten ihm ab. Die 
-einen meinten, die Zeit sei noch nicht reif für ein solches 
Unternehmen, die anderen, seine Kräfte würden nicht 
ausreichen. Spencer liess sich von alledem nicht ab- 
schrecken. Er erkannte in dem Werk die Aufgabe seines 
Lebens; er fühlte die geistige Kraft, der Aufgabe ge- 
nügen zu können, und er hielt an ihr fest mit der 
ganzen Zähigkeit seiner Rasse. Die ersten Jahre waren 
schwer; und wäre Spencer nicht ein so willensstarker 
Mann gewesen, so wäre sein System wohl nie über die 
ersten hundert Seiten gediehen. 

Die erste Schwierigkeit, die überwunden werden 
musste, war pekuniärer Natur. Spencer hatte das kleine 
Vermögen, das er besass, während seiner Krankheit 
und durch Veröffentlichungen, die sich nicht zahlten, aus- 
gegeben und er konnte von der Arbeit, der er sich hin- 
fort ganz widmen wollte, auf lange keinen pekuniären 
Ertrag erhoffen. Er wandte sich nun zuerst im 
Juli 1858 an John Stuart Mill, setzte ihm seinen 
Plan auseinander und frag an, ob sich nicht in der 
indischen Verwaltung, in der Mill beschäftigt war, ein 
Vertrauensposten für ihn finden lassen würde, der ihm 
Zeit genug zur Ausführung seines Planes liesse. Mill 
antwortete sehr teilnehmend; es fand sich aber nichts. 
Eine ähnJiche Anfrage bei der Regierung war gleich- 
falls vergeblich, obgleich er sie durch die besten Em- 
pfehlungsschreiben unterstützen konnte. John Stuart 
Mill, Greorge Grote und die Professoren Huxley, Fräser, 
Hooker, Tyndall, Latham hatten ihm ein schriftliches 
Gutachten ausgestellt, das dahin ging, dass er vor allen 
andern der richtige Mann sei, um ein grosses und eigen- 
artiges Werk zur Erweiterung und Organisierung des 
Wissens unserer Zeit zu schaffen, und dass die Förder- 
ung dieses Werkes der britischen Regierung immer zur 
hohen Ehre gereichen werde. Spencer war übrigens 



26 Erfter Teil. Spencers Leben. 

an dem Scheitern dieses Planes selbst mitschuldig. Er 
ist einer der Männer, die unter keinen Umständen ihre 
Ueberzeugungen zum Opfer bringen können, und die 
ausgesprochenen Ansichten, die er bezüglich der richtigen 
Grenzen der ßegierungsthätigkeit hegte, machten ihm 
bei der Mehrzahl der Posten, die sonst gepasst hätten, eine 
Annahme unmöglich ; andere, die er hätte haben können, 
hätten seine Zeit zusehr in Anspruch genommen. Als 
alle diese Pläne scheiterten, fasste Spencer den Ent- 
schluss, sein System auf Subskription zu veröffentlichen. 
Er entwarf nun zuerst 1858 einen Plan, der das ganze 
Werk auf sieben Bände berechnete, erweiterte diesen Plan 
dann im nächsten Jahr auf zehn Bände und legte ihn in 
einem „Prospectus* nieder, den er zu Beginn des Jahres 
1860 veröffentlichte. Wir werden von diesem denk- 
würdigen Schriftstück noch mehr hören. Es gibt in 
33 Unterabteilungen eine ins Einzelne gehende Ueber- 
sicht über das ganze Werk, an dem Spencer während 
der nächsten 35 Jahre arbeitete, dessen Grundzüge aber 
schon damals in seinem Kopf völlig fertig dastanden. 
Spencer ist später von dem „Prospectus^ nur in wenigen 
Kleinigkeiten abgewichen ! 

Die erste Lieferung seines Werkes erschien im 
Oktober 1860, und weitere folgten vierteljährlich, 
so dass der erste Band — die „First Principles" — 
bereits im Juni 1862 fertig war. Die Hoffnung, das- 
Unternehmen werde wenigstens die Kosten decken, ver- 
wirklichte sich nicht. Spencer verlor mit jeder Liefer- 
ung, die erschien, und die Aussichten auf eine Port- 
setzung des Werkes waren trüb. Prof. Youmans, der 
Spencer damals zum erstenmal gesehen hatte, schreibt 
am 24. August 1862 an seine Schwester: „Geschäftlich 
ist es dem armen Manne (Spencer) recht schlimm er- 
gangen. Seine Bücher haben ihm nie etwas eingebracht, 
im Gegenteil, sie hängen ihm wie Mühlsteine um den 
Hals. Von der ;,Psychologie" sind 500 Exemplare 



8. Die syntlietiBclie PhilosopMe. 2T 

publiziert worden ; 300 hat er heute (nach neun Jahren) 
noch in Händen. Die ^ Social Statics^ gingen etwas* 
besser. 750 Exemplare wurden vor elf Jahren publi- 
ziert, und die Ausgäbe ist beinahe erschöpft. Spencer 
will keine zweite riskieren. Von der „Erziehung^ sind 
500 Exemplare gedruckt und 200 verkauft worden. Er 
wünschte etwas zu thun, um dieses Buch in Umlauf zu 
bringen; zu diesem Zweck Hess er einige Exemplare 
billiger binden und schickte sie auf Wunsch per Post 
Lehrern zu. So wurden zwölf Exemplare abgesetzt, und 
das Ergebnis war, dass er den Buchhandel tötlich be- 
leidigte, der nun das Buch diesen Pormverstoss entgelten 
lässt. Und nun hat gar, um das Unglück voll zu machen, 
letzten Monat sein Verleger Greorge Manwaring falliert, 
wodurch Spencer den ganzen Ertrag der „Erziehung" 
und an seinen anderen Publikationen soviel verliert,, 
dass sich seinö Einbusse auf 500 Dollars beziffert. Was 
die „First Principles" betrifft, so wäre trotz aller An- 
strengung die ganze Sache zu Wasser geworden und 
diesen Sommer aufgegeben worden, hätte er nicht durch 
den Tod eines Onkels weitere Mittel geerbt. Dieses 
kleine Kapital setzte ihn in den Stand, den Plan weiter- 
zuführen und zu leben. Er sprach nur wenig von diesen 
Erfahrungen, spielte aber zwei- bis dreimal in sehr ein- 
facher und rührender Weise darauf an, im Zusammen- 
hang mit der Hilfe, die ihm von Amerika aus geworden 
ist. Was er von dort erhielt, ist der ganze Grewinn, 
den ihm sein Werk bis jetzt eingetragen hat.^ 

9. Nur die Ueberzeugung, dass er der Welt wirk- 
lich grosse Gedanken mitzuteilen habe, konnte einen 
kranken und nervösen Mann im Kampf mit allen diesen 
Widerwärtigkeiten aufrecht erhalten; und die Leidens- 
jahre waren noch keineswegs vorbei, als obige Zeilen 
geschrieben wurden. Das Erscheinen der Biologie 
bedeutete weitere Verluste, und bevor mehr als die- 



-28 Erster Teil. Spencers Leben. 

Hälfte des dritten Teils ausgegeben war, schien eine 
Fortsetzung des Unternehmens unmöglich. Spencer hatte 
bis dahin durch seine Publikationen 24000 Jt verloren 
und war nun so gut wie mittellos. Schweren Herzens 
teUte er daher im Herbst 1865 seinen Subskribenten 
mit, dass er die Fortsetzung des Werkes sistieren müsse. 

Es muss ihm in dieser schlimmen Lage ein Trost 
gewesen sein, zu sehen, wie diese Mitteilung von den 
besten seiner Zeitgenossen in England und den Ver- 
einigten Staaten geradezu als eine Unglücksbotschaft 
aufgenommen wurde. Als John Stuart Mill von ihr 
hörte, schrieb er sofort an Spencer, sein vielver- 
sprechendes Werk dürfe unter keinen Umständen unter- 
brochen werden; er, Mill, wolle die ganze pekuniäre 
Verantwortlichkeit für die Fortsetzung auf sich nehmen. 
Spencer war tief gerührt, glaubte aber, das hochherzige 
Anerbieten ablehnen zu müssen. Huxley, Lubbock uod 
andere Freunde strengten sich inzwischen an, die Zahl 
der Subskribenten künstlich zu erhöhen, aber auch dazu 
gab Spencer seine Einwilligung nur ungern. So war 
die Lage ausserordentlich kritisch, als im Jahre 1867 
ganz plötzlich sein Vater starb und ihm ein kleines 
Vermögen hinterliess. Zum drittenmal setzte so eine Erb- 
schaft Spencer in Stand, auszuharren und an seiner 
selbstgesetzten Aufgabe weiterzuarbeiten. 

Im Zusammenhang mit dieser schweren Zeit muss 
der Dienste gedacht werden, die der Amerikaner Ed. 
Livingston Youmans Spencer geleistet hat. Youmans, 
der vielleicht mehr als irgend ein anderer Mann für 
die Ausbreitung und Popularisierung wissenschaftlicher 
Kenntnisse in den Vereinigten Staaten gethan hat, war 
bereits 1856 durch einen Aufsatz in der ;,Medico- 
Ohirurgical Review'', der die ^^Prinzipien der Psychologie^ 
kritisierte, auf Spencer aufmerksam gemacht worden. 
Er Hess sich das Buch sofort kommen, erkannte seine 
Bedeutung und gewann die grösste Hochachtung 



9. Schwere Jahre. 29" 

vor seinem Verfasser. Er studierte dann die „Social 
Statics" und fand bald Spencers Hand in einer Reihe 
anonymer Artikel wieder, auf die er in verschiedenen 
Zeitschriften stiess. Im Februar 1860 zeigte ihm ganz 
zufällig ein Freund den ^Prospectus", den Spencer 
eben veröffentlichen wollte, und schon am nächsten Tag 
bot Youmans Spencer schriftlich an, ihm in jeder Weise, 
besonders aber in Besorgung amerikanischer Subskri- 
benten, behilflich zu sein. Spencer antwortete erfreut, 
und damit begann eine intime Freundschaft zwischenr 
den zwei Männern, der erst Youmans Tod im Jahr 
1887 ein Ende setzte. Youmans war von Anfang an- 
unermüdlich und mit grösster Selbstaufopferung in 
Spencers Interesse thätig. Es war vor allem sein^ 
Werk, dass Spencer in den Vereinigten Staaten früher 
ein grosser Name war als in der Heimat. Youmans 
verdankte er, dass die New- Yorker Firma „Appleton 
& Co.'* von Anfang an alle seine Werke in Amerika- 
publizierte und ihn, ohne durch eine litterarische Kon- 
vention gezwungen zu sein, dafür gerade so bezahlte,, 
als ob er ein Amerikaner gewesen wäre. Youmans war 
Spencer auch in der vorher geschilderten Krisis zu Hilfe 
gekommen. Er hatte kaum vom Stand der Dinge 
gehört, als er sofort unter Spencers amerikanischen. 
Freunden eine Sammlung veranstaltete, um ihm die 
Fortsetzung des Werkes zu ermöglichen. Und in kurzem 
hatte er wirklich 7000 Dollar aufgebracht. Die ganze 
Sache wurde Spencer in so feinfühliger Weise mitge- 
teilt, dass er unmöglich ablehnen konnte. In dem Brief, 
worin er seinen amerikanischen Freunden dankte, sagt 
er unter anderem: ,,Ich füge mich williger, weil die 
starke Sympathie mit meinen Zielen, die sich von 
Anfang an in den Vereinigten Staaten äusserte, mich, 
fühlen lässt, dass mehr unpersönliche als persönliche 
Erwägungen die Sammler bestimmt haben und dass sie 
auch mich leiten sollten. Sagen Sie darum allen, die- 



.30 Erster Ttil. Spencers Leben. 

zu dem präclitigen Gescshenk beitrugen, das meine Ver- 
luste während der letzten vierzehn Jahre mehr als ersetzt, 
dass ich es annehme, nemlich als ein anvertrautes 
Kapital, das für öffentliche Zwecke verwendet werden 
muss.'^ Spencer hat das Ehrengeschenk auf die Samm- 
lung und Verarbeitung der sociologischen Data ver- 
wendet, die seiner Gesellschaffcslehre zu Grunde liegen. 
Er hat sich zu dieser Arbeit der Hilfe von drei aka- 
demisch gebildeten Sekretären bedient, und das Resultat 
ihrer und seiner Arbeit in seiner „Descriptive Sociology*' 
veröffentlicht. Das Werk war finanziell ein Misserfolg; 
er hat an ihm über 40000 Ml verloren und er musste es 
infolge der Teilnahmlosigkeit des Publikums ganz 
sistieren, nachdem es auf acht Teile gediehen war. 

10. Spencers Verluste dauerten zwar noch einige 
Jahre fort, das Schlimmste war aber überstanden, und 
sein Lebensschiff glitt von nun an auf ruhigem Wasser 
dahin. Sein Name wurde bekannter und bekannter, und 
die Nachfrage nach seinen Büchern stieg und zwar so, 
dass bereits 1875 seine Verluste ganz gedeckt waren. 
Spencer erfreute sich seitdem eines wachsenden, für 
seine bescheidenen Verhältnisse reichen Einkommens; 
«s kam ihm nun zu gut, dass er sein eigener Ver- 
leger war. 

Der Herbst seines Lebens war, wie wir sehen 
werden, reich an köstlichen Früchten; dem Biographen 
aber bietet er nur wenig Interessantes. Spencer lebte 
die mehr als 30 Jahre, die seitdem verflossen sind, 
abgesehen von zwei längeren Reisen nach dem Süden 
Europas und nach den Vereinigten Staaten und abge- 
sehen von längeren Landaufenthalten, die sein Be- 
finden nötig machte, ausschliesslich in London, und 
die ganze Zeit hat ihn nur das eine Ziel beherrscht, 
sein grosses Werk zu vollenden. Diesem Ziel hat er 
alles andere geopfert, dafür hat er heute die Genug- 



10. SpäUre Jahre. 3l 

thuung, das Riesenwerk in zehn Bänden — beinahe 
6000 enggedruckte Seiten — bis auf wenige Abschnitte 
der Sociologie fertig vor sich stehn zu sehen. Wenn 
Spencer die 20 Jahre, die er sich zu seiner Vollendung 
gesetzt hatte, weit überschritt, so war daran allein sein 
leidender Zustand schuld. Es zeigte sich bald, dass er 
zu optimistisch gewesen war, wenn er auf täglich drei 
Stunden Arbeitszeit rechnen zu können glaubte. Wieder 
und wieder versagten seine Kräfte ganz und Wochen 
und Monate lang musste er auf alle Arbeit verzichten, 
Ende der siebziger Jahre hatte sich seine Gesundheit 
sogar derart verschlechtert, dass er alle Hofihung auf- 
gab, das ganze System, wie es in seinem Geiste fertig 
stand, ausarbeiten zu können. Er übersprang deshalb 
die noch ausstehenden Teile der Sociologie und wandte 
sich sofort der Ethik zu, in der er die Krone seines 
ganzen Werkes sah. Kaum waren 1879 die „Data of 
Ethics" erschienen, als sich sein Vorgefühl bestätigte 
und seine Kräfte immer mehr nachliessen, bis im Jahre 
1 886 ein völliger Zusammenbruch eintrat, der ihm während 
der nächsten vier Jahre jede Arbeit unmöglich machte . 
Seitdem hat sich Spencer zum Glück wieder so erholt, 
dass er in den letzten fünf Jahren nicht nur die Ethik fertig- 
stellen, sondern auch in der weiteren Ausarbeitung der So- 
ciologie die bedeutendsten Portschritte machen konnte. 
Heute scheint die Gefahr vorbei, dass sein Monumen- 
talwerk ein Torso bleiben möchte. Spencers Landsleute 
haben auch das Sprichwort : ;, Where there is a will, there 
is a way" ; Spencers Leben und Ringen ist ein Beweis 
für die Wahrheit dieses Sprichworts! 

Wie wenig bis auf den heutigen Tag Spencers be- 
ständiges körperliches Leiden seine geistige Kraft 
geschwächt hat, bewies er noch neulich in der lebhaften 
Kontroverse, die er mit Professor Weismann über die 
Frage, ob erworbene Eigenschaften vererblich sind oder 
nicht, geführt hat. Spencer hat immer grosse Neigung 



:30 Erster Teil. Spencers Leben. 

zu dem prächtigen Geschenk beitrugen, das meine Ver- 
luste während der letzten vierzehn Jahre mehr als ersetzt, 
dass ich es annehme, nemlich als ein anvertrautes 
Kapital, das für öffentliche Zwecke verwendet werden 
muss." Spencer hat das Ehrengeschenk auf die Samm- 
lung und Verarbeitung der sociologischen Data ver- 
wendet, die seiner Gesellschaffcslehre zu Grunde liegen. 
Er hat sich zu dieser Arbeit der HiKe von drei aka- 
demisch gebildeten Sekretären bedient, und das Resultat 
ihrer und seiner Arbeit in seiner ,,Descriptive Sociology*' 
veröffentlicht. Das Werk war finanziell ein Misserfolg; 
er hat an ihm über 40000 M^ verloren und er musste es 
infolge der Teilnahmlosigkeit des Publikums ganz 
.sistieren, nachdem es auf acht Teile gediehen war. 

10. Spencers Verluste dauerten zwar noch einige 
Jahre fort, das Schlinmiste war aber überstanden, und 
sein Lebensschiff glitt von nun an auf ruhigem Wasser 
dahin. Sein Name wurde bekannter und bekannter, und 
die Nachfrage nach seinen Büchern stieg und zwar so, 
dass bereits 1875 seine Verluste ganz gedeckt waren» 
Spencer erfreute sich seitdem eines wachsenden, für 
seine bescheidenen Verhältnisse reichen Einkommens; 
«s kam ihm nun zu gut, dass er sein eigener Ver- 
leger war. 

Der Herbst seines Lebens war, wie wir sehen 
werden, reich an köstlichen Früchten; dem Biographen 
aber bietet er nur wenig Interessantes. Spencer lebte 
die mehr als 30 Jahre, die seitdem verflossen sind, 
abgesehen von zwei längeren Reisen nach dem Süden 
Europas und nach den Vereinigten Staaten und abge- 
sehen von längeren Landaufenthalten, die sein Be- 
finden nötig machte, ausschliesslich in London, und 
die ganze Zeit hat ihn nur das eine Ziel beherrscht, 
"*n grosses Werk zu vollenden. Diesem Ziel hat er 
3 andere geopfert, dafür hat er heute die Genug- 



10. SpäUre Jahre. 3l 

thuung, das Riesenwerk in zehn Bänden —• beinahe 
6000 enggedruckte Seiten — bis auf wenige Abschnitte 
der Sociologie fertig vor sich stehn zu sehen. Wenn 
Spencer die 20 Jahre, die er sich zu seiner Vollendung 
gesetzt hatte, weit überschritt, so war daran allein sein 
leidender Zustand schuld. Es zeigte sich bald, dass er 
zu optimistisch gewesen war, wenn er auf täglich drei 
Stunden Arbeitszeit rechnen zu können glaubte. Wieder 
und wieder versagten seine Kräfte ganz und Wochen 
und Monate lang musste er auf alle Arbeit verzichten. 
Ende der siebziger Jahre hatte sich seine Gesundheit 
sogar derart verschlechtert, dass er alle Hoffnung auf- 
gab, das ganze System, wie es in seinem Geiste fertig 
stand, ausarbeiten zu können. Er übersprang deshalb 
die noch ausstehenden Teile der Sociologie und wandte 
sich sofort der Ethik zu, in der er die Krone seines 
ganzen Werkes sah. Kaum waren 1879 die „Data of 
Ethics" erschienen, als sich sein Vorgefühl bestätigte 
und seine Kräfte immer mehr nachliessen, bis im Jahre 
1 886 ein völliger Zusammenbruch eintrat, der ihm während 
der nächsten vier Jahre jede Arbeit unmöglich machte . 
Seitdem hat sich Spencer zum Glück wieder so erholt, 
dass er in den letzten fünf Jahren nicht nur die Ethik fertig- 
stellen, sondern auch in der weiteren Ausarbeitung der So- 
ciologie die bedeutendsten Eortschritte machen konnte. 
Heute scheint die Gefahr vorbei, dass sein Monumen- 
talwerk ein Torso bleiben möchte. Spencers Landsleute 
haben auch das Sprichwort : „ Where there is a will, there 
is a way" ; Spencers Leben und Bingen ist ein Beweis 
für die Wahrheit dieses Sprichworts! 

Wie wenig bis auf den heutigen Tag Spencers be- 
ständiges körperliches Leiden seine geistige Kraft 
geschwächt hat, bewies er noch neulich in der lebhaften 
Kontroverse, die er mit Professor Weismann über die 
Frage, ob erworbene Eigenschaften vererblich sind oder 
nicht, geführt hat. Spencer hat immer grosse Neip^ 



32 Erster Teil. Spencers Leben. 

zu wissenschaftlicher Kontroverse gezeigt und si<5b 
dadurch mehr als einmal in lange Fehden verwickeln 
lassen, von denen er sich vielleicht im Interesse seiner 
eigentlichen Aufgabe besser ferngehalten hätte. Er 
hat eben manches von seinen puritanischen Vorfahren 
geerbt und darunter vor allem den Trieb, unter einem 
Angriff nicht still zu sitzen und unter allen Umständen 
für seine Rechte und seine Ueberzeugungen einzutreten. 

Verheiratet war Spencer nie; es ging ihm damit 
wohl wie den meisten grossen Philosophen: er fand, das» 
man nicht zwei Herren zugleich dienen kann, und das& 
die Philosophie eine sehr eifersüchtige Herrin ist, 
Spencer ist übrigens durchaus kein-' menschenscheuer 
Einsiedler. Solange seine Gesundheit es erlaubte, war 
er in vielen Eamilien ein willkommener Gast und ein 
häufiger Besucher des Theaters, wo er besonders an 
komischen Opern grossen Gefallen fand. Auch heute 
erscheint er jeden Nachmittag im Athenaeum, dem gros- 
sen Gelehrtenklub Londons, spielt eine Partie Billard 
und unterhält sich mit alten Ereunden und Bekannten. 
Er ist über alle Tagesfragen wohl unterrichtet und 
spricht gern und frei von der Leber weg, allerdings 
immer mit einer Bestimmtheit und einem Ernst, die 
eigentliches Plaudern nicht recht aufkommen lassen. 
^Spencer spricht wie ein Buch^, meinte einer seiner 
Bekannten. Für Spencer ist eben das Philosophieren 
nicht ein Geschäft, das man nach erledigter Arbeit bei 
Seite legen kann; es ist ihm zweite Natur. Er lebt 
und webt so ganz in seinem grossen Werk, dass er 
auch im Alltagsleben seine Sprache spricht, die Schlüsse,, 
zu denen es ihn geführt, anwendet und beständig auf 
Illustrationen für seine Wahrheit stösst. 

Und wie auf theoretischem Gebiet, so auf prak- 
tischem. Was Spencer für recht und gut erkannt hat, 
das will er, und was er will, das thut er. Es charak* 
terisiert ihn nach der Willensseite hin nichts so sehr 



10. Spätere Jahre. 33 

als eine gewisse schroffe Selbständigkeit und eine enorme 
Zähigkeit im Festhalten am gesteckten Ziele. Als Mensch 
gleicht er wohl keinem der früheren Denker mehr als dem 
unabhängigen, uneigenützigen, sich immer des rechten Weges 
bewussten Spinoza ; während ihn als Philosophen die Inten- 
sität seiner generalisierenden Kraft, die Weite seines 
Wissens und seines Blickes zum Fair eines Aristoteles und 
Descartes machen. 



» ■ » ■ ■ 



Ganpp, Spencer. 8 



Z>Areiter Teil. 



Spencers Werk. 



Erstes Kapitel. 

w 

Zur Entstehungs-Geschichte der 
Entwicklungs-Philosophie« 

11. Schopenhauer sagt einmal, seine Philosophie sei 
die Darstellung eines einzigen Gedankens. Dasselbe kann 
eigentlich von jeder grossen Philosophie gesagt werden und 
von keiner mit mehr Recht als gerade von der Spencer- 
schen. Ihr grosser Gedanke ist das Entwicklungsgesetz 
— und alle ihre einzelnen Teile : die Biologie, die Psycho- 
logie, die Soziologie und die Ethik sind immer nur Dar- 
stellungen des Entwicklungsgesetzes, wie es sich auf den 
verschiedenen Gebieten des Seins manifestiert. Ja, man 
kann sagen, alles, was war, ist und wird, die Welt und 
unser Planet, die verschiedenen Formen des Lebens, wie 
der menschliche Geist und seine Produkte, interessieren 
Spencer in erster Linie nur als Illustrationen für dieses 
grosse Gesetz. 

Spencers Philosophie ist insofern einseitig; aber sie 
teilt diesen Fehler mit jeder andern grossen Philosophie. 
Die Fülle des Seins ist eben so unendlich mannigfaltig, 
menschliches Leben so kurz und menschliche Kraft so be- 
schränkt, dass einen Gedanken, der wirklich für die Inter- 
pretation der Wirklichkeit von Wert ist, an allen Seiten 
des Daseins zu messen, ein Menschenleben reichlich aus- 
füllt. Gerade infolge dieser notwendigen Einseitigkeit einer 
Philosophie sind ihre richtige Beurteilung und ihr richtiges 
Yerständnis vor allem davon abhängig, dass man ihren 
Grundgedanken — ihre id6e mfere, wie die Franzosen es 
glücklich nennen — fest erfasst. Jede Philosophie ist ja 



-28 Erster Teil. Spencers Leben. 

Hälfte des dritten Teils ausgegeben war, schien eine 
Fortsetzung des Unternehmens unmöglich. Spencer hatte 
bis dahin durch seine Publikationen 24000 Jt verloren 
und war nun so gut wie mittellos. Schweren Herzens 
teilte er daher im Herbst 1865 seinen Subskribenten 
mit, dass er die Fortsetzung des Werkes sistieren müsse. 

Es muss ihm in dieser schlimmen Lage ein Trost 
gewesen sein, zu sehen, wie diese Mitteilung von den 
besten seiner Zeitgenossen in England und den Ver- 
-einigten Staaten geradezu als eine Unglücksbotschaft 
aufgenommen wurde. Als John Stuart Mill von ihr 
hörte, schrieb er sofort an Spencer, sein vielver- 
sprechendes Werk dürfe unter keinen Umständen unter- 
brochen werden; er, Mill, wolle die ganze pekuniäre 
Verantwortlichkeit für die Fortsetzung auf sich nehmen. 
.Spencer war tief gerührt, glaubte aber, das hochherzige 
Anerbieten ablehnen zu müssen. Huxley, Lubbock und 
andere Freunde strengten sich inzwischen an, die Zahl 
der Subskribenten künstlich zu erhöhen, aber auch dazu 
gab Spencer seine Einwilligung nur ungern. So war 
die Lage ausserordentlich kritisch, als im Jahre 1867 
ganz plötzlich sein Vater starb und ihm ein kleines 
Vermögen hinterliess. Zum drittenmal setzte so eine Erb- 
schaft Spencer in Stand, auszuharren und an seiner 
selbstgesetzten Aufgabe weiterzuarbeiten. 

Im Zusammenhang mit dieser schweren Zeit muss 
der Dienste gedacht werden, die der Amerikaner Ed. 
Livingston Youmans Spencer geleistet hat. Youmans, 
der vielleicht mehr als irgend ein anderer Mann für 
die Ausbreitung und Popularisierung wissenschaftlicher 
Kenntnisse in den Vereinigten Staaten gethan hat, war 
bereits 1856 durch einen Aufsatz in der „Medico- 
Ohirurgical Review", der die „Prinzipien der Psychologie^ 
kritisierte, auf Spencer aufmerksam gemacht worden. 
Er Hess sich das Buch sofort kommen, erkannte seine 
Bedeutung und gewann die grösste Hochachtung 



9. Schwere Jahre. 29" 

vor seinem Verfasser. Er studierte dann die „Social 
Statics" und fand bald Spencers Hand in einer Reihe 
anonymer Artikel wieder, auf die er in verschiedenen 
Zeitschriften stiess. Im Februar 1860 zeigte ihm ganz 
zufällig ein Freund den ^Prospectus", den Spencer 
eben veröffentlichen wollte, und schon am nächsten Tag 
bot Youmans Spencer schriftlich an, ihm in jeder Weise, 
besonders aber in Besorgung amerikanischer Subskri- 
benten, behilflich zu sein. Spencer antwortete erfreut, 
und damit begann eine intime Freundschaft zwischenr 
den zwei Männern, der erst Youmans Tod im Jahr 
1887 ein Ende setzte. Youmans war von Anfang an< 
unermüdlich und mit grösster Selbstaufopferung in 
Spencers Interesse thätig. Es war vor allem sein^ 
Werk, dass Spencer in den Vereinigten Staaten früher 
ein grosser Name war als in der Heimat. Youmans 
verdankte er, dass die New- Yorker Firma „Appleton 
& Co.^* von Anfang an alle seine Werke in Amerika- 
publizierte und ihn, ohne durch eine litterarische Kon- 
vention gezwungen zu sein, dafür gerade so bezahlte,, 
als ob er ein Amerikaner gewesen wäre. Youmans war 
Spencer auch in der vorher geschilderten Elrisis zu Hilfe 
gekommen. Er hatte kaum vom Stand der Dinge 
gehört, als er sofort unter Spencers amerikanischen. 
Freunden eine Sammlung veranstaltete, um ihm die 
Fortsetzung des Werkes zu ermöglichen. Und in kurzem 
hatte er wirklich 7000 Dollar aufgebracht. Die ganze 
Sache wurde Spencer in so feinfühliger Weise mitge- 
teilt, dass er unmöglich ablehnen konnte. In dem Brief, 
worin er seinen amerikanischen Freunden dankte, sagt 
er unter anderem: ,,Ich füge mich wiUiger, weil die 
starke Sympathie mit meinen Zielen, die sich von 
Anfang an in den Vereinigten Staaten äusserte, mich, 
fühlen lässt, dass mehr unpersönliche als persönliche 
Erwägungen die Sammler bestimmt haben und dass sie 
auch mich leiten sollten. Sagen Sie darum allen, die- 



.so Erster Teil. Spencers Leben. 

zu dem prächtigen Geschenk beitrugen, das meine Ver- 
luste während der letzten vierzehn Jahre mehr als ersetzt, 
dass ich es annehme, nemlich als ein anvertrautes 
Kapital, das für öffentliche Zwecke verwendet werden 
muss.** Spencer hat das Ehrengeschenk auf die Samm- 
lung und Verarbeitung der sociologischen Data ver- 
wendet, die seiner GeseUschaftslehre zu Grunde liegen. 
Er hat sich zu dieser Arbeit der HiKe von drei aka- 
demisch gebildeten Sekretären bedient, und das Resultat 
ihrer und seiner Arbeit in seiner „Descriptive Sociology** 
veröffentlicht. Das Werk war finanziell ein Misserfolg; 
er hat an ihm über 40000 Jt verloren und er musste es 
infolge der Teilnahmlosigkeit des Publikums ganz 
.sistieren, nachdem es auf acht Teile gediehen war. 

10. Spencers Verluste dauerten zwar noch einige 
Jahre fort, das Schlimmste war aber überstanden, und 
sein Lebensschiff glitt von nun an auf ruhigem Wasser 
dahin. Sein Name wurde bekannter und bekannter, und 
die Nachfrage nach seinen Büchern stieg und zwar so, 
dass bereits 1875 seine Verluste ganz gedeckt waren. 
Spencer erfreute sich seitdem eines wachsenden, für 
seine bescheidenen Verhältnisse reichen Einkommens; 
«s kam ihm nun zu gut, dass er sein eigener Ver- 
leger war. 

Der Herbst seines Lebens war, wie wir sehen 
werden, reich an köstlichen Früchten; dem Biographen 
aber bietet er nur wenig Interessantes. Spencer lebte 
die mehr als 30 Jahre, die seitdem verflossen sind, 
abgesehen von zwei längeren Reisen nach dem Süden 
Europas und nach den Vereinigten Staaten und abge- 
jsehen von längeren Landaufenthalten, die sein Be- 
finden nötig machte, ausschliesslich in London, und 
die ganze Zeit hat ihn nur das eine Ziel beherrscht, 
sein grosses Werk zu vollenden. Diesem Ziel hat er 
Alles andere geopfert, dafür hat er heute die Genug- 



10. SpäUre Jahre. 3l 

thuung, das Riesenwerk in zehn Bänden — beinahe 
6000 enggedruckte Seiten — bis auf wenige Abschnitte 
der Sociologie fertig vor sich stehn zu sehen. Wenn 
Spencer die 20 Jahre, die er sich zu seiner Vollendung 
gesetzt hatte, weit überschritt, so war daran allein sein 
leidender Zustand schuld. Es zeigte sich bald, dass er 
zu optimistisch gewesen war, wenn er auf täglich drei 
Stunden Arbeitszeit rechnen zu können glaubte. Wieder 
und wieder versagten seine Kräfte ganz und Wochen 
und Monate lang musste er auf alle Arbeit verzichten. 
Ende der siebziger Jahre hatte sich seine Gesundheit 
sogar derart verschlechtert, dass er alle Hoffnung auf- 
gab, das ganze System, wie es in seinem Geiste fertig 
stand, ausarbeiten zu können. Er übersprang deshalb 
die noch ausstehenden Teile der Sociologie und wandte 
sich sofort der Ethik zu, in der er die Krone seines 
ganzen Werkes sah. Kaum waren 1879 die ;,Data of 
Ethics" erschienen, als sich sein Vorgefühl bestätigte 
und seine Kräfte immer mehr nachliessen, bis im Jahre 
1 886 ein völliger Zusammenbruch eintrat, der ihm während 
der nächsten vier Jahre jede Arbeit unmöglich machte . 
Seitdem hat sich Spencer zum Glück wieder so erholt, 
dass er in den letzten fünf Jahren nicht nur die Ethik fertig- 
stellen, sondern auch in der weiteren Ausarbeitung der So- 
ciologie die bedeutendsten Eortschritte machen konnte. 
Heute scheint die Gefahr vorbei, dass sein Monumen- 
talwerk ein Torso bleiben möchte. Spencers Landsleute 
haben auch das Sprichwort : „ Where there is a will, there 
is a way" ; Spencers Leben und Bingen ist ein Beweis 
für die Wahrheit dieses Sprichworts! 

Wie wenig bis auf den heutigen Tag Spencers be- 
ständiges körperliches Leiden seine geistige Kraft 
geschwächt hat, bewies er noch neulich in der lebhaften 
Kontroverse, die er mit Professor Weismann über die 
Frage, ob erworbene Eigenschaften vererblich sind oder 
nicht, geführt hat. Spencer hat immer grosse Neigung 



32 Erster Teil. Spencers Leben. 

zu wissenschaftlicher Kontroverse gezeigt und si<5b 
dadurch mehr als einmal in lange Fehden verwickeln 
lassen, von denen er sich vielleicht im Interesse seiner 
eigentlichen Aufgabe besser femgehalten hätte. Er 
hat eben manches von seinen puritanischen Vorfahren 
geerbt und darunter vor allem den Trieb, unter einem 
Angriff nicht still zu sitzen und unter allen Umständen 
für seine Rechte und seine Ueberzeugungen einzutreten. 

Verheiratet war Spencer nie; es ging ihm damit 
wohl wie den meisten grossen Philosophen: er fand, dass 
man nicht zwei Herren zugleich dienen kann, und das& 
die Philosophie eine sehr eifersüchtige Herrin ist. 
Spencer ist übrigens durchaus kein-' menschenscheuer 
Einsiedler. Solange seine Gesundheit es erlaubte, war 
er in vielen Eamilien ein willkommener Gast und ein 
häufiger Besucher des Theaters, wo er besonders an 
komischen Opern grossen Gefallen fand. Auch heute 
erscheint er jeden Nachmittag im Athenaeum, dem gros- 
sen Gelehrtenklub Londons, spielt eine Partie Billard 
und unterhält sich mit alten Freunden und Bekannten. 
Er ist über alle Tagesfragen wohl unterrichtet und 
spricht gern und frei von der Leber weg, allerdings 
immer mit einer Bestimmtheit und einem Ernst, die 
eigentliches Plaudern nicht recht aufkommen lassen. 
„Spencer spricht wie ein Buch^, meinte einer seiner 
Bekannten. Für Spencer ist eben das Philosophieren 
nicht ein Geschäft, das man nach erledigter Arbeit bei 
Seite legen kann; es ist ihm zweite Natur. Er lebt 
und webt so ganz in seinem grossen Werk, dass er 
auch im Alltagsleben seine Sprache spricht, die Schlüsse^ 
zu denen es ihn geführt, anwendet und beständig auf 
Illustrationen für seine Wahrheit stösst. 

Und wie auf theoretischem Gebiet, so auf prak- 
tischem. Was Spencer für recht und gut erkannt hat, 
das will er, und was er will, das thut er. Es charak* 
terisiert ihn nach der Willensseite hin nichts so sehr 



10. Spätere Jahre. 33 

als eine gewisse schroffe Selbständigkeit und eine enorme 
Zähigkeit im Festhalten am gesteckten Ziele. Als Mensch 
gleicht er wohl keinem der früheren Denker mehr als dem 
unabhängigen, uneigenützigen, sich immer des rechten Weges 
bewussten Spinoza ; während ihn als Philosophen die Inten- 
sität seiner generalisierenden Kraft, die Weite seines 
Wissens und seines Blickes zum Fair eines Aristoteles und 
Descartes machen. 



Ganpp, Spencer. d 



Zweiter Teil. 



Spencers Werk. 



Erstes Kapitel. 

w 

Zur Entstehungs-Geschichte der 
Entwicklungs-Philosophie« 

11. Schopenhauer sagt einmal, seine Philosophie sei 
die Darstellung eines einzigen Gedankens. Dasselbe kann 
eigentlich von jeder grossen Philosophie gesagt werden und 
von keiner mit mehr Eecht als gerade von der Spencer- 
schen. Ihr grosser Gedanke ist das Entwicklungsgesetz 
— und alle ihre einzelnen Teile : die Biologie, die Psycho- 
logie, die Soziologie und die Ethik sind immer nur Dar- 
stellungen des Entwicklungsgesetzes, wie es sich auf den 
verschiedenen Gebieten des Seins manifestiert. Ja, man 
kann sagen, alles, was war, ist und wird, die Welt und 
unser Planet, die verschiedenen Formen des Lebens, wie 
der menschliche Geist und seine Produkte, interessieren 
Spencer in erster Linie nur als Illustrationen für dieses 
grosse Gesetz. 

Spencers Philosophie ist insofern einseitig; aber sie 
teilt diesen Fehler mit jeder andern grossen Philosophie. 
Die Fülle des Seins ist eben so unendlich mannigfaltig, 
menschliches Leben so kurz und menschliche Kraft so be- 
schränkt, dass einen Gedanken, der wirklich für die Inter- 
pretation der Wirklichkeit von Wert ist, an allen Seiten 
des Daseins zu messen, ein Menschenleben reichlich aus- 
füllt. Gerade infolge dieser notwendigen Einseitigkeit einer 
Philosophie sind ihre richtige Beurteilung und ihr richtiges 
Yerständnis vor allem davon abhängig, dass man ihren 
Grundgedanken — ihre id^e m^re, wie die Franzosen es 
glücklich nennen — fest erfasst. Jede Philosophie ist ja 



38 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

nichts anderes als ein Bild der Welt, gesehen von einem 
bestimmten Gesichtspunkte; und diesen Gesichtspunkt giebt 
eben ihr Grundgedanke. Wenn wir ihn daher verfehlen, 
so erscheint uns notwendig das ganze Bild, das der Philo- 
soph entworfen hat, verzerrt und unrichtig; einfach schon 
deshalb, weil wir dann von einem andern Standpunkt aus 
auf den Gegenstand des Bildes blicken. 

Wenn uns Spencers Philosophie etwas lehrt, so ist es, 
t dass man ein Ding nur dann versteht, wenn man weiss, 
'wie es geworden ist. Wir handeln daher ganz in ihrem 
Geiste, wenn wir in diesem Kapitel versuchen, in den 
schöpferischen Gedanken seiner Philosophie auf dem Wege 
einzudringen, dass wir sein allmähliches Wachsen und 
Heranreifen in Spencers Geist verfolgen. Es soll also 
ausschliesslich die Phase seines geistigen Lebens behan- 
deln, in der sein Denken noch flüssig war, und es soll die 
Gesichtspunkte aufweisen, die jeweils zur Weiterentwick- 
lung seiner Gedanken gedrängt haben. Die Zeit, die da- 
bei in Betracht kommt, schliesst mit der Veröflfentlichung 
der zweiten Ausgabe der „First Principles" ab — wjCs 
Spencer seitdem geschrieben hat, stellt sich im wesentlichen 
nur dar als weitere Ausreifung und Ausarbeitung bis da- 
hin in heisser Denkarbeit gezeitigter Gedanken. Der Ver- 
such, die Entwicklung der leitenden Gedanken der Spencer- 
schen Philosophie zu skizzieren, wird erleichtert und lohnen- 
der gemacht einmal dadurch, dass Spencer nur wenig von 
aussen annahm und zu seinen endgültigen Schlüssen bei- 
nahe ganz durch innere Weiterbildung seiner ursprüng- 
lichen Anschauungen kam, und dann dadurch, dass wir 
alle Phasen seiner Entwicklung in aufeinanderfolgenden 
Schriften fixiert vor uns haben. 

12. Offenbar werden wir die Bedeutung, die die ein- 
zelnen Schritte in diesem Entwicklungsgang haben, besser 
würdigen können, wenn wir wenigstens einen allgemeinen 
Begriff von dem Ziel haben, zu dem er geführt hat. Ich 



12. Die Quintessenz der synthetischen Philosophie. 39 

stelle daher an die Spitze dieses Kapitels 16 Sätze, in 
denen Spencer selbst die Quintessenz seiner Philosophie 
niedergelegt hat. Ich reproduziere diese etwas ausführliche 
Darlegung um so lieber, als sie in deutscher Sprache nicht 
bekannt ist und die passende Grundlage zu einer Analyse 
giebt, die die Entwicklungsskizze vorbereiten und ver- 
ständlich machen soll. Die Summa Sunmiarum der syn- 
thetischen Philosophie lautet: 

a) Ueberall im Universum, im allgemeinen wie im 
einzelnen, geht eine unaufhörliche Andersverteilung von 
Materie und Bewegung vor sich. 

b) Diese Andersverteilung ist Entwicklung, wenn Inte- 
gration von Materie und Zerstreuung von Bewegung über- 
wiegen; sie ist Auflösung, wenn Aufnahme (Absorption) 
von Bewegung und Disintegration von Materie überwiegen. 

c) Die Entwicklung ist einfach, wenn der Prozess der 
Integration oder der Bildung eines zusammenhängenden 
Aggregates vor sich geht, ohne durch andere Prozesse 
kompliziert zu sein. 

d) Die Entwicklung ist zusammengesetzt, wenn diesen 
primären üebergang aus einem unzusammenhängenden zu 
einem zusammenhängenden Zustand sekundäre Verände- 
rungen begleiten, die sich daraus ergeben, dass die ver- 
schiedenen Teile des Aggregats verschiedenen äusseren Ein- 
wirkungen ausgesetzt sind. 

e) Diese sekundären Veränderungen stellen sich dar 
als die Umwandlung eines Gleichartigen (Homogenen) in 
ein Ungleichartiges (Heterogenes) — eine Umwandlung, 
die, wie die erste, das Universum als ein Ganzes und alle 
(oder beinahe alle) seine Bestandteile aufweist : das 
Aggregat der Sterne und Sternennebel, das Planetensystem, 
die Erde als eine unorganische Masse, jeder Organismus, 
er sei Pflanze oder Tier (von Baer's Gesetz), das Aggregat 
der Organismen während der ganzen geologischen Zeit, der 
menschliche Geist, die Gesellschaft, alle Produkte sozialer 
Thätigkeit. 



40 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

f) Der Prozess der Integration, der sowohl lokal als 
allgemein wirkt, kombiniert sich mit dem Prozess der 
DiflFerenzierung und macht dadurch diese Veränderung zu 
einem Uebergang nicht einfach von Gleichartigkeit zu Un- 
gleichartigkeit, sondern von unbestimmter Gleichartigkeit 
zu bestimmter Ungleichartigkeit ; und dieses Merkmal zu- 
nehmender Bestimmtheit, das das Merkmal zunehmender 
Ungleichartigkeit begleitet, zeigt sich gleichfalls in der 
Gesamtheit der Dinge und in allen ihren Abteilungen und 
Unterabteilungen bis herab zu den kleinsten. 

g) Begleitet wird die Andersverteilung der Materie, in 
der die Entwicklung eines jeden Aggregates besteht, von 
einer Andersverteilung der inneren gegenseitigen Bewegung 
seiner Bestandteile; diese wird gleichfalls schrittweise be- 
stimmter ungleichartig. 

h) In Abwesenheit einer Gleichartigkeit, die unbegrenzt 
und absolut ist, ist diese Andersverteilung, deren Eine 
Phase die Entwicklung ist, unvermeidlich. Die Ursachen, 
die sie notwendig machen, sind: 

i) Die Unbeständigkeit des Gleichartigen, die darin 
begründet ist, dass die verschiedenen Teile jedes begrenzten 
Aggregates den einfallenden Kräften auf ungleiche Weise 
ausgesetzt sind. Die Umwandlungen, die daraus folgen, 
werden kompliziert durch die 

k) Vervielfältigung der Wirkungen: Jede Masse und 
jeder Massenteil, die eine Kraft trifft, zerteilen und dif- 
ferenzieren diese Kraft, die infolgedessen eine Mannigfaltig- 
keit von Veränderungen bewirkt, von denen dann jede die 
Quelle ähnlich sich vervielfältigender Veränderungen wird. 
Die Vervielföltigung derselben wird um so grösser, je un- 
gleichartiger das Aggregat wird. Und diese zwei Ursachen 
wachsender Differenzierungen werden unterstützt durch die 

1) Scheidung, einen Prozess, der darauf hinarbeitet, 
ähnliche Einheiten zu trennen und gleiche Einheiten zu- 
flammenzubringen , was beständig dazu dient, Diflferenzie- 



12. Die Quintessenz der synthetischen Philosophie. 41 

rungen, die auf andere Weise entstanden sind, zu verschärfen 
oder bestimmt zu machen. 

m) Entstehung eines Gleichgewichts ist das endgültige 
Ergebnis der Umwandlungen, die ein sich entwickelndes 
Aggregat durchläuft. Die Veränderungen dauern fort, bis 
ein Gleichgewicht hergestellt ist zwischen den Kräften, 
denen alle Teile des Aggregats ausgesetzt sind, und den 
Kräften, die diese Teile ihnen entgegensetzen. Die Gleich- 
gewichtsherstellung kann auf dem Weg zum endgültigen 
Gleichgewicht hindurch müssen durch ein Uebergangs- 
stadium ausgeglichener Bewegungen (wie im Planetensystem) 
oder ausgeglichener Punktionen (wie im lebendigen Körper) ; 
aber der Zustand der Ruhe in unorganischen Körpern oder 
des Todes in organischen ist die notwendige Grenze der 
Veränderungen, aus denen Entwicklung besteht. 

n) Auflösung ist die entgegengesetzte Veränderung, 
der früher oder später jedes entwickelte Aggregat verfällt. 
Indem es umgebenden Kräften, die nicht ausgeglichen sind, 
ausgesetzt bleibt, neigt es beständig dazu, sich durch all- 
mähliche oder plötzliche Vermehrung der in ihm enthal- 
tenen Bewegung aufzulösen. Diese Auflösung, die bei früher 
belebten Körpern schnell und bei unbelebten Massen langsam 
vor sich geht, steht in unbestimmt entfernter Zeit auch jeder 
Sternen- und Planetenmasse bevor, die sich seit einer unbe- 
stimmt entfernten Zeit in der Vergangenheit langsam entwickelt 
hat. Der Cyklus ihrer Umwandlungen ist damit vollendet. 

o) Dieser Rhythmus von Entwicklung und Auflösung, 
der sich in kleinen Aggregaten in kurzer Zeit vollendet 
und in grossen, durch den Raum zerstreuten Aggregaten 
• Perioden braucht, die menschliches Denken nicht abmessen 
kann, ist, soweit wir sehn können, allgemein und ewig: 
jede der zwei abwechselnden Phasen des Prozesses herrscht 
bald in diesem, bald in jenem Teil des Raumes vor, wie 
es die lokalen Verhältnisse bestimmen. 

p) Alle diese Erscheinungen in ihren grossen Zügen 
bis herab zu ihren kleinsten Einzelheiten sind notwendige 



42 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

Polgen des Portbestehns der Kraft unter ihren Pormen, 
Materie und Bewegung. Wenn diese in ihrer bekannten 
Verteilung im Raum gegeben sind, und wenn die Unver- 
änderlichkeit ihrer Quantität, sei es durch Zu- oder Ab- 
nahme, gegeben ist, so folgen unvermeidlich die beständigen 
Andersverteilungen, die wir als Entwicklung und Auflösung 
unterschieden, und alle jene besondern Merkmale, die wir 
bisher aufgezählt haben. 

q) Das, was unter diesen Erscheinungen unveränder- 
lich in Quantität, aber immer wechselnd in der Perm fort- 
besteht, übersteigt menschliches Wissen und Begreifen; es 
ist eine unbekannte und unerkennbare Kraft, die wir als 
unbegrenzt im Raum und ohne Anfang und Ende in der 
Zeit anerkennen müssen. 

13. Wir ersehn aus dieser Zusammenfassung eines sofort: 
Von den zwei grossen Prägen, die immer das Thema der 
Philosophie gewesen sind, von den Prägen nach dem „Esse** 
und dem „Pieri", dem „Sein*' und dem „Werden", befasst 
sich die synthetische Philosophie nur mit der zweiten. Auf 
die Präge nach der wahren Natur aller Realität hat sie 
nur die Antwort, dass auf sie eine Antwort nicht möglich 
ist. Sie ist und will keine Ontologie sein. Was das Ge- 
gebene des Weltprozesses — Raum und Zeit, Stoff, Be- 
wegung und Kraft — an sich ist, ist uns für immer ver- 
schlossen; die Begriffe, die wir uns davon bilden, haben 
nur eine relative und symbolische Bedeutung. Spencers 
Philosophie ist insofern Agnosticismus; aber sie ist nur 

T ein relativer Agnosticismus. Spencer geht nicht so weit, 
es dahin gestellt sein zu lassen, ob überhaupt hinter der 
Erscheinungswelt eine letzte Realität steckt, und die Präge, 
ob es ein Absolutes giebt, für ebenso unlösbar zu erklären, 
wie jede Präge nach der Natur dieses Absoluten. Er be- 

'. hauptet vielmehr ganz positiv, dass ein solches Absolutes 
existiert, und negiert nur, dass wir von ihm irgend etwas 
mehr wissen können als seine blosse Existenz. 



18. Allgemeiner Charakter der synthetischen Philosophie. 43 

Hat Spencers Philosophie also auf die Frage nach der 
innersten Natur des Kosmos, wenn wir darunter die Ge- 
samtheit der Phaenomene verstehn, keine Antwort, so 
richtet sie dafür ihre ganze Kraft auf die Lösung der 
Frage, wie er zu dem geworden ist, was er ist. Seine 
Philosophie ist Kosmologie im weitesten Sinne des 
Wortes. Die Frage nach dem Werden des Kosmos ist 
so alt, wie die Philosophie selbst, und zwei Lösungsversuohe 
sind von jeher neben einander hergegangen. Der eine 
hält sich an die Analogie menschlichen Schaffens und sagt, 
die Welt und, was sie enthält, ist von einem höheren Wesen 
geschaffen worden und zwar im wesentlichen in der Ge- 
stalt, wie wir sie jetzt vor uns sehn; der andere folgt 
der Analogie des Wachsens und sagt, die Welt ist ge- 
wachsen, d. h. sie hat sich auf natürlichem Wege zu dem 
entwickelt, was sie ist. Ihr ursprünglicher Zustand war 
ein ganz anderer als ihr heutiger; und zwischen beiden 
liegt eine kontinuierliche Reihe anderer Zustände, von denen 
jeder alle seine Entstehungsbedingungen in dem ihm un- 
mittelbar vorangehnden fand. 

Spencers Philosophie gehört zur zweiten Kategorie 
dieser Erklärungsversuche. Sie hat aber vor den früheren 
Kosmologien das voraus, dass sie das Werden der Welt 
nicht nur im allgemeinen als einen natürlichen Prozess 
darstellt, sondern dass sie das allgemeine Gesetz dieses 
Prozesses in exakten und physikalischen Ausdrücken wieder- 
giebt und sie dieses Gesetz, das sie auf empirischem 
Weg gefunden hat, aus der letzten Voraussetzung aller 
Wissenschaften, dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft; 
ableitet. Alle die unzähligen Veränderungen, die wir 
empirisch beobachten, konstituieren nun entweder Entwick- 
lung oder Auflösung. Diese zwei Prozesse sind entgegen- 
gesetzter Natur und gehn beständig nebeneinander her 
und zwar so, dass während ungeheuerer Perioden die Kräfte 
der Anziehung, die auf Entwicklung hinarbeiten, vorwiegen 
und mit ihnen gleich ungeheuere Perioden abwechseln, in 



44 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

denen die Kräfte der Abstossung, deren Werk die Auf- 
lösung ist, die Oberhand haben. Die Welt erscheint Spencer 
\\ so zuletzt als ein ungeheuerer Rhythmus von Auflösung und 
Entwicklung, von Leben und Tod. Das Chaos geht beständig 
auf dem Weg der Entwicklung zum Kosmos über und fällt 
beständig auf dem Weg der Auflösung ins Chaos zurück. 
Wir leben nun gerade in einer Periode, in der die 
Kräfte der Anziehung überwiegen, und es ist daher vor- 
züglich der Prozess der Entwicklung, dem die Spencersche 
Philosophie ihr Hauptaugenmerk zuwendet. Sie ist deshalb 
Kosmologie im engeren Sinne des Wortes, d. h. sie 
erklärt, wie und warum der existierende Kosmos, organisches 
und menschliches Leben eingeschlossen, zu dem geworden, 
was er ist. In jeder Entwicklung unterscheidet dann 
Spencer, wie wir aus der Zusammenfassung ersehn, des 
näheren zwei Hauptzüge, den der Integration und den der 
Differenzierung: die Teile eines sich entwickelnden Aggre- 
gates consolidieren sich immer mehr und differenzieren 
sich zu gleicher Zeit mehr und mehr von einander. Doch 
davon später weiteres ; der allgemeine Begriff, den wir bis 
jetzt davon gewonnen haben, was der Kern der Spencerschen 
Philosophie ist, dürfte für unseren gegenwärtigen Zweck 
genügen. Wir wollen nun zusehn, wie Spencer zu diesem 
Kern vorgedrungen ist. 

14. Die Zeit, in der Spencer zu philosophieren begann, 
war recht eigentlich eine Ilebergangszeit. Die alte 
theologische Weltanschauung, die den Kosmos auf den 
Schöpfungsakt eines übernatürlichen Wesens zurückführte, 
war aufs tiefste erschüttert, ohne dass zunächst eine gleich 
umfassende und sie ersetzende Theorie -an ihre Stelle ge- 
treten wäre. Die gewaltigen Fortschritte der Physik und 
Chemie mit ihren grossen Generalisationen von der Aequi- 
valenz der Kräfte, der Unzerstörbarkeit der Materie, der 
Erhaltung der Kraft, und der chemischen Einheit der 
Materie im ganzen Weltall, der Astronomie mit ihren 



14. Die Zeitbedingungen. 45 

Spekulationen über den Ursprung des Sonnensystems und 
vor allem die neue Wissenschaft der Geologie — das alles 
schien gebieterisch zu fordern, dass der Kosmos als das 
Kesultat eines natürlichen und notwendigen Profsesses auf- 
gefasst werde. Der alte Spinozistische Satz: naturae 
leges et regulae, secundum quas omnia Sunt et ex unis 
formis in alias mutantur, sunt ubique et semper eadem 
(die Gesetze und Regeln der Natur, nach denen alles wird 
und aus der einen Form in die andere übergeht, sind 
überall und immer dieselben) war nun ganz Axiom der 
Wissenschaften geworden. Auf der andern Seite fand man 
nicht den Mut, diesen Satz auf die Entstehung des 
organischen Lebens und besonders des Menschengeschlechtes 
anzuwenden. Hier schien die mechanisch-evolutionäre Auf- 
fassung ungenügend, und Versuche, wie der Lamarks, auch 
hier der mechanischen Auffassung Bahn zu brechen, fanden 
wenig Anklang, weil sie sich auf eine zu ungenügende 
Basis von Thatsachen stützten. Spencer hat dieser Halbheit 
ein Ende gemacht und die evolutionäre Methode zur uni- 
versellen Methode erhoben. — Wir finden ihn in den 
Schriften, die dem System vorangehen, mit den scheinbar 
auseinanderliegendsten Gegenständen beschäftigt, und wir 
können verstehn, dass er einem oberflächlichen Beobachter 
leicht den Eindruck eines Vielschreibers und Vielwissers 
machen musste. Wenn wir aber näher zusehn, finden 
wir in allen diesen Schriften ein Gemeinsames — nämlich 
den Standpunkt, von dem aus die Probleme betrachtet 
werden, und dann ein immer bewussteres Suchen nach der 
genauen Formel eines grossen Gesetzes, dessen Gültigkeit, 
eben weil es ein Weltgesetz ist, auf den auseinander- 
liegendsten Seinsgebieten zu erproben war. 

Spencer ist an das Problem der Entwicklung nicht wie 
Wallace und Darwin vom biologischen Standpunkt aus 
herangetreten. Seine zwei ersten Schriften sind vielmehr 
ethisch-politischen Inhalts, und die Theorie der Entwicklung 
taucht in ihnen nur auf in Gestalt eines festen Glaubens 



X 



46 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

an den notwendigen Portschritt der Menschheit, eines 
Glaubens, der bei Spencer in vielen Stüfeken dieselbe Form 
trägt, in der er uns bei den Denkern des 18. Jahrhunderts 
entgegentritt. Seine erste Schrift, in der er unter dem 
Titel „The Proper Sphere of Governement" ein Thema be- 
handelte, das ihn bis auf den heutigen Tag aufs lebhafteste 
beschäftigt — nämlich die Frage nach den richtigen 
Grenzen der Staatsthätigkeit — zeigt uns bei aller Unreife 
den jungen Denker doch schon auf dem rechten Weg, 
und wir finden in ihr verschiedene Gedanken im Ansatz, 
die später in seiner Weltanschauung eine charakteristische 
Rolle spielen. Hier interessiert uns vor allem, dass er schon 
damals betont, dass auch das soziale Leben von unabänder- 
lichen Naturgesetzen beherrscht wird, und dass solche Gesetze 
den Fortschritt der Menschheit zur Folge haben. Die 
Hauptrolle scheint ihm dabei der „Prozess der Selbst- 
heilung " zu spielen, d. h. der allmählichen Anpassung der 
menschlichen Natur an ihre natürliche und soziale Um- 
gebung : ein Gedanke, auf den ihn Lamarks Entwicklungs- 
theorie gebracht hat. — Die Hauptschwäche des Aufsatzes 
lag in dem theologischen Fundament, auf dem er sich auf- 
baute. Spencer teilt hier noch die ethische Theorie Paileys : 
Das Ziel alles menschlichen Handelns ist ihm Glück oder 
Wohlsein, und die Erreichung dieses Zieles hängt ab von 
der Erfüllung gewisser Bedingungen. Er versucht nun aber 
nicht weiter, diese Bedingungen als in der Natur der Dinge 
selbst begründet nachzuweisen, sondern nimmt sie einfach 
als Gesetze Gottes hin. 

15. Näheres Nachdenken machte Spencer bald mit 
dieser ethischen Basis — einem verdünnten christlichen 
Utilitarismus — unzufrieden, und schon 1846 fasste er den 
Plan, die ethische Seite der Frage in einem grossen Werk 
im einzelnen zu behandeln. Er begann das Buch, das er 
„Social Statics" nannte, im Jahr 1848 und legte es 1850 
der Oeffentlichkeit vor. Spencer gelangt schon hier zu den 



15. Die Social Statics. 47 

ihm eigenen ethischen Theorien, von denen wir später mehr 
hören werden, seiner Versöhnung zwischen intuitiver und \l 
utilitarischer Ethik und seiner Unterscheidung zwischen 
relativer und absoluter Ethik. Zugleich führen die „Social 
Statics" die im ersten Werk nur angedeuteten Ideen über 
die Entwicklung der Menschheit als bedingt durch natür- 
liche Kräfte weiter aus. Er illustriert diese Entwicklung 
schon jetzt mit Vorliebe durch Analogien, die der Physio- 
logie oder Physik entnommen sind, und sieht schon hier 
in ihr nur eine Teilerscheinung eines umfassenden Prozesses. 
Ich citiere nur folgende charakteristische Stellen: „Fort- 
schritt ist aber nicht ein Zufall, sondern eine Notwendig- 
keit. Zivilisation, weit entfernt etwas künstliches zu sein, 
ist ein Teil der Natur, ganz so wie die Entwicklung eines 
Embryo oder die Entfaltung einer Blume .... Die Um-. 
Wandlungen, die die Menschheit durchlief und noch durch- 

, läuft, sind das Ergebnis eines Gesetzes, das der ganzen or- 

/ ganischen Schöpfung zu Grunde liegt.*' Aller Portschritt 
ist nach Spencer das Resultat einer beständig besseren An- 
passung der Menschen an ihre natürliche und soziale Um- 
gebung — der Kerngedanke seiner ganzen Soziologie — 
und diese Anpassung ist eine doppelte : eine direkte durch 

^1 Vererbung von Punktionsveränderungen und eine indirekte 
durch Aussterben derer, die sich nicht anpassen. 

Ein Hauptfortschritt gegen das erste Werk liegt aber 
vornehmlich darin, dass Spencer nun zum ersten Mal eine 
Antwort auf die Präge zu geben sucht, was denn eigent- 
lich Portschritt oder Entwicklung an sich sind. Die Ant- 
wort ist allerdings noch nicht wie später in physische, son- 
dern in metaphysische Ausdrücke gekleidet und knüpft an 
eine Idee an, die Coleridge von Schelling übernommen 
hatte. Leben, bemerkt Coleridge und mit ihm Spencer, ist 

\\eine Tendenz zur Individualisierung, und die Höhengrade 
oder Intensitäten des Lebens entsprechen der fortschreiten- 
den Verwirklichung dieser Tendenz. In jedem Prozess der 
Individualisierung aber unterscheiden wir zwei Hauptzüge: 



48 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

ein ursprünglich Gleiches zerfallt in Teile, die immer ver- 
schiedener werden — von Spencer später gefasst als Ueber- 
gang vom Homogenen zum Heterogenen — und die Teile 
werden zugleich gegenseitig immer abhängiger von einan- 
der — die spätere Integration. Spencer weist dann aus- 
drücklich nach, dass der Prozess immer höherer Individuali- 
sierung, mit dem Entwicklung identisch ist, für die organische, 
wie für die soziale Entwicklung gilt. „Die verschiedenen 
Arten von Organisationen, die die Gesellschaft in ihrem 
Portschritt von ihrem niedrigsten zu ihren höchsten Ent- 
wicklungsformen annimmt, gleichen im Prinzip den ver- 
schiedenen Arten tierischer Organisation.** 

Spencer hatte damit einen ersten wichtigen Schritt in 
der Richtung auf eine allgemeine Theorie der Entwicklung 
gethan. Er hatte erkannt, dass das organische Leben, das 
Leben der Menschheit miteinbegriffen, von einem natur- 
notwendigen Entwicklungsprozess beherrscht wird, und er 
hatte bereits die zwei Hauptzüge dieses Prozesses, „Inte- 
gration** und „Differenzierung** deutlich erkannt und in 
eine Formel gefasst, die nur den Fehler hatte, dass sie 
nicht abstrakt genug war, um sich auch auf die unorganische 
Welt ausdehnen zu lassen. 

16. Spencer war während seiner Beschäftigung mit 
ethisch-sozialen Fragen mehr und mehr zur Ueberzeugung 
gelangt, dass eine wahre Ethik und Soziologie ihre Grund- 
lage in der Biologie und Psychologie suchen müssen, und 
er wandte sich nun in den Jahren 1850 — 52 energisch 
dem Studium der Probleme dieser Wissenschaften zu. Im 
Laufe dieser Studien wurde er ums Jahr 1852 mit den 
Schriften des Naturforschers von Baer bekannt, und hier 
stiess er auf ein Gesetz, das für die Weiterentwicklung 
seiner Ideen höchste Bedeutung gewann. Baer hatte fest- 
gestellt, dass die Eeihe der Veränderungen, die jeder Or- 
ganismus während seiner embryologischen Entwicklung 
durchläuft, sich darstelle als ein Uebergang aus einem 



16. Die Essays von 1860—52. 49 

homogenen in einen heterogenen Zustand der Struktur. 
Spencer sah sofort, dass dieses Gesetz des embryonalen 
Wachstums eine Formel enthält, die die eine Seite jeden 
Entwicklungsprozesses, die DifiPerenzierung, ausdrückt, präcis 
wiedergiebt und seiner bisherigen Theorie der Individua- 
lisierung gegenüber das voraus hatte, dass unter sie auch 
unorganische Prozesse subsumiert werden können. 

Er erprobt nun in den folgenden Jahren die Anwend- 
barkeit dieses Gesetzes auf allen denkbaren Gebieten und 
überzeugt sich so sehr von seiner fundamentalen Bedeutung, 
dass er schliesslich die andere Seite, den Prozess der 
Integration, mehr und mehr in den Hintergrund treten 
lässt und für eine kurze Zeit ganz aus dem Auge verliert, 
so zwar, dass er noch in der ersten Ausgabe der „First 
Principles" in dem Uebergehn aus einem Zustand der Homo- 
geneität in einen Zustand der Heterogeneität nicht ein, 
sondern das Gesetz der Entwicklung erblickt. 

In dem ersten Aufsatz, den Spencer nach dem Er- 
scheinen der „Social Statics** schrieb und der schon im 
April 1852 unter dem Titel „ A Theory of Population Dedu- 
ced from the General Law of Animal Fertility** in der West- 
minster-Review erschien, erkennt er ausdrücklich an, dass 
excessive Vermehrung und der durch sie verursachte Kampf 
ums Dasein — der Bevölkerungsdruck — zu einer bestän- 
digen Höherentwicklung des Typus führen müssen, dass 
„nur die, die unter ihm vorwärts schreiten, schliesslich über- 
leben", und dass „sie die auserlesenen ihres Geschlechtes 
sind*. Darwin hat bekanntlich dieses Ueberleben der Besten 
in Zusammenhang gebracht mit dem beständigen Variieren, 
zu dem alle organischen Wesen neigen, und dadurch das 
Mittel gefunden, nicht nur wie Spencer die Höherentwick- 
lung desselben Typus, sondern die Entwicklung neuer 
Typen zu erklären. 

Trotzdem nun Spencer damals, wie jedermann sonst, 
über den wichtigsten der Faktoren, deren Produkt die Ent- 

G a u p p , Spencer. 4 



50 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

Wicklung organischer Wesen ist, völlig im Dunkeln war, 
war er doch überzeugt, dass die Entwicklungstheorie auch 
auf die Entstehung der Arten Anwendung finde. Und er 
legte von dem Glauben, der in ihm war, Zeugnis ab in 
einem kleinen Aufsatz, der im März 1852 unter dem Titel 
„The Development Hypothesis" im Leader erschien. Die- 
ser Aufsatz, den Darwin in der Skizze erwähnt, die er 
von dem Werk seiner Vorgänger entworfen hat, ist im 
wesentlichen eine apriorische Abschätzung der Wahrschein- 
lichkeit, die die zwei einzig möglichen Theorien, die Schöpf- 
ungs- und die Entwicklungstheorie für sich haben. Nach 
Spencer spricht alles für diese. 

Im gleichen Jahre veröfi'entlicht Spencer noch einen 
kleinen Aufsatz über die „Philosophie des Styls" (West- 
minster Eeview, Oktober 1852), von dem Lewes urteilte, er 
sei die einzige wissenschaftliche Erklärung des Stilproblems, 
die er kenne. In diesem Aufsatz kommt zum ersten Mal 
der Einfluss der Baerschen Theorie zu oflfenem Ausdruck. 
Zum Schluss des Aufsatzes bemerkt Spencer nämlich, wach- 
sende „Heterogeneität" charakterisiere jeden Fortschritt in 
der sprachlichen Entwicklung, und für einen hochentwickelten 
Stil gelte, was für alle hochentwickelten Produkte der 
Menschheit wie der Natur gelte: „er wird nicht aus 
einer Reihe gleicher Teile bestehn, die einfach neben- 
einander gestellt sind; er wird vielmehr ein Ganzes sein, 
das aus ungleichen Teilen besteht, die gegenseitig abhängig 
sind"; d. h. er zeigt die Merkmale der Integration und 
Differenzierung. 

17. Im folgenden Jahre, 1853, publizierte Spencer einen 
Aufsatz, betitelt „Overlegislation" (Westminster Review, Juli 
1853), in dem er wieder einmal gegen seine bete noir, den Staats- 
^ Sozialismus, loszog und die Idee, dass die Gesellschaft ein 
Organismus und nicht ein Mechanismus ist, verteidigte. Und 
auf ihn folgte unter der Ueberschrift „The Universal Postulat" 
ein wichtiger Aufsatz in der Westminster Review. Spencer 



17. 1863—54. 51 

hatte John Stuart Mills Logik und verschiedene andere 
Philosophen, wie Kant, Hume, Reid, Mansel studiert und 
war in teilweiser Opposition gegen sie dazu gelangt, seinen 
erkenntnistheoretischen Standpunkt zu formulieren, wie wir 
ihn später in seinem System näher ausgeführt finden. Der 
Aufsatz bedeutet keinen weiteren Schritt in der Formu- 
lierung seines Entwicklungsgesetzes, bereitet aber die meta- 
physische Deutung vor, die Spencer später diesem Gesetz gab. 

Dagegen finden wir ihn im folgenden Jahre eifrig da- 
mit beschäftigt, die Entwicklungstheorie auf verschiedenen 
Gebieten zu erproben. In dem Aufsatz „Manners and 
Fashion" (Westm. ßev. April 1854) zeigt er, wie sich die 
verschiedenen Zwangsformen, denen der Mensch in der Ge- 
sellschaft unterworfen ist — politische, kirchliche und 
zeremonielle — aus einem Keim entwickelt haben, und 
zwar „in Uebereinstimmung mit dem Gesetz der Entwick- 
lung aller organischen Wesen, gemäss dem sich schrittweise 
allgemeine Funktionen in die speciellen Punktionen, die 
sie ausmachen, trennen". In demselben Artikel verteidigt 
er zum ersten Mal die Theorie, dass Ahnen- und Geister- 
Verehrung die Quelle aller Gottesverehrung ist. 

In dem Artikel „The Genesis of Science" (British 
Quarterly Review, Juli 1854) führt er aus, wie alle Wissen- 
schaft sich allmählich aus dem gewöhnlichen Wissen ent- 
wickelt hat, von dem sie nicht spezifisch, sondern nur dem 
Grad nach verschieden ist, und wie sich die Wissenschaft 
selbst immer mehr in die einzelnen Wissenschaften differen- 
ziert hat und wie damit Hand in Hand ein Prozess der 
Integration ging, im Verlauf dessen die einzelnen Wissen- 
schaften mehr und mehr von einander abhängig werden. 
Das Ganze führt Spencer zu einer tiefgehenden Analyse 
des menschlichen Geistes, einer Vorarbeit für seine Psycho- 
logie, deren leitende Gedanken nun allmählich alle in seinem 
Geist ausgereift lagen. 

Bevor er aber an ihre Ausarbeitung ging, erprobte er 
seine psychologische Theorie auf einem Gebiet, auf dem 



52 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

er sich zuerst zu allgemeiner Anerkennung durchringen 
sollte. Ich meine seinen Aufsatz über „The Art of Edu- 
cation^. Sein Grundthema liegt in den Sätzen: „Die Er- 
ziehung muss sich dem natürlichen Prozess der Entwick- 
lung anpassen ... sie muss vom Einfachen zum Zusammen- 
gesetzten fortschreiten . . . Der menschliche Geist wächst, 
und wie alle Dinge, die wachsen, schreitet er fort yon 
einem gleichartigen zu einem ungleichartigen.^ Der Aufsatz 
erschien im Mai 1854 in der North British Review und 
schon im August begann Spencer das ITiederschreiben der 
„Prinzipien der Psychologie**. Wir werden auf dieses erste 
grosse Werk des Philosophen im Zusammenhang seines 
Systems näher eingehn und bemerken hier nur, dass in 
ihm die Psychologie zum ersten Mal systematisch vom ent- 
wicklungstheoretischen Standpunkt aus behandelt wird, und 
dass Spencer in seiner Schilderung der geistigen Entwick- 
lung bereits ganz allgemein die Ausdrücke gebraucht, die 
später in seiner allgemeinen Formel der Entwicklung 
wiederkehren. 

18. Entwicklung bestand für Spencer zu dieser Zeit 
vornehmlich in einem Fortschreiten aus einem Zustand der 
Gleichartigkeit zu einem Zustand der TJngleichartigkeit 
entsprechend der Formel, die Baer für die embryologische 
Entwicklung aufgestellt hat, und er hatte, wie wir sahen, 
bereits nachgewiesen, dass sich das Baersche Gesetz auf 
die Entwicklung des sozialen Lebens, der Wissenschaft 
wie des Geistes ausdehnen lasse. Der Gedanke, dass 
dieses Gesetz eine Generalisation darstelle, die für alle 
Entwicklungsvorgänge überhaupt gelte, lag nahe. Er kam 
Spencer um diese Zeit; und mit der Erkenntnis der Uni- 
versalität dieses Gesetzes glaubte er nun auch eine uni- 
verselle Ursache für sie gefunden zu haben. Er hatte 
schon damals vor, für die Westminster Review einen Ar- 
tikel über die „Ursache alles Fortschrittes" zu schreiben. 
Aus dem Plan wurde jedoch vorerst nichts, da ihn eine 



18. 1855—67. 53 

schwere Krankheit, die er sich durch übermässiges Arbeiten 
an der Psychologie zugezogen hatte, vom Juli 1855 bis 
Anfang des Jahres 1857 völlig arbeitsunfähig machte. Der 
geplante Artikel erschien deshalb erst im April 1857 und 
zwar unter dem bescheideneren Titel: „Progress, its Law 
and Cause". 

Er bedeutet eine wichtige Station in Spencers Ent- 
wicklungsgang. Unser Philosoph zeigt hier zum ersten 
Male die universelle Geltung des Entwicklungsgesetzes auf, 
das er allerdings noch nicht in seiner Vollständigkeit er- 
kannt hat, und macht bereits den Versuch, es aus einem 
tieferliegenden Prinzip abzuleiten. Baer hatte nachgewiesen, 
dass die Entwicklung jedes individuellen Organismus — 
des Keims zur Pflanze und des Eis zum Tier — sich 
darstellt als ein Portschreiten von einer Gleichartigkeit 
der Struktur zu einer Ungleichartigkeit der Struktur. 
„Dieses Gesetz organischen Fortschrittes" nun ist nach 
Spencer „das Gesetz jeden Fortschrittes". Ueberall in der 
Geschichte des Weltsystems, in der geologischen Geschichte 
der Erde, in der Geschichte des organischen Lebens auf 
der Erde, in der des Menschengeschlechtes wie des Menschen- 
geistes und seiner Erzeugnisse finden wir „dieselbe Ent- 
wicklung aus einem Einfachen in ein Zusammengesetztes 
durch aufeinanderfolgende DiflFerenzierungen". Ist das nun 
bloss eine empirische Generalisation, oder können wir dieses 
Gesetz in seinen mannigfaltigen Manifestierungen als die 
notwendige Folge eines ähnlich universellen Prinzipes nach- 
weisen? Spencer meint ja: „Wir können alle diese 
mannigfaltigen Evolutionen des Gleichartigen in das Un- 
gleichartige mit gewissen Thatsachen unmittelbarer Er- 
fahrung verknüpfen, die wir infolge endloser Wiederholung 
als notwendig betrachten." Diese Thatsachen drückt 
folgende Formel aus: „Jede aktive Kraft bringt mehr als 
eine Veränderung hervor, jede Ursache mehr als eine 
Wirkung." Das unvermeidliche CoroUar dieser Thatsache 
ist, wie auf der Hand liegt, dass in der Vergangenheit 



54 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

eine immer wachsende Complikation der Dinge, eine nie 
aufhörende Umwandlung des Gleichartigen ins Ungleich- 
artige vor sich gegangen ist. 

Noch in demselben Jahre holt Spencer in dem Aufsatz, 
der „Transcen dental Physiology** betitelt ist (National Ee- 
view Oktober 1857), zum Teil nach, was er im vorangehen- 
den Aufsatz übersehn hatte. „Entwicklung ist das Ueber- 
gehn aus einem gleichartigen Zustand in einen ungleich- 
artigen auf dem Weg beständiger Differenzierungen", hatte 
er gesagt, „und sie begleitender Integrierungen" fügt er nun 
hinzu, weist aber diesen Prozess beständiger Integrierung 
hier noch nicht universell nach. Zugleich stellt er als 
Corrolar zu dem Satz, dass jede Ursache mehr als eine 
Wirkung, jede Kraft mehr als eine Veränderung hervor- 
bringt, die Wahrheit fest, dass „jeder Zustand des Gleich- 
artigen notwendig ein Zustand unbeständigen Gleichgewichts 
ist" und benützt diese Wahrheit, um die deduktive Ab- 
leitung seines Entwicklungsgesetzes zu stützen. In dem- 
selben Aufsatz sind verschiedene der grundlegenden Ideen 
enthalten, die in der Biologie näher ausgeführt werden. 

19. Angewendet wird seine bisher gewonnene Einsicht in 
das Wesen der Entwicklung zur Erklärung eines psycho- 
physiologischen Problems in einem Aufsatz über den „Ur- 
v\ Sprung und die Punktion der Musik" (Oktober 1857). Und 
selbst in den politischen Aufsätzen, die Spencer um diese 
Zeit schrieb: „Representative Government — What is it good 
forp" (Oktober 1857), „State Tamperings with Money and 
Banks" (Januar 1868), „Parliamentary Eeform: The Dangers 
and the Safeguards" (April 1860), und „Prison Ethics" (July 
1860) wird das scharfe Eintreten für den Individualismus 
überall mit entwicklungstheoretischen Gründen gerecht- 
fertigt. Das Jahr 1858 bringt in dem Aufsatz „The Moral 
Discipline of Children" einen weiteren Beitrag zu seiner 
evolutionären Paedagogik, dem im nächsten Jahr als Er- 



19. 1857—60. 55 

gänzung die zwei Aufsätze über „Physical Education** und 
„What Knowledge is of Most Worth" folgen. 

Im Juli desselben Jahres brach Spencer in der West- 
minster Seview eine Lanze für die damals stark diskredi- 
tierte „Nebular Hypothesis" — wozu ihn die Bedeutung, die 
diese Frage für die Entwicklungstheorie hat, bestimmte — 
und während er mit diesem Aufsatz beschäftigt war, kam 
ihm der Gedanke, die Entwicklungstheorie zur Grundlage 
eines umfassenden Philosophiesystemes zu machen. 

Bevor wir zusehn, wie er diesen Gedanken in die 
That umsetzte, müssen wir noch einiger interessanten Essays 
gedenken, in denen er um diese Zeit seine Entwicklungs- 
theorie weiter erläuterte und erprobte. In einer Kritik, 
der er 1858 Prof. Owens „Archtype and Homologies of the 
Vertebrate Skeleton" unterzog, zeigte er, wie die Ent- 
wicklungstheorie bestimmte Struktureigentümlichkeiten, 
insbesondere atavistische Bildungen, denen Owens Theorie 
eines „urbildlichen Rückenwirbels" ratlos gegenübersteht, 
leicht erklären kann. In dem Aufsatz „TheLaws of Organio 
Form", der im Januar 1859 erschien, erläuterte er ein Ge- 
setz, das später in seiner Biologie eine grosse Rolle spielte, 
das Gesetz, „dass die Formen aller Organismen von ihren 
i Beziehungen zu den einfallenden Kräften abhängen, wo- 
runter sowohl die Kräfte zu verstehn sind , denen sie 
passiv unterliegen, als die, die sie als Reaktionen auf ihre 
eigenen Thätigkeiten erfahren." In „Illogical Geology" 
(Juli 1859) verteidigt er die Entwicklungstheorie gegen 
gewisse geologische Anschauungen, deren Hinfälligkeit 
jetzt allgemein anerkannt ist. In „Bain on the Emotione 
and the Will" betont er, dass wir zu einer Einsicht und 
richtigen Klassifizierung der Gefühle und des Wissens nur 
dann kommen können, wenn wir diese Phaenomene vom 
Entwicklungsstandpunkt aus betrachten und sie in ihrer 
steigenden Verwickeltheit von den einfachsten tierischen 
Aeusserungen bis hinauf ins menschliche Leben verfolgen. 
In „The Social Organism" (1860) führt er seine alte Theorie, 



56 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

dass die Gesellschaft die innigsten Analogien zum tierischen 
Organismus aufweise, im einzelnen aus, während eine 
Vi „Physioiogy of Laughter** ein interessanter Beitrag zur 
Neryendynamik ist in Anwendung der Methode, die er 
in seinen Principien der Psychologie so erfolgreich be- 
folgt hat. 

20. Im März desselben Jahres hatte Spencer den Pro- 
spekt zu einem grossen Werk der Oeflfentlichkeit übergeben 
und sich dann gleich an die Ausarbeitung des ersten Teils, 
„der ersten Prinzipien* gemacht, die im Juni 1862 fertig 
vorlagen. Diese erste Ausgabe der „First Principles** fasst 
alle die Anschauungen, die Spencer in den kurz charakterisier- 
ten Aufsätzen über die Entwicklungstheorie geäussert hat, 
zusammen und erweitert sie zugleich, ohne aber das Ent- 
wicklungsgesetz schon jetzt auf seinen höchsten Ausdruck 
zu bringen. Die Erweiterung der Theorie besteht darin, 
dass Spencer jetzt erkennt: das Uebergehn aus einem 
Zustand der Unbestimmtheit in einen Zustand grösserer 
Bestimmtheit, das er in der „Transcendental Physiology" 
als Charakterzug der organischen Entwicklung nachgewiesen 
hatte, ist ein Merkmal jeder Entwicklung. Entwicklung ist 
ihm nun „ein Uebergehn aus einer unbestimmten, un- 
zusammenhängenden Gleichartigkeit in eine bestimmtere, 
zusammenhängendere Ungleichartigkeit vermittelst be- 
ständiger Diflerenzierungen und Integrierungen **. Ferner 
wird der Versuch, dieses Entwicklungsgesetz aus anderen 
allgemeinen Gesetzen zu deduzieren, nun vervollständigt 
durch die Aufstellung des Prinzips der „Segregation**; und 
dieses, wie die schon vorher gewonnenen Prinzipien der 
„Instabilität jdes Gleichartigen** und „der Vervielfältigung 
der Wirkungen", die er bisher als rein empirische Gesetze 
auffasste, werden jetzt aus dem Gesetz vom Fortbestehn 
der Kraft als dem letzten Prinzip, das das Grundaxiom 
aller Wissenschaft ist, abgeleitet. Zugleich wird anerkannt, 
dass alle Entwicklung eine Grenze hat und zu einem Zu- 



20. 1860-64 57 

stand des Gleichgewichts führt, an den dann seinerseits der 
Prozess der Auflösung anknüpft. 

Es blieb nun Spencer nur noch übrig, festzustellen, 
dass Entwicklung und Auflösung nur die zwei Phasen des 
noch universelleren Prozesses der beständigen Andersver- 
teilung von Materie und Bewegung sind, und das Gesetz, 
auf das er seine ganze Philosophie gründen wollte, hatte 
seinen abstraktesten und damit umfassendsten Ausdruck er- 
reicht. Diesen letzten Schritt that er im April 1864 in 
dem Aufsatz über „die Klassifikation der Wissenschaften^. 
Hier spricht er aus, dass alle die unendlich vielföltigen 
Yeränderungen, deren Inbegriff die Erscheinungswelt ist, 
sich in zwei Kategorien einreihen lassen: sie stellen sich 
dar entweder als Integration von Materie und einer sie be- 
gleitenden Zerstreuung von Bewegung oder als Aufnahme 
von Bewegung mit einer sie begleitenden Disintegration 
Ton Materie, d. h. sie sind notwendig entweder Teile 
eines Entwicklungsprozesses oder Teile eines Auflösungs- 
prozesses. Professor Youmans schildert die Bedeutung, die 
dieses Gesetz für die Vollendung des Spencerschen Systems 
hat, wie folgt: „Man sieht sogleich, dass dieses Gesetz tiefer 
geht als das Entwicklungsprinzip; denn es gilt auch für 
Mineralien, die die Phaenomene der Entwicklung, wie Spencer 
sie bisher interpretiert hatte, nicht aufweisen. Kurz, es 
zeigte sich, dass damit ein Gesetz gewonnen war, das über- 
haupt für alle materiellen Dinge gilt, mögen sie nun solche 
sein, die ein Zunehmen in Ungleichartigkeit aufweisen, oder 
solche, die das nicht thun. Nun erst war es möglich, den 
relativen Wert und die relative Bedeutung der verschiedenen 
Faktoren des Entwicklungsprozesses nachzuweisen. Für 
Baer bestand organische Entwicklung ihrem Wesen nach 
und ausschliesslich in einer Zunahme von Ungleichartigkeit 
in dem sich entwickelnden Körper. Spencer dagegen hatte 
gezeigt, dass Entwicklung ein doppelter Prozess ist, — eine 
Tendenz zur Einheit wie zur Verschiedenheit, zur Integrie- 
rung wie zur Differenzierung. Es zeigte sich nun, dass der 



58 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

Prozess der Integration, dem alle Dinge unterworfen sind, 
ein tieferes Prinzip und in der That der primäre Prozess 
in jedem Entwicklungsvorgang ist, während das Zunehmen 
in Ungleichartigkeit nur ein sekundärer Prozess ist. Diese 
neue Auffassung machte es zugleich klar, dass Auflösung 
überall das Corrolar der Entwicklung ist; und zur Ver- 
vollständigimg der Generalisation anerkannt werden muss, 
dass die A^uflösung beständig bestrebt ist, das ungeschehn 
zu machen, was die Entwicklung wirkt." 

Es ist unnötig, hier im einzelnen auszuführen, wie 
Spencer dieses Gesetz in die neue Ausgabe der „First Prin- 
ciples" aufgenommen hat und wie er in Uebereinstimmung 
mit ihr das ganze Werk ummodelte. Wir kommen auf 
alle diese Dinge später zurück; das vorliegende Kapitel 
hat seinen Zweck erreicht, wenn es klar gemacht hat, wie 
Spencer dazu kam, sein System zu schreiben, und wie sich 
seine Grundideen allmählich in seinem Geist herauskrystal- 
lisiert haben. Die folgenden Kapitel sollen nun die Welt- 
anschauung Spencers schildern, wie sie sich in ihrer reifsten 
Form darstellt. Und wenn ich dabei im wesentlichen dem 
Plane folge, dem Spencer selbst gefolgt ist, so bestimmt 
mich dazu vornehmlich die Erwägung, dass es die Aufgabe 
dieses Büchleins ist, nicht so sehr eine Kritik des Spencer- 
schen Werkes zu liefern, als eine Skizze von den geistigen 
Schätzen zu geben, die in seinen verschiedenen Teilen zu. 
finden sind. 



» ^«^ <« 



Zweites Kapitel. 

Prinzipienlehre. 

21. Spencer hat, wie wir bereits sahen, bevor er eine 
Linie seines Systems niederschrieb, einen „Prospectus" ver- 
öiFentlicht, der einen detaillierten Ueberblick über das ge- 
plante grosse Werk gab. Wir wollen diesen Prospekt in 
abgekürzter Form unserer zusammenhängenden Darstellung 
des Systems voranstellen. Er wird es dem Leser erleich- 
tern, den Zusammenhang des Ganzen festzuhalten und zu 
verstehn, dass er wirklich ein System und nicht nur ein 
Konglomerat mehr oder weniger lose zusammenhängender 
wissenschaftlicher Aufsätze vor sich hat. und er ist an sich 
ein überaus interessantes Dokument, das einen guten Ein- 
blick in die tiefe Planmässigkeit Spencerschen Denkens 
und SchaiFens giebt. 

Spencer hat in dem Prospekt das ganze Werk auf 
10 Bände angelegt; und der letzte Band, der dritte Teil 
der Soziologie, ist im Herbst 1896 erschienen, nachdem 
bereits Bruchstücke desselben vorher veröflfentlicht worden 
sind. Der Inhalt dieser zehn Bände sollte nach der Skizze 
des Prospektes etwa folgender sein — und die spätere Aus- 
führung ist nur wenig von dieser Skizze abgewichen : 

Erste Prinzipien. 

Teil 1. Das Unerkennbare: Eine Weiterausführung 
bestimmter Lehren Hamiltons und Mansels und der Nach- 
weis, dass die einzig mögliche Versöhnung von Wissenschaft 
und Keligion in einem gemeinsamen Glauben an ein Ab- 
solutes liegt, das nicht nur alles menschliche Wissen, son- 
dern auch alles menschliche Begreifen übersteigt. 

Teil 2. Die Gesetze des Erkennbaren: Eine Darstel- 



60 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

lung der letzten Prinzipien, die in allen Erscheinungen des 
Absoluten erkennbar sind, jener höchsten Generalisationen der 
Wissenschaft, die von allen Phaenomenen gelten, und die 
deshalb den Schlüssel zur Erkenntnis aller Phaenomene 
liefern. 

Hier sollte nun der logischen Ordnung nach die An- 
wendung dieser ersten Prinzipien auf die unorganische Natur 
folgen. Spencer hielt aber mit Recht auch ohne diese 
grosse Abteilung seinen Plan für ausgedehnt genug, und 
die Auslegung der organischen Natur auf dem vorgeschlage- 
nen Weg für wichtiger. Das zweite Werk der Serie bilden 

daher : 

Die Prinzipien der Biologie. 

Band 1. 

Teil 1. Die Data der Biologie: Im wesentlichen eine 
Darstellung der allgemeinen Wahrheiten der Physiologie 
und Chemie, mit denen eine rationelle Biologie beginnen 
muss. 

Teil 2. Die Induktionen der Biologie: Eine Darstel- 
lung der wichtigsten, bereits gewonnenen Generalisationen 
der Biologie. 

Teil 3. Die Entwicklung des Lebens. Eine Darstel- 
lung und Begründung der Entwicklungshypothese. 

Band 2. 

Teil 4. Die morphologische Entwicklung: Ein Nach- 
weis, wie die organischen Formen überall bedingt sind durch 
den Inbegriff der Kräfte, denen sie ausgesetzt sind. 

Teil 5. Die physiologische Entwicklung: Nachweis 
und ähnliche Erklärung der fortschreitenden Differenzierung 
der Funktionen. 

Teil 6. Die Gesetze der Vervielfältigung. 

Die Principien der Psychologie. 

Band 1. 
Teil 1. Die Data der Psychologie: Darstellung des 
allgemeinen Zusammenhanges zwischen Geist und Leben 



21. Der Prospekt. 61 

und ihrer Beziehungen zu den übrigen Modi des Uner- 
kennbaren. 

Teil 2. Die Induktionen der Psychologie : Darstellung 
der bereits auf empirischem Weg gewonnenen Generali- 
sationen der Psychologie. 

Teil 3. Allgemeine Synthese: Darstellung der geistigen 
Erscheinungen als einer Unterabteilung der allgemeinen 
Lebenserscheinungen. 

Teil 4. Specielle Synthese: Versuch, Reflexthätigkeit, 
Instinkt, Gedächtnis, Vernunft, Wille und Gefühle im 
einzelnen zu erklären als ebensoviele mehr oder weniger 
besondere Erscheinungsformen des Zusammenhangs zwischen 
inneren und äusseren Vorgängen. 

Teil 5. Physische Synthese: Versuch, nachzuweisen, 
wie die Reihenfolge der Bewusstseinszustände einem ge- 
wissen Grundgesetz der Nerventhätigkeit entspricht^ das 
aus den „Ersten Prinzipien" folgt. 

Band 2. 

Teil 6. Specielle Analyse: Versuch, die Einheit in 
der Zusammensetzung sämtlicher geistiger Erscheinungen 
nachzuweisen, in dem die verwickeltsten schrittweise in 
immer einfachere aufgelöst werden. 

Teil 7. Allgemeine Analyse: Rechtfertigung des Rea- 
lismus als oberster Aussage des Bewusstseins. 

Teil 8. Corollarien: Zusammenfassung und Über- 
gang zur Soziologie. 

Die Prinzipien der Soziologie.. 

Band 1. 

Teil 1. Die Data der Soziologie: Eine Darstellung 
der yerschiedenen Faktoren, deren Resultat die soziale Ent- 
wicklung ist. 

Teil 2. Die Induktionen der Soziologie: Eine Dar- 
stellung der empirischen Generalisationen , die sich aus 
einer Vergleichung verschiedener Gesellschaften und auf- 
einanderfolgender Phasen derselben Gesellschaft ergeben. 



g2 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

Teil 3. Politische Organisation: Eine natürliche Ent- 
wicklungsgeschichte der politischen Regierungsformen. 

Band 2. 

Teil 4. Kirchliche Organisation: Eine natürliche Ent- 
wicklungsgeschichte der kirchlichen Regierungsformen und 
der religiösen Vorstellungen. 

Teil 5. Zeremonielle Organisation: Eine gleiche Be- 
handlung jenes dritten Systems von Regeln, das sich Ton 
den zwei zuerst behandelten allmählich abzweigt und die 
weniger wichtigen Lebensthätigkeiten reguliert. 

Teil 6. Industrielle Organisation : Eine natürliche 
Entwicklungsgeschichte der Produktion und der verteilen- 
den Agentien. 

Band 3. 

Teil 7. Die Entwicklung der Sprache. 

Teil 8. Die Entwicklung der Wissenschaft. 
Teil 9. Die Entwicklung der Künste. 

Teil 10. Die Entwicklung der Moral. 

Teil 11. Zusammenfassung. 

Die Prinzipien der Moral. 

Band 1. 
Teil 1. Die Data der Moral: Eine Darstellung der 

Generalisationen, die Biologie, Psychologie und Soziologie 

für eine wahre Theorie vom rechten Leben liefern. 

Teil 2. Die Induktionen der Moral: Eine Darstellung 
der empirisch gewonnenen Regeln des menschlichen Han- 
delns, die von allen zivilisierten Nationen als wesentliche 
Gesetze anerkannt werden, d. h. der Generalisationen der 
Zweckmässigkeit. 

Teil 3. Individuelle Moral : Darstellung der Prinzipien 

des privaten Verhaltens, wie sie sich aus den Bedingungen 

eines vollkommenen individuellen Lebens ergeben. 

Band 2. 
Teil 4. Gerechtigkeit: Darstellung der gegenseitigen 

Einschränkungen im Handeln der Menschen, wie sie ihr Zu- 
sammenleben als Einheiten in einer Gesellschaft nötig macht. 



22. Das Unerkennbare. 63 

Teil 5. Negatives Wohlthun: Darstellung der sekun- 
dären Selbsteinschränkungen, ohne die ein vollkommenes 
soziales Leben unmöglich ist, und die ein Ausiluss passiver 
Sympathie sind. 

Teil 6. Positives Wohlthun: Darstellung der Gebote 
aktiver Sympathie. 

22. Die Grundlage des ganzen Spencerschen Systems 
bilden — das ersehn wir aus unserer Skizze und das be- 
sagt schon ihr Name — die „Ersten Prinzipien", während 
sich die übrigen neun Bände darstellen als Interpretation 
der biologischen, psychologischen, soziologischen Probleme 
mittelst dieser Prinzipien. Ihnen wollen wir uns nun direkt 
zuwenden. 

Die Prinzipienlehre teilt Spencer in zwei scharf ge- 
schiedene Abschnitte, von denen der eine negativen, der 
andere positiven Charakters ist. Merkwürdigerweise hat 
man vielfach gerade in dem ersten negativen Abschnitt die 
Quintessenz der Spencerschen Philosophie erblickt und sie 
deshalb als puren Nihilismus denunziert. Das ist natür- 
lich grundfalsch. Die Lehre vom Unerkennbaren ist nicht 
nur nicht die Essenz der Spencerschen Philosophie, sie ist 
nicht einmal eigentlich ein Teil seines Systems, sondern 
bildet nur eine Art Einleitung zu demselben. Nach 
Spencer fällt die Sphäre der Philosophie mit der Sphäre 
der Wissenschaften zusammen; und er hielt es für seine 
erste Aufgabe, diese mehr oder weniger heterodoxe Auf- 
fassung zu rechtfertigen, indem er die unverrückbaren 
Grenzen, die unserm Erkennen durch die Natur unseres 
Intellektes gezogen sind, nachwies. Das geschieht in dem 
Kapitel über das „Unerkennbare". Es zeigt, was die Philo- 
sophie nicht sein kann, und wiederholt zu diesem Zweck 
im wesentlichen nur das energisch, was andere bedeutende 
Denker vor Spencer über die Begrenztheit menschlichen 
Erkennens gesagt haben. Alles Erkennen ist relativ, d. h. 
bedingt durch die Natur des erkennenden Subjektes; wir 



ß4 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

erkennen daher nichts absolut, nichts, wie es an sich ist. 
Alle Dinge und Kräfte sind blosse Symbole eines Etwas, 
das an sich unerkennbar ist. Gerade weil wir aber all 
unser Erkennen relativ nennen, müssen wir ein Absolutes 
annehmen; das Belatiye setzt das Absolute voraus, es wäre 
sonst selbst absolut. Das ist in einfachen Sätzen die 
Summe der viel angegriffenen Lehre vom Unerkennbaren. 
Ist die Theorie nicht neu, so ist doch die Art, wie Spencer 
sie vorträgt, sehr originell. Er versteht es nämlich, dieser 
negativen Theorie ein sehr positives Ergebnis abzugewinnen: 
er findet in ihr die Basis für eine aufrichtige Yersöhnung 
von Eeligion und Wissenschaft. 

23. „Yon den geistigen Kämpfen, so beginnt er, ist 
der älteste, weiteste, tiefste und wichtigste der zwischen 
Religion und Wissenschaft.^ Er begann, als die Erkenntnis 
der einfachsten Gleichförmigkeiten in den umgebenden 
Dingen dem anfangs allgemeinen Aberglauben ein Ende 
setzte. Er zeigt sich überall in dem ganzen Bereich mensch- 
lichen Wissens, er beeinflusst die Menschen in der Aus- 
legung der einfachsten mechanischen Vorgänge nicht minder 
als der verwickeltsten Erscheinungen in der Völkergeschichte. 
Er hat seine Wurzeln in den verschiedenen Denkrichtungen 
verschiedener Arten von Geistern. Und die widerstreitenden 
Auffassungen von Natur und Leben, die die verschiedenen 
Denkrichtungen jeweils erzeugen, beeinflussen im guten 
oder schlimmen die Grundstimmung der Gefühle und das 
tägliche Verhalten. Ein solcher, nie rastender Kampf der 
Ansichten, wie er durch alle Zeiten hindurch unter den 
Bannern der Religion und der Wissenschaft geführt wurde, 
hat natürlich eine Erbitterung erzeugt, die einer gerechten 
Würdigung der Gegenpartei auf beiden Seiten verhängnis- 
voll ist. In einem höheren Grade und schärfer als jeder 
andere Streit hat er die ewig bedeutsame Fabel von den 
Rittern illustriert, die sich um die Farbe eines Schildes 
schlagen, von denen jeder nur eine Seite sieht. Jeder 



23. Religion und Wissenschaft. 65 

Kämpfer sah klar nur seine Seite der Frage und warf 
seinem Gegner Dummheit oder Unehrlichkeit vor, weil er 
nicht dieselbe Seite sah. Beide aber ermangelten der Auf- 
richtigkeit, auf die Seite des Gegners zu treten und aus- 
findig zu machen, warum dieser alles so yerschieden sah.^ 
Diese denkwürdigen Worte, mit denen Spencer seine Be- 
trachtung der Frage einleitet, verraten, dass er einen wirk- 
lichen und aufrichtigen Frieden zwischen Religion und 
Wissenschaft für möglich hält, und sie deuten den Weg 
an, auf dem er zu suchen ist. Religion und Wissenschaft 
befassen sich wohl mit derselben Sache, aber sie behandeln 
sie von verschiedenen Gesichtspunkten aus und zu ver- 
schiedenen Zwecken. In der Wissenschaft tritt der Mensch 
der Welt als erkennender, in der Religion als fühlender 
und wertsetzender gegenüber; in der Wissenschaft be- '1 
schäftigt er sich mit bestimmten Thatsachen und ihren Be- 
ziehungen, in der Religion mit jenem unbestimmten Etwas, 
das allen Erscheinungen und ihren Beziehungen zu 
Grunde liegt. 

Folgen wir nun dem Gedankengang, der nach Spencer 
zu einer Versöhnung der lang verfeindeten Schwestern 
führt, etwas näher. Spencer geht von der Ueberzeugung 
aus, dass Religion und Wissenschaft beide eine Wurzel in 
der Wirklichkeit der Dinge haben, und dass es daher, 
wenn anders der Manichäismus nicht Recht haben soll, eine 
oberste Wahrheit geben muss, in der sie sich zusammen- 
finden können. Es gilt also, „die höchste Wahrheit zu 
suchen, zu der sich beide mit vollständiger Aufrichtigkeit, 
ohne irgend welchen geistigen Yorbehalt bekennen können**. 
Diese allumfassende Wahrheit kann natürlich weder ein 
bestimmtes Dogma der Religion noch ein bestimmter Lehr- 
satz der Wissenschaft sein; sie muss vielmehr, um ihrer 
Bestimmung zu genügen, die abstrakteste und daher all- 
gemeinste Wahrheit sein, die sie beide bekennen. 

Was ist nun jene allgemeinste Wahrheit der Religion, 
jene Wahrheit, der auch die grausamste Kritik nichts an- 

Gaupp, Spencer. 5 



66 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

haben kann, jene „Seele von Wahrheit", die auch der 
abergläubigsten Religion innewohnt? Spencer beginnt sein 
Diogeneswerk niit einer interessanten Zergliederung der 
„religiösen GrundbegriiFe". Auf die uralte Frage, was ist 
die Welt und von wannen kommt sie, suchen der Theis- 
mus, der Pantheismus und der Atheismus, jeder auf seine 
Art, eine Antwort zu geben. Doch ach! sehn wir genauer 
zu, so sind alle Antworten blosse Wortgefleohte ohne In- 
halt; Sätze, die tiefsinnig klingen, die sich aber nicht in 
wirkliche Gedanken umsetzen lassen. Wie Spencer die 
letzte Unbegreiflichkeit aller dieser Theorien dialektisch 
nachweist, brauchen wir hier nicht weiter auszuführen. 
Schon viele vor ihm und nicht zum wenigsten grosse reli- 
giöse Geister haben wieder und wieder gezeigt, dass alle 
jene Theorien mit ihrer Annahme einer absoluten, unend- 
lichen Ursache zuletzt zu unlösbaren Widersprüchen und 
zu einem Selbstmord des Intellektes fuhren müssen. Geben 
wir zu, die Erklärung, die jede jener drei möglichen Theo- 
rien giebt, ist nur eine Scheinerklärung, so predigen sie 
doch auch in ihrer Ohnmacht wenigstens eine Wahrheit, 
\ nämlich die „dass die Welt einer Erklärung bedarf". „Hier 
nun haben wir ein Element, das allen Glaubensrichtungen 
gemeinsam ist. Eeligionen, die sich in ihren Bekenntnis- 
formeln aufs schärfste widersprechen, sind doch vollkommen 
eins in der stillschweigenden Ueberzeugung, dass die Exi- 
stenz der Welt mit allem, was sie enthält, und mit allem, 
was sie umgiebt, ein Mysterium ist, das immerfort nach 
Auslegung verlangt." Spencer zeigt dann, wie die ganze 
Entwicklung der Religion sich darstellen lässt als eine 
immer weitere Annäherung an den Standpunkt, als dessen 
Motto ein Wort Jacobis dienen kann : „Ein erkannter Gott 
wäre kein Gott mehr". Durch die ganze Geschichte der 
Religion können wir einen Prozess der fortschreitenden 
,^ntmen8chlichung Gottes" verfolgen. Dem Wilden ist 
Gott ein Mensch, nur grausamer, wilder und mächtiger 
als er selbst; mit jedem höhern Schritt fallt ein Attribut 



24 Der Standpunkt der Wissenschaft. 67 

Gottes um das andere als Gottes unwürdig oder als unver- 
einbar mit andern Attributen, an denen noch festgehalten 
wird; mit jedem Schritt wird Gott etwas Unbekanntereg, 
etwas dem menschlichen Verstand Unerfassbareres, bis end- 
lich auf der höchsten Stufe das relative Mysterium, das 
alle Religionen anerkennen, zum absoluten Mysterium wird. 
„Hier also haben wir eine Grundwahrheit von der 
grösstmöglichen Gewissheit, eine Wahrheit, in der alle 
Religionen unter sich und mit der Philosophie, die ihre 
speciellen Dogmen bekämpft, eins sind. Sollen Religion 
und Wissenschaft versöhnt werden, so muss die Grundlage 
der Versöhnung diese tiefste, weiteste und grösste Wahr- 
heit sein, dass die Macht, die sich uns im Universum oflfen- 
bart, absolut^ janerforschlich. ist." 

24. Der Beweis, dass auch die Wissenschaft sich dieser 
Grundwahrheit in Demut beugen muss, fallt Spencer nicht 
schwer. Eine Analyse ihrer „Grundbegriflfe", als da sind 
Baum, Zeit, Bewegung, Stoflf, Kraft, Selbst u. s. w., lehrt, 
wie die vorangegangene Zergliederung der religiösen Grund- 
begrifiPe, dass Wesen und Ursprung der objektiven wie der 
subjektiven Welt unergündlich sind. „Die religiösen 
Grundbegriffe wie die wissenschaftlichen sind nur Sym- 
bole der Wirklichkeit, nicht Erkenntnisse derselben." Dass 
dem so ist und dass dem so sein muss, liegt in der in- 
nersten Natur unseres Erkennens begründet. 

Analysieren wir nämlich das Denkprodukt, so finden 
wir, dass alle schrittweise immer tiefer eindringenden Er- 
klärungen der Natur, die eben den Portschritt im Erkennen 
ausmachen, darin bestehn, dass schrittweise specielle Wahr- 
heiten unter allgemeinere Wahrheiten und allgemeine unter 
noch allgemeinere eingeschlossen werden. Dieser Prozess 
kann aber nicht ins Unendliche fortgehn, weil sonst alles 
in der Luft hinge. Es muss daher eine allgemeinste Wahr- 
heit geben, die nicht begriffen werden kann, eben weil sie 
keine Einschliessung in eine andere, kein Begreifen unter 



gg Zweiter Teil. Spencers Werk. 

einer andern, zulässt. Analysieren wir aber den Denk- 
prozess, so finden wir, dass unser Denken durch Gegensatz, 
Unterschied und Aehnlichkeit bedingt ist. Was keinen 
Gegensatz hat und nicht von einem andern unterschieden 
werden kann, lässt sich nicht denken; und auf der andern 
Seite setzt alles Erkennen ein Aehnlichkeitsverhältnis voraus: 
wir erkennen ein Ding, indem wir es auf ein anderes, das 
ihm gleicht, zurückführen. Weil nun das Unbedingte, eben 
weil es das Unbedingte ist, in keinem dieser drei Verhält- 
nisse stehn kann, ist es auch dreifach unerkennbar. 

In folgender schönen Stelle findet Spencers Grund- 
gedanke klaren Ausdruck: „Der Mann der Wissenschaft, 
beschäftigt; wie er ist, mit festgestellten Wahrheiten und 
gewohnt, noch unerforschte Dinge anzusehn als Dinge, die 
einst erforscht werden, vergisst zu leicht, dass die Erkennt- 
nis, so umfassend sie auch sein mag, doch niemals den i 
|1 Forschungstrieb zufrieden stellen kann. Positives Wissen 
füllt nie die ganze Sphäre des möglichen Denkens aus und | 
kann sie nie ausfüllen. An der äussersten Grenze der 
Entdeckungen erhebt sich immer und muss sich immer die 
Frage erheben: was liegt jenseits? Wir können uns keine 
Erklärung so tief denken, dass sie die Frage ausschlösse: 
Was ist die Erklärung dieser Erklärung? Stellen wir uns 
die Wissenschaft als eine stets wachsende Kugel vor, so 
können wir sagen, jede Vergrösserung ihrer Oberfläche 
bringt sie nur in umfangreichere Berührung mit dem sie 
umgebenden Nichtwissen!" Wie sagt doch Altmeister 
Goethe : „Die Existenz, durch die Vernunft dividiert, geht 
nicht ohne Eest auf!" Und weiter: 

„In der äussern wie in der Innern Welt findet sich 
der Mann der Wissenschaft inmitten ewiger Veränderungen, 
von denen er weder den Anfang noch das Ende zu ent- 
decken vermag. Wenn er, die Entwicklung der Dinge 
zurück verfolgend, sich erlaubt, die Hypothese aufzustellen^ 
dass das Universum einst in einer zerstreuten Form existierte, 
so findet er es doch ganz unmöglich, sich vorzustellen, 



24 Der Standpunkt der Wissenschaft. 69 

wie es kam, dass es so war. GFanz so, wenn er über die 
Zukunft nachdenkt; er kann der unendlichen Folge der 
Erscheinungen, die sich ewig vor ihm entfalten, keine 
Grenze setzen. Und wendet er den Blick nach Innen so 
bemerkt er in gleicher Weise, dass beide Enden des Be- 
wusstseinsfadens ausser seinem Griffe liegen, ja ausser sei- 
nem Yermögen, ihn sich als existiert habend oder als in 
Zukunft existierend vorzustellen .... Objektive wie sub- 
jektive Dinge findet er daher gleich unerforschlich ihrer 
Substanz und ihrem Ursprung nach. In allen Richtungen 
stellen ihn seine Forschungen zuletzt von Angesicht zu 
Angesicht einem unlösbaren Rätsel gegenüber, und immer 
mehr versteht er, dass es ein wirklich unlösbares Rätsel 
ist. Er kennt zugleich die Grösse und die Kleinheit des 
Menschengeistes, seine Macht, alles zu erfassen, was inner- 
halb der Grenzen der Erfahrung liegt, und seine Ohn- 
macht allem gegenüber, was die Erfahrung übersteigt. Er 
realisiert ganz besonders lebhaft die völlige Unbegreiflich- 
keit des einfachsten Vorganges, wenn an und für sich be- 
trachtet. Er weiss besser als jeder andere, dass seiner 
letzten Essenz nach nichts erkannt werden kann.'' 

Spencer verkennt nicht, dass er in diesen Sätzen 
mehr das Yerhalten des Weisen, wie er sein sollte, als 
wie er ist, gezeichnet hat. Religion und Wissenschaft 
haben beide beständig gegen diese letzte Wahrheit ge- 
frevelt. Die Religion hat zwar das unbestreitbare Ver- 
dienst, dass sie diese Wahrheit von Anfang an, wenn auch 
nur unvollkommen und schattenhaft erkannt und verteidigt 
hat. „Sie hat überall die eine oder die andere Modifikation 
der Lehre, dass alle Dinge Offenbarungen einer Macht 
sind, die unsere Erkenntnis übersteigt, aufgestellt und 
weiterverbreitet* und sie hat dadurch die Pflicht erfüllt, 
„die Menschheit davor zu bewahren, ganz im Relativen 
und Zunächstliegenden aufzugehn, sie hat das Bewusstsein 
von etwas Jenseitigem wachgehalten*. Sie war aber immer 
zugleich mehr oder weniger irreligiös; insofern sie wieder 



70 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

und wieder behauptete, von dem, was alles Erkennen über- 
steigt, doch ein bestimmtes Wissen zu besitzen. Das grosse 
Verdienst der Wissenschaft war es, durch ihre Kritik diese 
unreligiösen Elemente überall auszumerzen und so die 
Religion zu einem fortschreitenden Reinigungsprozess zu 
zwingen. Sie hat durch ihre beständige Kritik der einzelnen 
Dogmen der Religion wieder und wieder den Nachweis ge- 
liefert, dass jenes angebliche Wissen der Religion in Wirk- 
lichkeit ein Mchtwissen ist, und sie hat damit die Religion, 
von unhaltbaren Aussenposten auf ihre unangreifbare Zentral- 
position zurückgetrieben : auf die Lehre von der letzten 
TJnbegreiflichkeit der Welt und der Macht, deren Ausfiuss 
oder Manifestation sie ist. Wie aber die Religion oft un- 
religiös ist, so hat die Wissenschaft eine beständige Tendenz 
gezeigt, zu behaupten, sie besitze da ein Wissen, wo es 
überhaupt kein Wissen geben kann. Ein dauernder und 
ehrlicher Friede ist aber nur dann möglich, wenn die 
Religion aufhört, unreligiös, und die Wissenschaft, un- 
wissenschaftlich zu sein ; wenn die Reh'gion einsieht, dass 
das Mysterium, auf das ihr Sinn gerichtet ist, ein letztes 
und absolutes ist, und wenn sie es deshalb aufgiebt, sich 
ins Geschäft der Wissenschaft zu mischen, die das Er- 
forschbare in Natur und Geist mit den allein zu diesem 
Zweck dienlichen Methoden bearbeitet ; und wenn die 
Wissenschaft zur vollen Ueberzeugung gelangt, dass ihre 
Erklärungen immer nur annähernd und relativ sind, dass 
sie immer nur das „Wie" und das „Was", aber niemals 
das dem menschlichen Herzen so unendlich wichtigere 
„Wozu" und „Warum" beantworten. 

25. Spencer sah voraus, dass sich gegen sein „Un- 
^' erkennbares" dieselben Angriffe richten werden wie gegen 
Kants „Ding an sich". Die heikle Frage, die er zu beant- 
worten hatte, lautet : Wenn wir von dem Absoluten so gar 
nichts aussagen können, haben wir dann ein Recht, von ihm 
auch nur ein Sein auszusagen P Müssen wir nicht ganz beim 



25. Das Unerkennbare und das ,Ding an sich". 71 

Relativen stehn bleiben, und was giebt uns die Berechtigung, 
doch an etwas zu glauben, das über das Relative hinausgeht? 

Spencer giebt selbst zu, dass wir, solange wir auf dem 
rein logischen Standpunkt verharren, die Existenz von 
einem jenseits des Phaenomenalen liegenden Noumenon 
nicht behaupten können. Von diesem Standpunkte aus ist 
das Absolute bloss die Negation der Vorstellbarkeit, d. h. 
es ist etwas von der Vorstellung gänzlich Verschiedenes, 
das doch vorgestellt werden soll — was unmöglich ist. 
Anders aber stelle sich die Sache dar, psychologisch be- 
trachtet. Es giebt nämlich, sagt Spencer, neben dem be- 
stimmten Bewusstsein, dessen Gesetze die Logik formuliert, 
noch ein unbestimmtes Bewusstsein, das sich nicht in 
Formeln fassen lässt; es giebt Gedanken, die zu vervoll- 
ständigen unmöglich ist, die aber trotzdem real sind in 
dem Sinne, dass sie normale Erregungen des Denk- 
vermögens sind. 

Um nun des nähern zu zeigen, wie der ganze Nach" 
weis, dass ein bestimmtes Bewusstsein vom Absoluten für 
uns unmöglich ist, unvermeidlich auf der Voraussetzung 
eines unbestimmten Bewusstseins von demselben beruht, be- 
kämpft Spencer die Lehre, dass von correlativen Gegen- 
sätzen, wie begrenzt und unbegrenzt, relativ und absolut, 
nur einer, nämlich der positive, real, der negative aber bloss 
eine Abstraction vom andern, nichts weiter als eine blosse 
Negation desselben sei. Das negative Vorstellungsbild ist 
= Negation des positiven + X. So bedeutet das Rela- 
tive „Existenz unter Bedingungen und Grenzen"; das Ab- 
solute nun aber nicht etwa bloss die Negation einer solchen 
Existenz, sondern vielmehr Negation einer bedingten und 
begrenzten Existenz -f X. Und dieses X repräsentiert eben 
das, was Spencer das unbestimmte Bewusstsein vom Abso- 
luten nennt. Dieses unbestimmte. Bewusstsein vom Abso- 
luten abstrahieren wir aber nicht von einer einzelnen Gruppe 
von Gedanken und Vorstellungen ; es ist vielmehr das Ab^ 
stractum aller Gedanken und Vorstellungen. Ihnen allen 



72 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

ist das, was wir mit Existenz bezeichnen, gemeinsam, und 
davon können wir nicht loskommen. Dieses Bewusstsein 
von Existenz, das sich infolge des fortwährenden Wechsels 
aller seiner Modalitäten von diesen allen loslöst, bleibt als 
ein unbestimmtes Bewusstsein von etwas unter allen Modi- 
fikationen Beharrendem von seinen Erscheinungsweisen ge- 
trennt. Es ist nicht nur notwendig unbestimmt, sondern auch 
notwendig unzerstörbar. Kurz dieses Bewusstsein von einem 
Absoluten lässt uns nicht los infolge derselben Denkgesetze, 
die uns daran hindern, einen Begriff von ihm zu bilden. 
Es ist das notwendige Oorrelat unseres Selbstbewusstseins. 
Spencer wirft zum Schluss die interessante Frage 
auf, ob es nun trotz unseres Unvermögens, diesem „Uner- 
kennbaren" bestimmte Attribute beizulegen, nicht vielleicht 
ein Postulat der „Praktischen Vernunft" sei, doch solche 
Attribute von ihm auszusagen, und ob es insbesondere, wie 
Hamilton und Mansel behauptet hatten, schlechtweg unsere 
Pflicht sei, das „Unerkennbare" oder Gott als ein persön- 
liches Wesen zu denken. Er antwortet, unsere Pflicht sei 
weder Gottes Persönlichkeit zu bejahen noch sie zu leugnen; 
unsere Pflicht sei nur, uns demütig den festgestellten Gren- 
zen unseres Erkennens zu fügen und nicht gegen sie zu 
rebellieren. Es sei ja gar nicht so, dass die Wahl liege 
zwischen Persönlichkeit und etwas Niedrigerem als Persön- 
lichkeit; es sei vielmehr sehr leicht möglich, dass es eine 
Daseinsform gäbe, die ebenso hoch über Intelligenz und 
Willen stehe als diese über mechanischer Bewegung. Spencer 
giebt in der That zu, dass wohl eine innere Notwendigkeit 
die Menschen immer wieder dazu treiben werde, für das 
absolute Wesen bestimmte Formen zu finden; und darin 
liege nichts Unberechtigtes, sofern wir uns nur bewusst 
bleiben, dass diese Formen immer nur Symbole sind, die dem, 
was sie bezeichnen sollen, absolut unähnlich sind. Die be- 
ständige Neubildung solcher Symbole und deren ebenso 
beständige Verwerfung als unzureichender Phantasien werde 
in der That dazu dienen, in uns das Bewusstsein des un- 



26. Begriff und Aufgabe der Philosophie. 73 

ermesslichen Gegensatzes zwischen dem Bedingten und dem 
Bedingungslosen wach zu halten. 

86. Wenn der erste Abschnitt der „First Principles" 
der philosophischen Erkenntnis die Grenzen absteckt, über 
die sie nicht hinaus kann und sie sozusagen negativ defi- 
niert, so beginnt der zweite Abschnitt mit der positiven 
Frage: Was ist Philosophie? Alle Antworten, die seit 
alter Zeit auf diese Frage gegeben worden sind, enthalten 
bei allem Widerstreit doch ein gemeinsames Element: die 
Philosophie hat es nicht mit Einzelerkenntnissen, sondern 
nur mit Erkenntnis von der allerhöchsten Allgemeinheit zu 
thun. Und verbinden wir damit die weitere Einsicht, dass, 
wie zwischen wissenschaftlichen Wahrheiten höheren und 
niedrigeren GFrades, so auch zwischen diesen und den philo- 
sophischen Wahrheiten kein Wesens-, sondern nur ein 
Gradunterschied besteht, so kommen wir zu der allgemeinen 
Definition: Wissenschaft ist teilweise vereinheitlichte, 
Philosophie vollkommen vereinheitlichte Erkenntnis. 

Wie kommen wir nun zu dieser Vereinheitlichung P 
Spencer weist vor allem auf eine Wahrheit hin, die er auch 
sonst, besonders in seiner Yerteidigung des Bealismus den 
Idealisten gegenüber, betont. Er zeigt, wie diese Denker 
der Ansicht huldigen, es sei möglich und es sei ihnen ge- 
lungen, von irgend einer oder auch von mehreren an- 
erkannten einfachen Thatsachen auszugehn und nichts 
vorauszusetzen als eben nur diese Thatsache und, darauf 
fussend, Sätze zu beweisen und zu widerlegen, Sätze aber, 
die in Wahrheit in denen, von denen sie ausgehn, im- 
plicite schon mitbehauptet sind. Eine solche Isolierung der 
Gedanken sei unmöglich, vielmehr enthalte jeder Gedanke 
bereits ein System von Gedanken und stehe mit andern 
Gedanken wie das Glied eines Körpers mit andern Gliedern 
in organischen Yerbindungen, innerhalb deren allein er 
funktionieren könne. Spencer zeigt des nähern, wie z. B. 
das in jedem Denken liegende Bewusstsein von Gleichheit 



74 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

die Kategorien Quantität, Zahl, Grenze, Yerschiedenheit 
etc. einschliesst. 

Da uns so ein Blick auf unser Denkvermögen zeigt, 
dass es auf Grundlage bestimmter, organisch verbun- 
dener, fest gewurzelter Vorstellungen ruht, deren es sich 
nicht entledigen kann, so gilt es, diejenigen, die ganz un- 
umgänglich notwendig sind, herauszugreifen; beim Suchen 
nach ihnen leitet uns die Denknotwendigkeit als Kriterium. 
Um dann die Gültigkeit dieser Annahmen zu beweisen, die 
wir vorläufig als wahr hinnehmen, müssen wir zeigen, dass 
alle übrigen Aussagen des Bewusstseins mit ihnen über- 
einstimmen. Denn das ist der einzige Weg, eine Annahme 
zu rechtfertigen, dass wir zeigen, dass zwischen den Er- 
fahrungen, die sie uns vorauszusetzen veranlasst, und der 
thatsächlichen Erfahrung Uebereiustimmung herrscht. Die 
Vereinheitlichung der Erkenntnis — das Ziel der Philo- 
sophie — ist also erreicht, wenn die üebereinstimmung 
gewisser fundamentaler Intuitionen mit allen andern Aus- 
sagen des Bewusstseins nachgewiesen wird. Es gilt nun 
diese Intuitionen zu suchen. 

27. Da tritt uns vor allem der Satz entgegen : es giebt 
XJebereinstimmungen und Nichtübereinstimmungen und sie 
sind uns erkennbar. Das Bewusstsein ist der kompetente 
Richter über Aehnlichkeit und Unähnlichkeit seiner Zu- 
stände. Ohne diese Annahme kämen wir im philosophischen 
Raisonnement keinen Schritt weiter. Die Aufgabe der Phi- 
losophie ist es, überall Einheit und Üebereinstimmung zu 
suchen, und das setzt notwendig die Gültigkeit der Be- 
wusstseinsfunktionen voraus, durch die die Dinge als ähn- 
lich und unähnlich aufgefasst werden. Wenn ein Bewusst- 
sein von Gleichheit und Verschiedenheit in uns fortdauert, 
so ist dies eben für uns die höchste Bürgschaft dafür, dass 
Gleichheit und Verschiedenheit existieren ; denn wir verstehn 
in der That unter Gleichheit oder Verschiedenheit nichts 
' anderes als ein fortdauerndes Bewusstsein von ihnen. 



27. Die Voraussetzungen der Philosophie. 75 

Das ist der fuDdamentale Denkprozess. 

Da aber ferner die Vereinheitlichung der Erkennt- 
nis sich nur dadurch bewirken lässt, dass gezeigt wird, 
wie ein oberster Satz sämtliche Eesultate der Erfahrung 
in sich einschliesst und bekräftigt, so muss offenbar die- 
ser oberste Satz, dessen XJebereinstimmung mit allen 
andern nachzuweisen ist, ein Stück Erkenntnis ausdrücken 
und nicht nur die Gültigkeit eines Erkenntnisaktes. Wir 
brauchen also ein fundamentales Denkprodukt, d. h. es 
muss auch ein Resultat, zu dem der fundamentale Denk- 
prozess geführt hat, vorausgesetzt werden. Dieses Da- 
tum des Bewusstseins muss eine Darstellung von üeber- 
einstimmungen und Nichtübereinstimmungen sein, die all- 
gemeiner ist als jede andere. Es muss eine Thatsache aus- 
drücken, im Verhältnis zu der alle andern Gleichheiten und 
Verschiedenheiten untergeordnet erscheinen. 

Wenn Erkennen dasselbe ist wie Klassifizieren oder 
Zusammenordnen des Gleichen und Trennen des Ungleichen, 
und wenn die Vereinheitlichung der Erkenntnis so zu stände 
kommt, dass die kleinern Klassen von Erfahrungen in grös- 
sere und diese in noch grössere eingereiht werden, dann 
muss der Satz, der die Erkenntnis vereinheitlicht, der Art 
sein, dass er den Gegensatz zwischen den zwei letzten 
Klassen von Erfahrungen, in die alle übrigen aufgehn, 
ausdrückt. 

Alle uns bekannten Kundgebungen des Unerkennbaren 
zerfallen in zwei grosse Massen, in lebhafte und schwache 
Kundgebungen. Beide Arten sind von einander getrennt, 
hängen aber unter sich zusammen und laufen nebeneinander 
her. Die starken oder — mit Humeschem Ausdruck — die Im- 
pressionen gehn den schwachen, den Ideen, voran, die von 
ihnen abhängig sind. Die Bedingungen, unter denen beide 
Arten auftreten, gehören für jede Art zur gleichen Art, 
wie sie selbst, wobei sich aber ein wichtiger Unterschied 
ergiebt. Die schwachen Kundgebungen haben immer er- 
kennbare Vorläufer ; wir können sie ins Dasein rufen durch 



76 Zweiter TeiL Spencers Werk. 

Herstellung ihrer Bedingungen. Die Bedingungen für die 
starken Kundgebungen dagegen sind häufig versteckt und 
liegen gleichsam ausser der Reihe. 

Damit sind wir zu dem durchgreifendsten Unterschied 
zwischen den Kundgebungen des Unerkennbaren gelangt, 
der als Antithese von Objekt und Subjekt, Ich und Nicht- 
ich, Selbst und Nichtselbst immer das Hauptthema der 
Philosophie war. Die Scheidung in Objekt und Subjekt 
ist das Resultat des fundamentalen Denkprozesses, der 
Aehnlichkeit und Unähnlichkeit zwischen den Bewusstseins- 
zuständen konstatiert. Eben weil wir fortwährend erfahren, 
dass im Gegensatz zu den schwachen Kundgebungen die 
Bedingungen für die lebhaften häufig nicht aufgefunden 
werden können, drängt sich uns die unwiderstehliche Ueber- 
Zeugung auf, dass die Bedingungen für das Auftreten dieser 
Kundgebungen ausserhalb des Stromes der lebhaften Kund- 
gebungen liegen. Und dies erfüllt uns mit einem un- 
bestimmten Bewusstsein von einem schrankenlos ausgedehnten 
Gebiet eines Seins, das sowohl von den schwachen Offen- 
barungen des Ichs als den lebhaften des Nicht-Ichs ge- 
trennt ist. 

38. Spencer macht sich dann weiter daran, gewisse 
allgemeinste Formen, in denen die Kundgebungen des Un- 
erkennbaren erfolgen, gewisse Grundbedingungen, unter 
denen die Realität sich uns darstellt, zu erörtern und vor 
allem zu untersuchen, welche Art von Realität wir ihnen 
zuschreiben können. 

Nachdem unser Philosoph darauf hingewiesen hat, wie 
Wirklichkeit für uns Portdauer im Bewusstsein bedeutet, 
führt er aus, dass also das Resultat dasselbe bleibt, ob 
nun das, was wir wahrnehmen, das Unerkennbare selbst 
oder eine Wirkung ist, die dasselbe unabänderlich auf uns 
ausübt. Wenn eine Macht, deren Natur jenseits des Vor- 
stellens liegt, unter den durch unsere Beschaffenheit ge- 
gebenen gleichbleibenden Bedingungen stets einen gewissen 



28. Die wissenschaftlichen Grundbegriffe. 77 

Bewusstseinszustand erzeugt, und wenn dieser Zustand ebenso 
fortdauert, wie es diese Macht thun würde, sofern sie ins 
Bewusstsein träte, dann ist auch die Wirklichkeit in dem 
einen wie in dem anderen Sinn gleich vollständig. 

Wir besitzen also ein unbestimmtes Bewusstsein von 
einer absoluten ausser allen Beziehungen stehnden Wirk- 
lichkeit, erzeugt durch die absolute Portdauer in uns von 
Etwas, das jeden Wechsel der Beziehungen überlebt; und 
wir haben ein bestimmtes Bewusstsein von relativer Wirk- 
lichkeit, das unter der einen oder andern seiner Formen 
unaufhörlich in uns fortdauert, unter jeder Form solange, 
als die Bedingungen für sie erfüllt sind. Diese relative 
Wirklichkeit ist, da sie beständig in uns fortdauert, ebenso 
wirklich für uns, wie die absolute Wirklichkeit es sein 
würde, wenn sie unmittelbar erkannt werden könnte. Da 
das Denken nur in Beziehungen möglich ist, kann die 
relative Wirklichkeit als solche nur in Beziehung zu einer 
absoluten begriffen werden, und die zwischen beiden be- 
stehnde Beziehung ist, weil sie in unserem Bewusstsein 
absolut fortdauert, in demselben Sinne wirklich, wie es die 
durch sie verbundenen Begriffe sind. 

Den wissenschaftlichen Grundbegriffen , als da sind 
Biftum, Zeit, Stoff, Bewegung und Kraft, kommt nun nur 
eine solche relative Wirklichkeit zu. Sie bilden sich aus 
fortdauernden Eindrücken, die das fortdauernde Erzeugnis 
einer fortdauernden Ursache sind. In praktischer Bezieh- 
ung haben sie deshalb dieselbe Bedeutung für uns, wie die 
Ursache selbst, und wir können mit ihnen genau so ver- 
fahren, als ob sie absolute Wirklichkeiten wären. In ihrer 
theoretischen Würdigung aber dürfen wir ihren relativen 
Charakter nie vergessen; sobald wir argumentieren, als ob 
ihnen absolute Wirklichkeit zukäme, sieht sich unsere Ver- 
nunft sofort zu widerstreitenden Behauptungen, sogenannten 
Antinomien, hingetrieben. 

Baum und Zeit sind das Abstractum von allen Be- 
ziehungen der Gleichzeitigkeit und der Folge. Materie ist 



78 Zweiter Teü. Spencers Werk. 

ein Begriff von gleichzeitigen Lagen, die Widerstand leisten ; 
der Begriff der Bewegung endlich ist der einer Anzahl von 
koexistierenden Stellungen, die aufeinander folgen. Er ent- 
hält die drei vorhergehnden Begriffe in sich. Alle diese 
Begriffe weisen auf einen Urgrund zurück; sie sind näm- 
lich alle ableitbar aus Erfahrungen von Kraft. Diese selbst 
bilden einen unzerlegbaren Bewusstseinsinhalt, in den sich 
alle übrigen zerlegen lassen. Die Kraft aber, die seinen 
Inhalt bildet, ist nicht identisch mit dem Prinzip, das sich 
uns durch die Erscheinungen kundgiebt; sie ist nur eine 
gewisse bedingte Wirkung der bedingungslosen Ursache. 
Sie ist eine relative Wirklichkeit, die auf eine sie unmittel- 
bar erzeugende absolute Wirklichkeit hinweist. 

29. Spencer geht dann im Verfolg seiner Aufgabe der 
Vereinheitlichung der Erkenntnis zur Erörterung einer Eeihe 
ursprünglicher Wahrheiten über, die alle einen Charakter 
eigentümlicher Gewissheit besitzen, kurz gesagt physikalische 
Axiome sind. 

Der Stoff ist unzerstörbar. Dieser Satz ist ein Funda- 
ment der Wissenschaft, die ohne seine Gültigkeit nicht 
möglich wäre. Obwohl ursprünglich infolge einer noch 
nicht genügend fortgeschrittenen Entwicklung des Geistes 
für einen Irrtum angesehn, giebt es für ihn doch eine 
höhere Bürgschaft als die der bewussten Induktion. Die 
Form unseres Denkens macht es uns unmöglich, Erfahrungen 
vom Uebergang des Stoffes in die Nichtexistenz zu haben, 
da solche Erfahrungen die Erkenntnis einer Beziehung in 
sich schlössen, deren eines Glied im Bewusstsein nicht vor- 
stellbar wäre. Die Unzerstörbarkeit des Stoffes ist im 
eigentlichen Sinn eine Wahrheit a priori. Zugleich erhellt 
aber, dass sie aus der noch tieferen Wahrheit der Unzer- 
störbarkeit der Kraft deduziert werden kann; denn unser 
[N^ormalmafsstab für den Stoff ist die Kraft. 

Eine allgemeine apriorische Wahrheit derselben Art 
ist die, dass die Bewegung fortdauert. Sie gelangt in 



29. Apriori Wahrheiten. 79 

Ausdrücken der Kraft zu unserer Kenntnis. Die Kraft 
aber, auf die die Bewegung hinweist, lässt sich im Denken 
absolut nicht unterdrücken. Wir kommen damit zu dem 
Satz, dass die Kraft fortbesteht. Es ist dies in der That 
die einzige Wahrheit, die über alle Erfahrung hinausgeht, 
weil sie eben aller Erfahrung zu Grunde liegt; für sie 
kann es keinen induktiven Beweis geben. Die Kraft, deren 
Fortbestehn wir behaupten, ist nun nicht die Kraft, deren 
wir in unsern Muskelanstrengungen unmittelbar bewusst 
werden; diese besteht nicht fort. Sie ist vielmehr jene 
absolute Kraft, von der wir ein unbestimmtes Bewusstsein 
haben, als von einem notwendigen Correlat der Kraft, die 
wir erkennen. Unter Fortbestehn der Kraft verstehn wir 
somit in Wirklichkeit: das Fortbestehn einer Ursache, die 
unser Erkennen und Vorstellen übersteigt, oder mit andern 
Worten, wir behaupten damit eine bedingungslose Realität 
ohne Anfang und Ende. 

Als Correlarien der Beständigkeit der Kraft entwickelt 
Spencer dann noch folgende Sätze. Da keine Kraft aus 
Nichts entstehn noch in Nichts vergehn kann, so müssen 
auch die Beziehungen zwischen den Kräften fortbestehn. 
Ferner folgt, dass sich die eine Kraft in eine aequivalente 
Quantität der andern umformen lässt, und dass die Kräfte 
gleichwertig sind. 

Wir sind weiter gezwungen, uns alle Dinge als aus 
einander anziehnden und abstossenden Teilchen zusammen- 
gesetzt zu denken. Und aus dieser durch die Form unseres 
Denkens bedingten Annahme universell koexistierender 
Kräfte der Anziehung und Abstossung folgen gewisse Ge- 
setze über die Richtung jeder Bewegung. Jede Bewegung 
erfolgt längs der Linie der stärkeren Anziehung, des ge- 
ringsten Widerstandes oder ihrer Eesultante. Und endlich 
ist der Rhythmus ein notwendiges Merkmal aller Bewegung, 
das gleichzeitige Vorhandensein von entgegengesetzten 
Kräften allerorts vorausgesetzt. 



gO Zweiter Teil. Spencers Werk. 

Bilden nun die so gewonnenen Wahrheiten jene all- 
gemeinste Synthese, die die Philosophie fordert? Geben 
sie eine Yorstellong yom Kosmos, von der Totalitat aller 
Manifestationen des Unerkennbaren P Darauf antwortet 
Spencer mit Nein. Die erörterten Sätze sind zwar alle 
universelle Wahrheiten, die von allen konkreten Erschei- 
nungen gelten. Aber weder sie noch irgend welche andern 
Wahrheiten gleicher Art können jene Einheitserkenntnis 
liefern, die die Philosophie sucht. Sie können nicht mehr 
sein als blosse Bausteine für sie; denn sie sind lauter ana- 
lytische Wahrheiten, d. h. Wahrheiten, die man durch 
Zerlegen der Phaenomene in ihre Elemente gewonnen hat. 
Und keine analytischen Wahrheiten können zu jener Syn- 
these des Denkens fuhren, die allein die Synthese der Dinge 
interpretieren kann. Wir haben in ihnen nur die Gesetze 
der einzelnen Faktoren und suchen das Gesetz des 
Zusammenwirkens dieser Faktoren. Wir suchen eine Formel, 
die das, was allen Teilerscheinungen des Weltprozesses ge- 
meinsam ist, ausdrückt und die Frage beantwortet: Was 
ist das gemeinsame Element in der Geschichte aller kon- 
kreten Phaenomene P 

Die Grundelemente aller konkreten Phaenomene sind 
aber Materie und Bewegung. Das gesuchte Gesetz muss 
daher — das folgt apriori — ein Gesetz sein, das die 
Formel giebt für die beständige Andersverteilung von Materie 
und Bewegung, die den Weltprozess ausmacht, in dem es 
keine absolute Kühe und Dauer giebt, wie schon der alte 
Philosoph in seinem icdcvTa pet richtig erkannt hat. In 
der Geschichte jeder Existenz nun vom Augenblicke an, 
wo sie aus dem Nichtwahrnehmbaren hervortritt, bis zu 
dem Augenblick, da sie in dasselbe zurückkehrt, können 
wir zwei entgegengesetzte Prozesse unterscheiden. Sie 
entsteht für uns dadurch, dass sich ihre Bestandteile, die 
sich früher in einem zerstreuten Zustand befanden, zu einem 
Ganzen sammeln, indem die Materie konzentriert wird, 
und die einzelnen Teile ihre unabhängige Bewegung ver- 



30. Das Gesetz der Entwicklung. gl 

lieren; und sie vergeht dadurch, dass sie sich wieder in 
ihre Bestandteile auflöst, indem Bewegung absorbiert und 
die Materie zerstreut wird. Hier haben wir das allgemeine 
Gesetz der Andersverteilung von Materie und Bewegung — 
sie ist überall entweder Integration oder Disintegration. 
Diese zwei entgegengesetzten Prozesse laufen immer neben- 
einander her, und das Resultat ist je nach dem Vorwiegen 
des einen oder des andern ein Diflferenzialfortschritt ent- 
weder zur Integration oder zur Disintegration. Im ersten 
Fall spricht man von Entwicklung, unter der also immer 
zu verstehn ist: Integration von Materie und Abgabe von 
Bewegung, im zweiten von Auflösung, was immer bedeutet : 
Aufnahme von Bewegung und Disintegration von Materie. 

30. Entwicklung ist nun zwar immer Integration der 
Materie und Zerstreuung von Bewegung; sie ist das aber 
selten allein. Sie ist gewöhnlich von sekundären Anders- 
verteilungen von Materie und Bewegung begleitet. Be- 
steht sie nur aus Integration von Materie und aus Zer- 
streuung von Bewegung, so nennen wir sie einfach; treten 
sekundäre Andersverteilungen hinzu, so nennen wir sie z u- 
samm engesetzt. Einfach ist die Entwicklung da, wo wie 
z. B. bei Krystallisationen der Prozess der Konzentration 
plötzlich vor sich geht'; zusammengesetzt, wo wie in or- 
ganischen Wesen der Prozess der Konzentration ein lang- 
samer, die zurückbehaltene Bewegung relativ gross und 
doch ein solcher Grad von Kohaesion vorhanden ist, dass 
die durch Einwirkung äusserer Kräfte hervorgerufenen se- 
kundären Abänderungen sich fixieren können. Nachdem 
Spencer so vorläufig diesen allgemeinen und unbestimmten 
Begriff der Entwicklung gewonnen hat, macht er sich da- 
ran, ihn auf dem Weg einer alle Seinsgebiete umfassenden 
Induktion näher zu bestimmen. Die erste dieser Be- 
stimmungen, die den wesentlichen Charakterzug aller Ent- 
wicklung ausdrückt, lautet: Entwicklung ist ein Ueber- 
gehn aus einem zusammenhangloseren in einen 

Gaupp, Spencer. Q 



82 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

mehr zusammenhängenden Zustand. Nach der 
Laplace-Eantschen Hypothese hat sich das Sonnensystem da- 
durch gebildet, dass ungeheure Nebelmassen sich zu festen 
Körpern konzentrierten. Die Geschichte der Erde, wie die 
Struktur ihrerKruste sie heute vor uns aufrollt,führt uns zurück 
zu einem geschmolzenen Zustand, aus dem sie sich consoli- 
dierte, indem sie durch Erkältung Bewegung abgab. Jede 
Pflanze wächst, indem sie Elemente in sich konzentriert, 
die früher als Gase in zerstreutem Zustand existierten, und 
jedes Tier wächst, indem es Elemente in sich konzentriert, 
die früher in umgebenden Pflanzen oder Tieren zerstreut 
existierten. Das soziale Leben bietet überall Beispiele fort- 
schreitender Integration. Die Familien integrieren sich zu 
Stämmen, diese zu Nationen, und die Nationen allmählich 
zu grossen Eonföderationen mit Schiedsgerichten und Kon- 
gressen. Dem gleichen Prozess der Integration begegnen 
wir in den Produkten des menschlichen Geistes, in Kunst, 
Sprache, Wissenschaft u. s. w. 

Aber die Entwicklung besteht nur selten ausschliess- 
lich aus diesem primären Prozess; sie ist meist zugleich 
ein Uebergang von einem mehr Gleichartigen zu 
einem weniger Gleichartigen. Während die Masse sich 
integriert, diflFerenzieren sich ihre Teile. Das jetzige Sonnen- 
system ist viel ungleichartiger als die Nebelmasse, aus der 
es sich entwickelt hat. Die Erde war ursprünglich eine 
gleichartige, glühende Masse; jetzt bietet sie den Unter- 
schied zwischen der erkalteten Kruste und dem glühnden 
Kern und auf der Kruste selbst alle die Ungleichartig- 
keiten der Hebungen und Senkungen, des Klimas, des 
Wassers und des Landes u. s. w. Der Organismus geht 
vom einfachsten Keim zur grössten Mannigfaltigkeit der 
Formen und Organe über, und die heutige Flora und Fauna 
sind, wie die Palaeontologie nachweist, viel mannigfaltiger 
und verwickelter als die der Urwelt. Das zuerst mehr 
homogene Menschengeschlecht teilt sich in heterogene Kassen, 
und diese in Nationen. Im sozialen Leben fassen wir die 



30. Das Gesetz der Entwicklung. 83 

hierher gehörenden Erscheinungen als Arbeitsteilung zu- 
sammen, die mit der Entwicklung der Zivilisation immer 
weiter vorwärts schreitet. Nicht weniger charakterisiert 
dieser Uebergang aus der Homogeneität zur Heterogeneität 
die Entwicklung aller Produkte des menschlichen Geistes. 
Die Sprache als Ganzes hat immer weitere Redeteile und 
mehr Wörter hervorgebracht; und aus dem gleichen Sprach- 
stamm entwickelt sich eine Mannigfaltigkeit von Sprachen. 
Schrift, Malerei und Skulptur haben sich erst allmählich 
von einander diflFerenziert, und ebenso haben Poesie, Musik 
und Tanz eine gemeinsame Wurzel. Den gleichen Prozess 
einer Umformung von Gleichartigkeit zu Ungleichartigkeit 
weisen Literatur, Wissenschaft, Architektur, Drama und 
Kleidung in allen ihren Stadien auf. Entwicklung ist also 
definierbar als ein Uebergang aus einer unzusammenhängen- 
den Gleichartigkeit zu einer zusammenhängenden Ungleich- 
artigkeit, der die Zerstreuung von Bewegung und die 
Integration von Materie begleitet. 

Aber auch diese Begriffsbestimmung ist noch nicht 
erschöpfend. Denn sie schliesst nicht alles ein, was Ent- 
wicklung charakterisiert, und nicht alles aus, was nicht 
Entwicklung ist. Den Uebergang von Gleichartigkeit zu Un- 
gleichartigkeit muss ein Uebergang vom Unbestimmten 
zum Bestimmten begleiten. Indem in einem sich ent- 
wickelnden Aggregat an die Stelle der Einfachheit Mannig- 
faltigkeit tritt, werden die Teile nicht nur unähnlicher, 
sondern zugleich auch schärfer gegen einander abgegrenzt. 
An Stelle der Verwirrung tritt überall Ordnung. Man denke 
an die bestimmte Struktur des Sonnensystems. Die feste 
Erde ist in ihren Teilen bestimmter und beständiger als 
die feuerflüssige. In Pflanzen und Tieren scheiden sich 
die Organe immer bestimmter und schärfer von einander 
ab. Im wandernden Stamm von Wilden, der kein festes 
Heim und keine feste innere Organisation hat, sind die 
gegenseitigen Beziehungen der Teile viel weniger bestimmt 
als in der hochentwickelten Nation. Und das gleiche gilt 



gg Zweiter Teil. Spencers Werk. 

dass Wirkung und Gegenwirkung gleich sind, von ihnen 
verschieden beeinflusst. Die Kraft selbst differenziert sich, 
wird heterogener und wirkt wie ein Bündel unähnlicher 
Kräfte, die dann ihrerseits wieder immer zahlreichere und 
unähnlichere Reaktionen erleiden. Je heterogener das Ag- 
gregat ist, desto mannigfaltiger sind die Wirkungen, die 
eine auf dasselbe wirkende, einfache Ursache hervorruft. 

Warum entsteht aber nicht eine chaotische Ungleich- 
artigkeit statt der geordneten Ungleichartigkeit ? Was ist 
die Ursache der lokalen Integration, die überall die lokale 
Differenzierung begleitet, jener allmählich sich vervollkomm- 
nenden Sonderung gleicher Einheiten zu einer Gruppe, die 
sich deutlich von den benachbarten Gruppen abhebt? Um 
das zu erklären, muss als dritte Ursache das Gesetz von 
der Aussonderung des Gleichartigen herangezogen wer- 
den. Ein und dieselbe Kraft wirkt in gleicher Weise auf das, 
was einander ähnlich ist, in ungleicher Weise auf das, was 
einander unähnlich ist; sie wird daher in Einheiten, die 
einander ähnlich sind, ähnliche Bewegungen hervorrufen, 
und in Einheiten, die einander unähnlich sind, unähnliche; 
und das Resultat wird Ausscheidung und Gruppierung sein. 
Spencer weist das Wirken dieser drei CoroUarsätze vom 
Fortbestehn der Kraft auch in einer umfassenden Induktion 
als überall auf dem Kosmos manifestiert nach. 

32. Nun drängt sich natürlich die Frage auf: Wird 
dieser Prozess der Entwicklung ins Unendliche fortdauern, 
oder lässt sich eine bestimmte Grenze für ihn fest- 
setzen? Die Antwort ist: die Entwicklung führt überall 
notwendig zu einem Gleichgewichtszustand. Diesen 
Schluss drängt uns sowohl die Beobachtung der konkreten 
Entwicklungsprozesse als eine abstrakte Erwägung der Frage 
auf. Wir haben gesehn, dass alle Entwicklung begleitet 
ist von einer Zerstreuung von Bewegung ; und daraus folgt, 
dass schliesslich ein Zustand folgen muss, in dem keine 
Bewegung mehr abgegeben werden kann, und die Entwick- 



81. Die Deduktion dieses Gesetzes. 85 

gesetzt sind und deshalb notwendig von ihnen verschieden 
modifiziert werden. Das Gleichgewicht, in dem sich irgend 
ein homogenes Aggregat befindet, ist immer labil, d. h. 
wird immer durch das Hinzutreten irgend einer neuen, 
wenn auch noch so kleinen Kraft über den Haufen ge- 
worfen. In einem absolut stabilen Gleichgewicht könnte 
nur eine Homogeneität verharren, die aus Kraftmittelpunkten 
von absolut gleichem Wirkungsvermögen und von absolut 
gleichförmiger Yerteilung im unbegrenzten Kaum bestünde. 
Diese Voraussetzung lässt sich aber in Gedanken gar nicht 
wiedergeben, weil eben unbegrenzter Raum nicht vorstell- 
bar ist. Alle endlichen Formen des Gleichartigen aber, 
alle Formen, die wir erkennen und begreifen können, müssen 
unvermeidlich in Ungleichformigkeit übergehn. Das wird 
auf dreifache Weise durch das Fortbestehn der Kraft not- 
wendig gemacht. Einmal muss jede Einheit eines gleich- 
artigen Ganzen durch die Gesamtwirkung der übrigen 
anders beeinflusst werden als jede andere. Zweitens muss 
irgend eine von aussen einwirkende Kraft, selbst wenn sie 
in Stärke und Richtung durchaus gleichförmig wäre, schon 
deshalb die einzelnen Einheiten verschieden beeinflussen, 
weil schon die Kraft, die das Aggregat auf jede seiner 
Einheiten ausübt, auch nicht in zwei Fällen in Stärke 
und Richtung durchaus gleichförmig ist. Und jede ein- 
wirkende äussere Kraft muss drittens schon deshalb in 
einem gleichartigen Aggregat verschiedene Wirkungen her- 
vorrufen, weil dessen einzelne Teile in Bezug auf sie ver- 
schiedene Lage haben und deshalb unmöglich von ihr 
gleich stark und in gleicher Richtung getroflFen werden 
können. 

Eine zweite der Zeit nach sekundäre, aber sehr wich- 
tige Ursache der zunehmenden Ungleichartigkeit ist „die 
Vervielfältigung der Wirkungen". Die Wirkung ist 
immer komplizierter als die Ursache. Eine Kraft, die auf 
ein bereits heterogenes Aggregat einwirkt, beeinflusst seine 
verschiedenen Teile verschieden und wird nach dem Axiom, 



86 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

dass Wirkung und Gegenwirkung gleich sind, von ihnen 
verschieden beeinflusst. Die Kraft selbst differenziert sich, 
wird heterogener und wirkt wie ein Bündel unähnlicher 
Kräfte, die dann ihrerseits wieder immer zahlreichere und 
unähnlichere Reaktionen erleiden. Je heterogener das Ag- 
gregat ist, desto mannigfaltiger sind die Wirkungen, die 
eine auf dasselbe wirkende, einfache Ursache hervorruft. 

Warum entsteht aber nicht eine chaotische Ungleich- 
artigkeit statt der geordneten Ungleichartigkeit ? Was ist 
die Ursache der lokalen Integration, die überall die lokale 
Differenzierung begleitet, jener allmählich sich vervollkomm- 
nenden Sonderung gleicher Einheiten zu einer Gruppe, die 
sich deutlich von den benachbarten Gruppen abhebt? Um 
das zu erklären, muss als dritte Ursache das Gesetz von 
der Aussonderung des Gleichartigen herangezogen wer- 
den. Ein und dieselbe Kraft wirkt in gleicher Weise auf das, 
was einander ähnlich ist, in ungleicher Weise auf das, was 
einander unähnlich ist; sie wird daher in Einheiten, die 
einander ähnlich sind, ähnliche Bewegungen hervorrufen, 
und in Einheiten, die einander unähnlich sind, unähnliche; 
und das Resultat wird Ausscheidung und Gruppierung sein. 
Spencer weist das Wirken dieser drei CoroUarsätze vom 
Fortbestehn der Kraft auch in einer umfassenden Induktion 
als überall auf dem Kosmos manifestiert nach. 

32. Nun drängt sich natürlich die Frage auf: Wird 
dieser Prozess der Entwicklung ins Unendliche fortdauern, 
oder lässt sich eine bestimmte Grenze für ihn fest- 
setzen? Die Antwort ist: die Entwicklung führt überall 
notwendig zu einem Gleichgewichtszustand. Diesen 
Schluss drängt uns sowohl die Beobachtung der konkreten 
Entwicklungsprozesse als eine abstrakte Erwägung der Frage 
auf. Wir haben gesehn, dass alle Entwicklung begleitet 
ist von einer Zerstreuung von Bewegung ; und daraus folgt, 
dass schliesslich ein Zustand folgen muss, in dem keine 
Bewegung mehr abgegeben werden kann, und die Entwick- 



32. Der Zustand des Gleichgewichts. 87 

lung innehalten muss. Der Stillstand tritt ein, wenn sich 
die Kräfte, denen alle Teile eines Aggregates ausgesetzt 
sind, und die Kräfte, die sie selbst ihnen entgegensetzen, 
ausgeglichen haben. Auf dem Weg zum absoluten Gleich- 
gewicht passiert ein Aggregat oft durch den Zustand eines 
beweglichen Gleichgewichts, wobei das Ganze zur Ruhe 
gekommen ist, während die innere Bewegung seiner Teile 
so fortdauert, dass ihre Oscillationen sich kompensieren. Aber 
jedes solche bewegliche Gleichgewicht hat eine Tendenz, 
zum absoluten Gleichgewicht überzugehn ; denn das Wirken 
der äussern Kräfte hört nie ganz auf. Eine gute Illu- 
stration eines beweglichen Gleichgewichts bietet das Sonnen- 
system, in dem jede Bewegung durch eine Bewegung ent- 
gegengesetzter Natur aufgewogen wird. Aber auch dieses 
beinahe vollkommene System eines beweglichen Gleich- 
gewichts muss schliesslich in absolutes Gleichgewicht über- 
gehn: die Bewegung der Planeten wird abnehmen, und 
allmählich werden alle die kleineren Klumpen sich wieder 
zu einer ungeheuren Masse ansammeln. Auch für die 
Menschheit wird ein Zustand kommen, in dem zwischen 
den Innern Kräften, die wir Gefühle nennen, und den äus- 
sern Kräften, auf die sie reagieren, völliges Gleichgewicht 
hergestellt ist. Die menschliche Natur wird sich dann zur 
völligen Harmonie mit ihrer natürlichen und sozialen Um- 
gebung durchgearbeitet haben, und ein Zustand höchster 
Vollkommenheit und grössten Glückes wird erreicht sein. 

83. Wenn nun ein sich entwickelndes Aggregat die- 
sen Gleichgewichtszustand erreicht hat, in dem seine Teile 
keiner andern Neuanordnung mehr fähig sind, dann be- 
ginnt notwendig der umgekehrte Prozess der Auflösung. 
Das folgt aus dem fortgesetzten Wirken der äussern Kräfte ; 
denn ist das Gleichgewicht erreicht, so ist ja keine Kraft 
mehr übrig, um diesen äussern Kräften Widerstand zu 
leisten. Die Auflösung, die, wie wir sahen, aus einem 
Aufnehmen von Bewegung und einem Zerstreuen von Ma- 



gg Zweiter Teil. Spencers Werk. 

terie besteht, ist ein gleich universeller Prozess wie der 
der Entwicklung. Die Erscheinungen der Astronomie, der 
Geologie und der Chemie nicht weniger, als die Geschichte 
der menschlichen Gesellschaft sowie der einzelnen Individuen 
zeigen, wie die Entwicklung, wenn sie auf ihrem höchsten 
Punkt angelangt ist, immer in Auflösung übergeht. 

Und nun kommt die Schlussfrage: Müssen wir uns 
also als das Ende aller Dinge einen grenzenlosen Raum 
denken, der hie und da von erloschenen Sonnen bevölkert 
ist, die in ewiger Unbeweglichkeit erstarrt sind? Wird die 
Entwicklung als Ganzes mit universellem Tod endigen? 
Auf eine solch spekulative Frage ist nur eine spekulative 
Antwort möglich, und sie wird verneinend ausfallen. Denn 
wenn wir unsern Induktionen weiter folgen, müssen wir 
zu dem Schluss kommen, dass auf einen allgemeinen Tod 
neues allgemeines Leben folgen wird. Aus dem Grundsatz 
vom Fortbestehn der Kraft folgt, dass die Bewegung nie 
aufhören kann. Die Bewegung, deren Zerstreuung zum re- 
lativen Gleichgewicht geführt hat, ist ja nicht verschwunden, 
sondern nur umgestaltet, und der Gedanke drängt sich auf, 
dass die universelle Koexistenz von anziehnden und ab-^ 
stossenden Kräften, die in allen einzelnen Veränderungen 
einen Rhythmus erzeugt, auch einen Rhythmus in der To- 
talität der Veränderungen notwendig macht. Dieser Rhyth- 
mus würde bestehn aus unendlichen Perioden, in denen 
die anziehnden Kräfte überwiegen und universelle Konzen- 
tration erzeugen, und in gleich unendlichen Perioden, wäh- 
rend deren die abstossenden Kräfte vorwiegen und uni- 
verselle Zerstreuung hervorrufen: mit anderen Worten 
aus abwechselnden Perioden der Entwicklung und Auf- 
lösung. Und damit taucht das Bild einer Vergangenheit 
vor uns auf, während deren successive Entwicklungen ana- 
log der jetzt vor sich gehnden stattfanden, und einer Zukunft, 
während deren successive andere derartige Entwicklungen 
stattfinden mögen, Entwicklungen, die immer dieselben sind 
im Prinzip, aber nie dieselben in ihren konkreten Resultaten. 



34. Erkenntnistheoretischer Charakter dieser Lehre. gg 

Diese spekulative Betrachtung führt uns dazu, in der 
sichtbaren Welt nicht länger etwas isoliertes zu sehn. Wir 
können ihr keinen Anfang und kein Ende zuschreiben. 
Sie ist nur eine Episode in dem ewigen Drama des Welt- 
prozesses, in dem die unendliche Kraft, deren Offenbarung 
das Universum ist, sich unendlich bethätigt. 

34. Spencer hält es für geraten, zum Schluss dieses 
interessanten Werkes, das wir in grossen Zügen an uns 
vorüberziehn Hessen, noch einmal an die Wahrheit zu er- 
innern, von der er ausgegangen ist, an die Wahrheit, dass 
das Absolute ein Unerkennbares ist, und dass es daher 
für uns auch keine absolute, sondern nur eine relative 
Notwendigkeit, eine Notwendigkeit für unsere Gedanken 
geben kann. Er betont den relativen Charakter seiner 
Philosophie, um dem Missverständnis vorzubeugen, als ob 
seine Lehre dogmatischer Materialismus sei. Er hat, wie 
wir sehn, versucht, alle Erscheinungen in Ausdrücken von 
Kraft, Stoff und Bewegung wiederzugeben, und das giebt 
seiner Philosophie eine für den oberflächlichen Beobachter 
verblüffende Aehnlichkeit mit dem Materialismus. Aber 
auch nur für den oberflächlichen Beobachter! Wer nur 
einigermassen in den Geist seiner Philosophie eingedrungen 
ist, muss diese Auffassung sofort als Missverständnis er- 
kennen und zwar als ein Missverständnis, das eigentlich 
schon seine eingehnde Lehre vom Unerkennbaren hätte un- 
möglich machen sollen. Denn für den Materialismus giebt 
es eben kein solches Unerkennbares! Spencer erklärt den 
ganzen lauten Streit zwischen Materialismus und Spiritualis- 
mus für einen blossen Wortstreit. Beide wollen erkennen, 
was niemand erkennen kann. Wir können die Welt je 
nach unserm Ausgangspunkt in spiritualistischen oder in 
materialistischen Ausdrücken interpretieren. Das bleibt sich 
gleich; wir haben es doch in beiden Fällen nur mit Sym- 
bolen zu thun und nicht mit der unerkennbaren Realität, 
die beiden zu Grunde liegt. „Die tiefsten Wahrheiten, sagt 



90 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

Spencer, drücken nur die umfassendsten Gleichförmigkeiten 
in unserer Erfahrung von den Beziehungen zwischen Ma- 
terie, Bewegung und Kraft aus, und Materie, Bewegung 
und Eraft sind nur Symbole der unbekannten Eealität. 
Eine Macht, deren Natur uns immer unbegreiflich bleibt, 
und die wir weder in der Zeit noch im Raum begrenzt 
denken können, wirkt in uns gewisse Wirkungen. Diese 
Wirkungen haben gewisse Aehnlichkeiten unter sich, von 
denen wir die allgemeinsten unter den Namen Materie, Be- 
wegung und Kraft zusammenfassen, und zwischen diesen 
Wirkungen bestehn gewisse Aehnlichkeiten der Verknüpfung, 
von denen wir die beständigsten als Gesetze von höchster 
Gewissheit zusammenfassen. Die Analyse reduziert diese ver- 
schiedenen Arten von Wirkungen auf eine Art Wirkung, und 
diese verschiedenen Arten von Gleichförmigkeit auf eine Art 
Gleichförmigkeit. Und das höchste Ziel der Wissenschaft 
ist es, alle Arten von Erscheinungen zu interpretieren als 
verschieden bedingte Manifestationen dieser einen Art Wirk- 
ung unter verschieden bedingten Moden dieser einen Art 
Gleichförmigkeit. Wenn die Wissenschaft das aber gethan 
hat, hat sie nur unsere Erfahrungen systematisiert, in keiner 
Weise jedoch die Grenzen unserer Erfahrung ausgedehnt. 
Wir können so wenig wie vorher sagen, ob diese Gleich- 
förmigkeiten ebenso absolut notwendig sind, als sie für 
unser Denken relativ notwendig sind. Das Aeusserste, was 
für uns möglich ist, ist eine Interpretation des Welt- 
prozesses, wie er sich unserm beschränkten Bewusstsein 
darstellt; wie sich aber dieser Prozess zum wirklichen 
Prozess verhält, können wir nicht begreifen und noch viel 
weniger wissen. . . . Die Interpretation aller Phaenomene 
in Ausdrücken von Materie, Bewegung und Kraft ist nur 
eine Eeduktion unserer komplizierten Denksymbole auf die 
einfachsten Symbole: wenn aber die Gleichung auf ihre 
einfachsten Ausdrücke gebracht ist, bleiben die Symbole 
doch immer Symbole." 



Drittes Kapitel. 

Biologie und Psychologie. 

Die Prinzipien der Biologie. 

85. Gegenstand der „allgemeinen Philosophie", die wir 
im Yorangehnden Kapitel dargestellt haben, sind jene all- 
gemeinsten Generalisationen selbst, in denen die speciellen 
Phaenomene aller konkreten Wissenschaften ihre Auslegung 
finden; wo die besondern Wahrheiten der einzelnen Wissen- 
schaften herangezogen werden, sollten sie nur jene all- 
gemeinsten Wahrheiten erläutern und beweisen. In der 
„speciellen Philosophie", zu der wir uns nun wenden, liegt 
die Sache umgekehrt. Hier sind die allgemeinsten Wahr- 
heiten nicht länger Gegenstand, sondern Werkzeug der 
Forschung. Sie werden nun als bewiesen vorausgesetzt und 
dazu benutzt, die besondern Wahrheiten der Biologie, der 
Psychologie, der Soziologie und der Ethik zu erläutern. 
Ist das vorangehnde Kapitel eine leidlich erschöpfende 
Zusanmienfassung der ersten Prinzipien, so verbietet in den 
folgenden Kapiteln die Natur des Stoffes eine gleiche Be- 
handlungsweise. Die Phaenomene der genannten Wissen- 
schaften sind zu zahlreich und mannigfaltig, als dass wir 
Spencer auf allen seinen Versuchen, sie im Licht des Ent- 
wicklungsgesetzes zu interpretieren, folgen könnten. Wir 
wollen seinen Weg nur in allgemeinen Umrissen an- 
deuten und dann bei speciellen Fragen, die für seine Welt- 
anschauung von besonderer Wichtigkeit sind, etwas länger 
verweilen. 

Die specielle Philosophie sollte in logischer Reihen- 
folge beginnen mit der Anwendung der ersten Prinzipien 
auf die Interpretation der unorganischen Natur. Wir haben 



92 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

bereits gehört, warum Spencer diesen grossen Abschnitt 
übersprang und sich direkt der Auslegung der organischen 
Natur zuwandte. 

Die zwei Bände der „Prinzipien der Biologie** er- 
schienen im Jahr 1867 ; sie wollen „die allgemeinen Wahr- 
heiten der Biologie^ so darstellen, dass sie die Gesetze der 
Entwicklung illustrieren und durch sie erklärt werden, sie 
wollen sie auf die allgemeinen Gesetze, die für alle Phae- 
nomene gelten, zurückführen und überall die Lebenspro- 
zesse in mechanischen Ausdrücken wiedergeben. 

Biologie ist die Lehre vom Leben, und die erste Frage, 
die sie zu beantworten hat, lautet: Was ist Leben? Spencer 
hatte Leben schon zu Anfang der fünfziger Jahre im An- 
schluss an Schelling und Colderige als „Koordination von 
Handlungen^ definiert. Er arbeitet diese Theorie nun ge- 
nauer aus, indem er auf eine wichtige Eigentümlichkeit 
der Lebenserscheinungen, die er früher übersehn hatte, 
Nachdruck legt. Das Lebendige unterscheidet sich von dem 
Toten dadurch, dass es auf Veränderungen in der Um- 
gebung deutlich und bestimmt reagiert. Dies berück- 
sichtigend, lautet seine Definition des Lebens nun: „Leben 
ist die bestimmte Kombination heterogener Veränderungen, 
sowohl gleichzeitiger wie successiver, in Uebereinstimmung 
mit äussern Gleichzeitigkeiten und Polgen*' oder kürzer: 
„Leben ist die beständige Anpassung innerer an äussere 
Beziehungen^. In dieser Definition liegt zugleich ein Mass- 
stab für den Entwicklungsgrad des Lebens, wie Spencer 
eingehnd nachweist. Das Leben ist um so höher ent- 
wickelt, je inniger die Uebereinstimmung zwischen den 
innern und äussern Beziehungen ist. Es wird einerseits 
immer komplexer und dauernder und entspricht auf 
der andern Seite immer zahlreichern und verwickeltem 
äussern Beziehungen. Das vollkommenste Leben wäre 
natürlich das, in dem zwischen äussern und innern Be- 
ziehungen vollkommene Uebereinstimmung herrschte. 

Nachdem Spencer so definiert hat, was Leben ist, geht 



35. Der Begriff der Biologie. 93 

er daran, die Generalisationen, die die Wissensohaft in Be- 
zug auf dasselbe bereits festgestellt hat, auf jene allge- 
meinen Gesetze zurückzuführen, die für alle Veränderungen 
der Materie und Bewegung gelten. Wo ihm das gelingt, 
hat er in empirisch gewonnenen Wahrheiten den Charakter 
der Notwendigkeit nachgewiesen. Er erörtert so im ein- 
zelnen die Phaenomene des Wachstums, der indiyiduellen 
Entwicklung, der Funktionen, der Eräfteausgabe und des 
Kräfteersatzes, der Anpassung, der Individualität, der Er- 
zeugung, der Vererbung, der Variierung, der Klassifikation 
und der Verteilung. 

Wir können hier Spencer nicht ins Detail folgen und 
wollen nur andeuten, dass er in den grossen Abschnitten 
über morphologische und physiologische Entwicklung eine 
schon von Goethe geahnte Wahrheit im einzelnen begründet. 
Er zeigt, wie die organischen Formen auf mechanischem 
Weg erklärbar sind als das notwendige Kesultat der 
Wechselwirkung zwischen den Individuen und der Aussen- 
welt. Die biologische Entwicklung beginnt mit einem seiner 
Natur nach äusserst unbeständigen, homogenen Protoplasma; 
und Heterogeneität oder Vielförmigkeit kommt dadurch zu 
stände, dass organische wie unorganische Massen ihre ver- 
schiedenen Teile notwendig der Art wie Stärke nach ver- 
schiedenen Kräften ausgesetzt haben. Morphologische wie 
physiologische Verschiedenheit ist die direkte Folge der 
Verschiedenheit in der Einwirkung äusserer Kräfte. 

36. Näher eingehn möchte ich auf Spencers Stellung 
zu dem Problem, das für uns und wohl für alle Zeiten aufs 
engste mit dem Namen Darwins verknüpft ist — ich meine 
das Problem der Entstehung der Arten. Keine Frage der 
Biologie ist von grösserm praktischen Interesse, und keine 
muss, je nachdem sie beantwortet wird, die ganze Lebens- 
anschauung und Lebenshaltung tiefer beeinflussen. Die 
Frage giebt zugleich die Möglichkeit, Spencers Verhältnis 
zu Darwin ins rechte Licht zu setzen. Man hat Spencer 



94 Zweiter Tefl. Speacen Werk. 

gerade in dieser Beziehung sehr viel Unrecht gethan. Man 
hat die Sache so dargestellt, als ob er nur ein Schüler 
Darwins sei — selbst ein Taine konnte sagen, Spencers 
Yerdienst bestehe darin, Darwins Prinzipien auf die Phaeno- 
mene der Natur und des Geistes anszudehnen — als ob es 
ohne Darwins „Abstammung der Arten'' nie eine „syn- 
thetische Philosophie'' gegeben hätte. Das ist natürlich 
grundfakch. Mit Darwins grosser Entdeckung, dem Prinzip 
der natürlichen Zuchtwahl, hat Spencer eine weite Lücke 
in seiner Philosophie ausgefüllt ; in ihren Grundzügen wäre 
sie aber dieselbe, wenn die Welt auch nie tou Darwin ge- 
hört hätte. 

Spencer hat, wie wir bereits im zweiten Kapitel kurz 
andeuteten, schon sieben Jahre Tor dem Erscheinen „der Ab- 
stammung der Arten'' in einem Aufsatz, „The Develop- 
ment Hypothesis" betitelt, entschieden zu dem dort be- 
handelten Problem Stellung genommen. Sehn wir uns den 
Inhalt dieses interessanten Schriftchens nun etwas näher an. 

Es stellt mit gewandter Dialektik die zwei einzig 
möglichen Theorien, die Schöpfiings- und die Entwicklungs- 
theorie einander gegenüber. Wenn die Yerteidiger der Schöpf- 
ungstheorie behaupten, dass wir in unserer Erfahrung kein 
solches Phaenomen wie Verwandlung der Arten kennen, 
und dass deshalb die Annahme, eine solche finde statt, un- 
philosophisch sei, so entgegnet ihnen Spencer: abgesehn 
davon, dass diese Behauptung anfechtbar scheint, lehrt 
unsere ganze Erfahrung uns auch nicht so etwas kennen 
wie Schöpfung einer Art. Wenn wir nun bedenken, dass 
es auf Erden ungefähr 10 Millionen Arten gegeben hat, so 
muss man doch fragen, ob es wahrscheinlicher ist, dass 
10 Millionen verschiedener Schöpfungsakte sie hervor- 
gebracht haben, oder dass sie ihren Ursprung einer natür- 
lichen Entwicklung verdanken. Man könne den Prozess 
dieser Schöpfung auf keine Weise in Gedanken vollziehn, 
ohne in Absurditäten zu geraten; er sei undenkbar, seine 
Anhänger glauben nur, dass sie glauben. Ganz anders 



36. „The Development Hypothesis". 95 

stehe es mit der Entwicklungstheorie. Nicht nur lasse sie 
sich leicht als möglich begreifen; es sprechen auch viele 
Thatsachen für ihre Wirklichkeit. Dass Arten abändern, 
zeigt uns vor allem ein Blick auf die Kulturpflanzen, die 
Haustiere und die verschiedenen Menschenrassen. Hier 
zeigen nachweisbare Abkömmlinge derselben Stammeseltern 
oft grössere Unterschiede als die, auf die sonst Arten ge- 
gründet werden. Für Abänderung spreche weiter die 
Schwierigkeit, zwischen Varietät, Art und Gattung eine 
feste Grenze zu ziehn. Auf sie deute die Thatsache der 
täglichen Aenderungen in uns selbst hin, die durch ge- 
wohnheitmässige Ausübung oder Yernachlässigung be- 
stinunter Funktionen in uns hervorgerufen werden. Auch 
die Embryologie zieht Spencer als Bundesgenossen heran 
und weist auf das Prinzip einer allgemeinen Stufenfolge 
in der Natur hin. Alle diese Momente hat später auch 
Darwin als Beweise für die Entwicklung der Arten ange- 
führt. Wie kam sie nun zu stände? 

Spencer glaubt in dem Wechsel der äussern Um- 
stände die genügende Ursache für diese Abänderungen ge- 
funden zu haben. Wenn Arten unter andere Lebens- 
bedingungen gebracht werden, sehn wir sogleich gewisse 
Strukturveränderungen auftreten, die sie den neuen Be- 
dingungen anpassen. Eine solche Veränderung der Lebens- 
bedingungen ist aber beständig geschaffen worden durch 
die astronomischen, geologischen und meteorologischen Pro- 
zesse, deren Einfluss zwar nur langsam war, dafür aber 
auch Millionen von Jahren ununterbrochen fortdauerte. 

87. Dieser Essay zeigt uns also Spencer schon voll- 
kommen von der Eichtigkeit der Entwicklungstheorie über- 
zeugt; aber er kam zu dieser Ueberzeugung mehr auf in- 
direktem Weg. Sein Hauptbeweismittel ist die Absurdität 
und Undenkbarkeit der entgegengesetzten Hypothese. Ihrer 
Widerlegung, der Aufdeckung ihrer Schwächen ist beinahe 
der ganze Aufsatz gewidmet, und von dem wirklichen Vor- 



96 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

gang der Entwicklung giebt er nur eine unbestimmte Skizze: 
er deutet nur allgemein an, dass er die Ursache der 
Entwicklung in dem Einwirken veränderter, äusserer Um- 
stände findet. 

Die Organismen haben sich entwickelt; das steht für uns 
bereits fest. Wie lässt sich nun diese Entwicklung naher 
charakterisieren? Worin besteht ihr Wesen P Das versucht 
Spencer in dem früher kurz erwähnten Aufsatz : „Progress, 
its Law and Cause", der im April 1857 erschien — man 
beachte die Jahreszahl! — an der Hand einer Parallele 
deutlich zu machen. Werfen wir nämlich einen Blick auf 
die Entwicklung eines individuellen Organismus, so stellt 
sich uns hier der Portschritt, den der Organismus vom 
Eeim bis zur vollen Ausbildung durchläuft, dar als eine 
Entwicklung aus einer Gleichartigkeit der Struktur zu einer 
Ungleichartigkeit der Struktur. Das nämliche Gesetz gilt 
für das Leben im allgemeinen, für die Gesamtheit seiner 
Manifestationen. Auch das Gesamtleben entwickelt sich 
aus etwas Einfacherem zu etwas immer Komplexerem. Die 
heutigen Tiere und Pflanzen sind ungleichartiger als die 
Flora und Fauna der Vergangenheit. Wir finden z. B. 
als die ersten Wirbeltiere die Fische; sie sind die ho- 
mogensten Glieder der Vertebraten. Dann kommen Rep- 
tilien, Vögel und Säugetiere. Der grössern Ungleich- 
artigkeit ihrer Struktur entspricht die spätere Zeit ihres 
jeweiligen Auftretens. Dieselbe Erscheinung wiederholt 
sich bei den Säugetieren im speciellen. Ihr niedrigster 
Typus — der der Beuteltiere — ist der älteste ; der jüngste, 
der Mensch, das am höchsten entwickelte Wesen. 

Scheint dagegen nicht die Mangelhaftigkeit der palae- 
ontologischen Urkunden zu sprechen, die uns nur wenige 
Anhaltspunkte liefern, um einen solchen Entwicklungsgang 
zu rekonstruieren? Spencer hat zur Widerlegung eines sich 
darauf stützenden Einwandes die Argumente Darwins be- 
reits anticipiert. Zwei Drittel der Erde sind von Wasser 
bedeckt, ein grosser Teil des Landes ist den Geologen 



36. Progress, its Law and Cause. 97 

unzugänglich oder noch nicht begangen; auch die bekann- 
testen Gegenden sind noch nicht gründlich genug erforscht. 
Die niedern organischen Formen sind sehr vergänglicher 
Natur, desgleichen die sedimentären Schichten, in denen 
sie lagern. Vor allem kennen wir die frühesten organischen 
Formen nicht ; denn die Schichten, die sie bergen müssten, 
haben durch die Thätigkeit des Feuers am allermeisten ge- 
litten. Freilich, muss man zugeben, nur wenige Kapitel 
der biologischen Geschichte der Erde sind auf uns ge- 
kommen. Aber erwägt man alle diese feindlichen Umstände, 
rücken sie dann nicht in ein ganz anderes, bedeutungs- 
volleres Licht? Doch wohl, und es wird sich kaum be- 
streiten lassen, dass sie, alle Thatsachen zusammengenom- 
men, zum wenigsten beweisen, dass die heterogeneren Or- 
ganismen sich jedenfalls erst in späteren geologischen 
Perioden entwickelt haben. 

1852 hatte Spencer ganz im allgemeinen als Ursache 
für diese Abänderungen den Wechsel der äussern Um- 
stände angeführt. Hier nun geht er auf das Wesen dieses 
Wechsels näher ein und enthüllt ein zweites Gesetz von 
universeller Bedeutung, das dessen Wirkungen ins Uner- 
messliche steigert. Es ist das im vorigen Kapitel näher 
erläuterte Gesetz von der Vervielfältigung der Wirkungen, 
das besagt, dass jede wirkende Kraft mehr als eine Ver- 
änderung, jede Ursache mehr als eine Wirkung hervor- 
bringt. Wie dieses Gesetz in der organischen Natur wirkt, 
erläutert Spencer an einem konkreten Beispiel. Stellen 
wir uns einmal vor, wie mannigfaltige Wirkungen auf Fauna 
und Flora ein einziges Ereignis wie eine Erdhebung hätte, 
die die Inseln des ostindischen Archipels untereinander und 
mit Australien zu einem Kontinent zusammenschmölze. Wo 
früher Sumpf und Wasser war, wäre jetzt Land; viele 
Sumpfpflanzen gingen unter, Tiere die ausschliesslich von 
ihnen lebten, folgten ihnen. Die Witterung und Tempera- 
tur änderten sich; wo früher ähnliche geographische Ver- 
hältnisse herrschten, wären jetzt verschiedene, und eine Art, 

Gaupp, Spencer. 7 



gg Zweiter Teil. Spencers Werk. 

die früher überall denselben Yerhaltnissen ausgesetzt war, 
stünde jetzt in ihren Teilen nnter den yerschiedensten 
Lebensbedingungen. Durch Meere Yon einander getrennte 
Floren und Faunen stossen nun aufeinander. Pflanzen- 
fressende Tiere sehn sich yielleicht plötzlich von Raubtieren 
yerfolgt. Sie müssen andere Gewohnheiten annehmen, um 
sich zu yerteidigen oder zu entfliehen. Solch neue Gewohn- 
heiten, wenn sie herrschend werden, ändern ihrerseits die 
Struktur u. s. w. 

Das Resultat wäre: statt tausend ursprünglicher Arten 
gäbe es yerschiedene tausend Arten oder Varietäten, die 
sich abgeändert und den yeränderten umständen angepasst 
hätten. Allerdings wären nicht alle dieser yerschiedenen 
Yarietäten, die die neuen physikalischen Bedingungen und 
die neuen Lebensgewohnheiten heryorgebracht haben, auch 
notwendig höher entwickelt. 

Wo die Lebensbedingungen einfacher würden, könnte 
sogar ein Bückschritt stattfinden, und in yielen Fällen bliebe 
der Grad der Heterogeneität derselbe. Wo aber äussere 
Umstände aufträten, die eine entwickeltere Erfahrung gäben 
und entwickeltere Handlungen yerlangten, da würden sich 
auch allmählich differenziertere Organe bilden und höher 
entwickelte Wesen entstehn. 

In zweierlei Beziehung finden wir in diesem Essay 
einen Fortschritt gegen 1852. Das wirkliche Stattfinden 
des Entwicklungsprozesses wird hier gegen den gefahr- 
lichsten Einwand, der erhoben werden kann, aufs geschick- 
teste verteidigt. Darwin hat Spencers Argumenten hier 
nichts hinzuzufügen gehabt. Ferner gewinnt der Faktor 
der äussern Umstände ein detaillierteres, lebendigeres Aus- 
sehn. Wir erkennen, wie ursprünglich wenige äussere 
Veränderungen mit Notwendigkeit immer grössere Kompli- 
kationen in den äussern Umständen hervorrufen. 

37. Wie lässt es sich nun denken, dass die Organismen 
im Stande sind, sich diesen immer komplizierteren äussern 



37. The Ultimate Laws of Physiology. 99 

Umständen anzupassen? Welche innere BeschafiPenheit der 
Organismen ermöglicht die Herstellung eines neuen Gleich- 
gewichts zwischen Innern und äussern Faktoren? 

Darauf antwortet Spencer in einem zweiten Essay, be- 
titelt „The Ultimate Laws of Physiology", der im gleichen 
Jahre, also auch zwei Jahre vor dem Erscheinen „der Ab- 
stammung der Arten" veröffentlicht wurde. Denken wir 
uns irgend eine gleichartige Masse von äussern Kräften 
beeinflusst, wird sie dann ihre Gleichartigkeit bewahren 
können? Offenbar nicht. Denn da ihre einzelnen gleich- 
artigen Teile vermöge ihrer verschiedenen Stellung zu den 
äussern Kräften diesen in verschiedener Weise ausgesetzt 
sind, so werden sie von ihnen auch verschieden beeinflusst 
werden, und die Gleichartigkeit der ganzen Masse ver- 
schwindet. Dies trifft nun natürlich auch für eine hypo- 
thetisch völlig gleichartige organische Masse zu. Die or- 
ganische Materie hat aber nicht nur diese gewöhnliche Un- 
beständigkeit eines gleichartigen Aggregates, sondern auch 
die Einheiten, aus denen sie besteht, sind besonders durch 
ihre Unbeständigkeit charakterisiert. Die gegenseitigen Af- 
finitätkräfte der wesentlichen organischen Elemente sind 
sehr schwach ; sie sind daher ausserordentlich empfindlich 
für Hitze, Licht, Elektrizität und die chemischen Wirkungen 
fremder Elemente, d. h. sie lassen sich besonders leicht 
durch einwirkende Kräfte modifizieren. 

Wenn also so das stabile Gleichgewicht der ursprüng- 
lich homogenen organischen Materie dadurch zerstört wird, 
dass ihre verschiedenen Einheiten den umgebenden Ein- 
flüssen in ungleicher Weise ausgesetzt sind, so folgt daraus, 
dass die so verschieden beeinflussten Einheiten entweder auf- 
gelöst werden, oder es muss ihre Natur solche Modifikationen 
erleiden, dass sie dadurch in den Stand gesetzt werden, 
in den veränderten Umständen zu leben. Solche funktionelle 
Anpassungen werden dann auf die Nachkommen ver- 
erbt und, wenn diese denselben Lebensbedingungen aus- 

. 7* 



- * - i - 



100 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

gesetzt bleiben, allmählich gesteigert, und so entstehn lang- 
sam immer differenziertere organische Typen. 

38. Soweit war Spencer vor Darwins Auftreten ge- 
konmien. Dass sich alle heutigen Lebensformen allmählich 
auf natürlichem Weg aus früheren einfachem und ein- 
fachsten Lebensformen entwickelt haben, stand bei ihm völlig 
fest, und auch auf das Wie dieses Entwicklungsprozesses 
hatte er bereits helles Licht geworfen. Seine Eausal- 
erklärung war nicht falsch, aber sie war unzureichend : sie 
übersah einen, und vielleicht gerade den wichtigsten, Faktor. 
Lnmer das Individuum als solches und nicht die Species 
als Ganzes im Auge behaltend, weiss sie wohl zu erklären, 
wie sich die Organismen allmählichen und langdauemden 
Veränderungen der Aussenwelt anpassen können. Wie aber 
soll diese Anpassung vor sich gehn bei einer verhältnis- 
mässig raschen, unvermittelten Veränderung der äussern 
Umstände? Indem sie das Hauptgewicht auf die eigene 
Thätigkeit, das spontane Entgegenwirken der Organismen 
auf veränderte äussere Eeize legt, hat sie einen Faktor, 
der in der Entwicklung bereits höherstehnder organischer 
Wesen eine grosse Eolle spielt, klargelegt. Was ersetzt 
ihn aber bei den niedern und niedersten Organismen, wo 
von einem eigentlichen spontanen, willensartigen Entgegen- 
wirken nicht die Rede sein kann, wo das ganze Leben 
den Charakter des rein Eeflexmässigen trägt? Sie beweist 
wohl, dass die ursprünglichen organischen Wesen sich ver- 
ändern mussten. Aber es fehlt ihr noch ein erklärendes 
Prinzip dafür, dass diese Veränderung zugleich eine Höher- 
entwicklung sein musste. Zu alledem bedurfte es noch 
des Prinzipes, das aufgewiesen zu haben Darwins unsterb- 
liches Verdienst ist. Dass Leben oder Sterben die Lebens- 
fähigkeit oder -Unfähigkeit der betrefifenden Wesen beweise, 
das war eine einleuchtende Thatsache. Und dass eben 
dieses Ueberleben des Lebensfähigen und das Ausgemerzt- 
werden des Lebensunfiihigen dafür sorgen, dass eine Art 



<• " «. 



38. Darwins Theorie. 101 

fortwährend ihren Lebensbedingungen angepasst bleibt, das 
war Spencer nicht entgangen. Er verstand wohl jene ein- 
fachste und allgemeinste Wirkungsweise der natürlichen 
Zuchtwahl, die darin besteht, dass sie das Gleichgewicht 
zwischen der Konstitution einer Species und ihrem Milieu 
aufrecht erhält. Dass aber die natürliche Zuchtwahl eine 
Art nicht nur auf der Höhe ihrer Entwicklung hält, son- 
dern, indem sie an das Auftreten spontaner Yariationen 
anknüpft, auch neue Stufen der Entwicklung erzeugen 
kann und muss, das hat erst Darwin gezeigt. 

Spencer hat dieses grosse Verdienst Darwins sofort 
richtig gewürdigt. „Darwin, sagt er, verdanken wir die Ent- 
deckung, dass die natürliche Zuchtwahl fähig ist, die An- 
passung zwischen den Organismen und ihren Lebens- 
bedingungen zu verursachen, und ihm gebührt ebenso 
das Verdienst, die ungeheuer wichtigen Polgen, die sich 
daraus ergeben, richtig gewürdigt zu haben. Er hat eine 
kolossale Menge von Thatsachen zu einem gewaltigen Bau 
von Beweisen zusammengefügt, dafür dass diese Erhaltung 
der begünstigten Rassen im Kampfe ums Dasein die stets 
wirksame Ursache der Divergenz organischer Formen ist. 
Er hat die verwickelten Resultate des Prozesses mit be- 
wundernswertem Scharfblick verfolgt. Er hat gezeigt, wie 
ganze Massen anderweitig unerklärbarer Thatsachen auf 
diesem Weg ihre vollständige Erklärung finden. Kurz er hat 
gezeigt, dass die Ursache, die er annimmt, eine wahre Ur- 
sache ist, dass sie eine Ursache ist, die wir täglich in 
Wirksamkeit sehn, und dass die aus ihr zu folgernden Re- 
sultate in Uebereinstimmung stehn mit den Erscheinungen, 
die die organische Schöpfung als Ganzes sowohl wie in 
ihren Einzelheiten uns darbietet.^ 

39. So warm Spencer aber sofort die Bedeutung der 
Darwinschen Lehre würdigte, so willig er zugab, dass sie 
allein eine Reihe sonst unerklärbarer Thatsachen erkläre, 
so entschieden warnte er von Anfang an gegen die Ten- 






102 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

denz, nun alles und jedes der natürlichen Zuchtwahl zu- 
zuschreiben and die andern Faktoren, die bei der Ent- 
stehung der Arten mitwirken, ganz ausser acht zu lassen. 
Das Prinzip der natürlichen Zuchtwahl versagt nach 
Spencer vor allem in Fällen, wo wie bei einem Hirsch- 
geweih, dem Eopf eines Büffels, dem Hals einer Giraffe 
u. s. w. eine harmonische Abänderung der verschiedenen 
zu einer physiologischen Leistung zusammenwirkenden Teile 
angenommen werden muss. Die zusammenwirkenden Teile 
müssen offenbar gleichzeitig variieren, da ein nur teilweises 
Yariieren positiv schädlich wäre. So muss einem stärkeren 
Muskel ein stärkerer Knochen entsprechen, der seiner Zu- 
sammenziehung Widerstand leisten kann, desgleichen stär- 
kere antagonistische Muskeln und Bänder, die die be- 
treffenden Gelenke sichern. Er bedarf grösserer Blut- 
gefässe, die ihm Nahrung zuführen, eines stärkeren Nerven, 
der ihm den Reiz übermittelt, und endlich irgend einer 
stärkeren Entwicklung im Zentralnervensystem, die die 
Erzeugung dieses stärkeren Reizes möglich macht. Kann 
man nun ein gleichzeitiges spontanes Variieren aller dieser 
annehmen, ohne den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit Hohn 
zu sprechen? Und doch muss ein solches stattgefunden 
haben, wenn eine Erklärung durch „natürliche Zuchtwahl" 
möglich sein soll. Spencer meint, solche und ähnliche Er- 
scheinungen Hessen sich ungezwungen auf anderem Wege 
erklären. Man habe nur im Auge zu behalten, dass ver- 
änderte Funktionen eine veränderte Struktur erzeugen — 
man denke an die Wirkungen eines erhöhten Gebrauchs 
oder fortgesetzten Nichtgebrauchs von Organen — und dass 
diese funktionell erzeugten Abänderungen der Struktur sich 
vererben, nicht etwa in dem Sinne, dass jede im Indi- 
viduum funktionell hervorgerufene Abänderung sich nun 
sogleich und vollständig in seinen Nachkommen zeige, wohl 
aber so, dass in diesen dieselbe funktionelle Thätigkeit 
leichter eine entsprechende strukturelle Aenderung hervor- 
rufe, und dass, wenn dieser Prozess für eine Reihe von 



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89. Ergänzung der Darwinscheu Theorie. 103 

Generationen fortdaure, sich seine Wirkungen anhäufen, 
bis zuletzt die strukturellen Modifikationen sich in den 
Jungen zeigen, bevor die Funktion, die sie ins Leben ge- 
rufen, in Thätigkeit getreten ist. 

Eine noch allgemeinere und prinzipiellere Beschränkung 
der natürlichen Zuchtwahl als eines Erklärungsprinzipes 
involviert es, wenn Spencer erklärt, sie könne da nur eine 
untergeordnete Bolle spielen, wo das Leben schon so 
kompliziert geworden sßi, dass das Fortkonmien nicht mehr 
durch eine beträchtliche Begabung mit einer einzigen 
Thätigkeit gesichert werden könne, sondern wo zahlreiche 
Thätigkeiten zusammenwirken müssen. Hier sei nicht mehr, 
wie im Leben der niedern Organismen, eine einzige Funktion 
von alles überragender Wichtigkeit, sondern viele Funktionen 
wirkten zur Erhaltung des Lebens zusammen und könnten 
ihre Mängel gegenseitig kompensieren. Ein Glied der Species 
ragt vielleicht durch besondere Schnelligkeit hervor; dieser 
Yorzug giebt ihm aber keinen solchen Vorsprung vor an- 
dern, dass dadurch sein Ueberleben auf Kosten der andern 
gesichert würde. Sie mögen, was ihnen an Schnelligkeit 
abgeht, durch grössere Kraft, schärfere Sinne oder andere 
lebenerhaltende Eigenschaften ersetzen. Li solchen Fällen 
kann die natürliche Zuchtwahl besondere Vorzugeigen- 
schaften nicht weiter ausbilden; denn die geschlechtliche 
Vermischung mit andern, gerade in diesem Punkte weniger 
ausgezeichneten Mitgliedern der Species, die aber dank 
anderen Eigenschaften doch überleben, wird die in Frage 
stehnde Vorzugeigenschaft in den Nachkommen eher wie- 
der schwächer auftreten lassen. Auch hier ist der direkten 
Anpassung durch Funktionsveränderung der Haupteinfluss 
zuzuschreiben. 

40. In ihrer reifsten Form in den Prinzipien der Bio- 
logie trägt die Theorie, die sich Spencer von der Ent- 
stehung der Arten gebildet hat, etwa folgende Form: 

Leben ist die fortwährende Anpassung innerer Relationen 



104 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

an äussere Belationen. Die Entwicklung muss also das 
Produkt zweier Paktoren sein, äusserer und innerer. Blieben 
die äussern Relationen ewig gleich und ohne Veränderung, 
dann läge auch keine Ursache yor, dass die ihnen einmal 
angepassten inneren Relationen sich veränderten. Nun 
zeigt uns aber die Geschichte der Erde ein fortwährendes 
Stattfinden astronomischer, geologischer und meteorologischer 
Veränderungen. Alle diese Erscheinungen werden immer 
komplizierter und kombinieren sich in immer verwickeiteren 
Weisen. Diese unorganischen Paktoren bilden eine endlose 
Reihe modifizierender Ursachen, denen die Organismen durch 
alle Zeit hindurch ausgesetzt sind. Ein weiterer äusserer 
Paktor sind die organischen Agentien, die in der Umgebung 
jeder Species thätig sind. Tiere und Pflanzen stehn in 
einem so verwickelten Gewebe von Beziehungen zu einander, 
dass jede. Modifikation, die eine Species erleidet, in einem 
gewissen Grade die Lebensbedingungen aller andern ab- 
ändert. 

Diesen äussern Paktoren müssen nun innere ent- 
sprechen. Wäre die organische Materie nicht im stände 
ihre innern Relationen entsprechend einer Veränderung in 
den äussern zu ändern, so müssten die Umwandlungen in 
der Einwirkung der äussern Agentien schliesslich ihren 
Untergang herbeiführen. Hier zeigt nun ein Blick auf die 
Struktur der organischen Materie, dass sie aus so unbe- 
ständigen Molekülen zusammengesetzt ist, dass der geringste 
Wechsel in ihren Bedingungen ihr Gleichgewicht zerstört 
und sie veranlasst, eine veränderte Struktur anzunehmen. 
Diese Zusammensetzung befähigt sie auch, die dauernden 
Andersverteilungen von Stoff und Bewegung in ihrer Um- 
gebung durch dauernde Andersverteilungen von Stoff und 
Bewegung in der Struktur zu beantworten. 

Wie stellt sich nun das Zusammenwirken dieser ver- 
schiedenen Paktoren darP Wie findet diese Anpassung der 
innern an die veränderten äussern Relationen statt? Hier 
sind direkte und indirekte Ausgleichung zu unterscheiden. 






40. Spencers Theorie. 105 

Wenn die Veränderungen so beschafFen sind, dass sie 
dauernd oder häufig auf die einzelnen Individuen einwirken, 
so erfolgen funktionelle Abänderungen in den Organismen, 
bis ein neues Gleichgewicht der Funktionen und eine An- 
passung der Struktur hergestellt ist. Wir haben dann eine 
direkte Ausgleichung. Eine Voraussetzung für diese Wieder- 
ausgleichungen in aufeinanderfolgenden Generationen ist 
natürlich, dass die neue äussere Einwirkung die Organismen 
nicht tötet oder schwer beschädigt. 

Bei der indirekten Ausgleichung dagegen ist die Wieder- 
anpassung das Resultat der Wirkungen, die auf die Species 
als Ganzes ausgeübt werden. Das Ueberleben der Passend- 
sten, die in aufeinanderfolgenden Generationen stattfindende 
Erhaltung derer, die in ihrem Wesen den neuen Erforder- 
nissen am besten genügen, erzeugt hier schliesslich eine 
genügende Anpassung. Diese indirekte Ausgleichung über- 
wog im Anfang des Entwicklungsprozesses. Die niedern 
Organismen haben nur in geringem Grade die Fähigkeit, 
ihre Funktionen direkt veränderten äussern Umständen 
anzupassen, und in ihrem Leben ist gewöhnlich eine einzige 
Funktion von so alle andern überragender Wichtigkeit, dass 
an sie die natürliche Zuchtwahl leicht anknüpfen kann. 
Später tritt die direkte Ausgleichung immer mehr in den 
Vordergrund. Die Organismen erlangen immer mehr das 
Vermögen, direkt auf Veränderungen in der Umgebung zu 
reagieren. Und je mehr die höhern Fähigkeiten sich ver- 
mehren, und die Zahl der Organe zunimmt, die zu einer 
gegebenen Funktion zusammenwirken, desto unwirksamer 
wird das Prinzip der natürlichen Zuchtwahl, das schliess- 
lich bei den Menschen nur noch eine negative Wirkung 
hat, in dem es die allzuschwachen und kranken ausmerzt. 

Spencer hat seine Theorie, die zwei Hauptfaktoren 
der Entwicklung anninmit, noch in letzter Zeit in ver- 
schiedenen Essays sehr energisch gegen Prof. Weisraann 
verteidigt, der bestreitet, dass sich funktionell erworbene 
Abänderungen der Struktur — sogenannte erworbene Eigen- 



106 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

Schäften — vererben, und der in der natürlichen Zuchtwahl 
den einzigen und zureichenden Faktor des Entwicklungs- 
prozesses erblickt. Spencer geht so weit, zu behaupten, 
wenn erworbene Eigenschaften nicht vererbbar seien, und 
damit der Faktor der direkten Ausgleichung wegfalle, so 
gäbe es überhaupt keine biologische Entwicklung. Die 
Frage nach der Möglichkeit der Vererbung von erworbenen 
Eigenschaften hat für ihn deshalb um so mehr Bedeutung, 
als er auf ihre Bejahung wichtige psychologische, ethische 
und soziologische Folgerungen stützt. Er hat seinen Stand- 
punkt besonders in folgenden drei Aufsätzen : „The Inade- 
quacy of Natural Selection", „A Eejoinder to Prof. Weis- 
mann" und „Weismannism once more" klargelegt. Ihr 
Studium ist jedem sehr warm zu empfehlen, der sich für 
diese vielleicht wichtigste wissenschaftliche Zeitfrage in- 
teressiert. 

Die Prinzipien der Psychologie. 

41. Die Psychologie zerfallt für Spencer in zwei scharf 
getrennte Teile, in subjektive und objektive Psychologie. 
Unter subjektiver Psychologie versteht er, was man sonst 
im allgemeinen mit dem Wort Psychologie meint — näm- 
lich die auf innere Beobachtung gegründete Lehre von den 
Bewusstseinserscheinungen , ihren Eigentümlichkeiten und 
Beziehungen. Ihr Gegenstand — das Bewusstsein selbst — 
und ihre Methode — die innere Beobachtung — machen 
sie zu einer einzig dastehnden Wissenschaft, die von allen 
andern Wissenschaften unabhängig ist und zu allen andern 
im Gegensatz steht. Sie verhält sich in der That zu ihnen 
wie das Subjekt zum Objekt. Anders die objektive Psycho- 
logie; sie betrachtet die psychischen Erscheinungen nicht 
an sich, sondern wie sie in den Handlungen von Tieren 
und Menschen zum Ausdruck kommen. Sie fasst sie auf 
als Unterabteilung der Lebensäusserungen im allgemeinen 
und tritt damit in enge Beziehung zur Biologie, mit der 
sie auch die Methode der äussern Beobachtung gemeinsam 



4fl. Die Psychologie. 107 

hat. Die Biologie hat das Leben als ein Anpassen des 
Innern an das Aeussere definiert; und als ihre Unterabteilung 
studiert die objektive Psychologie die geistigen Erschein- 
ungen als Funktionen, durch die dieses Anpassen des Innern 
an das Aeussere bewirkt wird. 

Spencer beginnt die objektive Psychologie mit einer 
ausführlichen Darstellung dessen, was uns die Biologie über 
den Bau und die Funktionen des Nervensystems lehrt, und 
knüpft daran unter dem Titel „Induktionen der Psycho- 
logie** eine Uebersicht über die Wahrheiten, die bezüglich 
psychischer Phaenomene bereits auf empirischem Weg fest- 
gestellt worden sind. Das Nervensystem ist ihm das Mittel- 
glied, das ermöglicht, die psychologischen Erscheinungen 
als Teil jener beständigen Andersverteilung von Materie 
und Bewegung zu betrachten, die den Entwicklungsprozess 
ausmacht; denn psychologische Phaenomene und Nerven- 
thätigkeit sind ihm nur die innere und die äussere Seite 
einer und derselben Veränderung. Es ist unmöglich, das 
direkt zu beweisen. Die Hypothese stimmt aber mit allen 
Thatsachen der Innern und äussern Beobachtung überein, 
und das genügt. 

Die Substanz des Geistes, wenn wir darunter das ver- 
stehn, was unter den Veränderungen des Bewusstseins fort- 
dauert, und dessen Modifikationen alle diese Veränderungen 
sind, ist ihrem innersten Wesen nach für die Psychologie 
so unerf erschlich, wie die Natur der Materie für die Chemie. 
Wie der Chemiker aber darnach strebt, alle Formen der 
Materie durch Umformung und Kombination weniger un- 
auflöslicher Elemente zu erklären, so sucht der Psychologe 
die letzten Elemente, aus deren Kombinationen das Be- 
wusstseinsleben sich aufbaut. Spencer stellt die Hypothese auf, 
dass es ein psychologisches Grundatom, eine Bewusstseins- 
einheit giebt, die, aufs verschiedenartigste kombiniert, alle 
Bewusstseinserscheinungen bilde ; und er denkt sie sich als 
das subjektive Aequivalent dessen, was objektiv eine Nerven- 
erschütterung ist. Er stützt diese Hypothese auf bekannte 



108 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

Untersuchungen des Professor Helmholtz. Wenn dieser 
nachgewiesen habe, dass die yerschiedenen Empfindungen, 
die Töne heissen, aus einer gemeinsamen Einheit aufgebaut 
sind, so liege der Schluss sehr nahe, dass sich auch alle 
übrigen Empfindungen aus eben solchen ursprünglichen Ge- 
fühlseinheiten zusammensetzen, und dass in grösserer Ein- 
fachheit oder Kompliziertheit der Zusammensetzung die 
Quelle aller Verschiedenheiten der geistigen Phaenomene 
liege. 

Ich übergehe, was Spencer in den Induktionen der 
Psychologie über die thatsächlich beobachtete Zusammen- 
setzung des Geistes, über die Relativität der Gefühle, ihre 
Wiederbelebbarkeit, ihre Associabilität u. s. w. sagt. Er sum- 
miert hier nur Wahrheiten, die die englische Associations- 
psychologie längst festgestellt hat; bemerkenswert ist dabei 
allerdings, wie geschickt er überall die Uebereinstimmung 
nachzuweisen versteht, die zwischen diesen empirisch fest- 
gestellten Gesetzen und dem Auf bau ^owie den Punktionen 
des Nervensystems besteht. 

42. Den interessantesten Teil der objektiven Psychologie 
bildet die Entwicklungsgeschichte des geistigen Lebens. 
Wir sahen, dass das Leben aus einer „beständigen An- 
passung innerer Beziehungen an äussere besteht". Da nun, 
objektiv betrachtet, die geistigen Erscheinungen nur ein 
Teil der allgemeinen Lebenserscheinungen sind, so wird, 
objektiv betrachtet, die Entwicklung des Geistes nichts an- 
ders sein als die Entwicklung dieser Anpassungen. Spencer 
zeigt ausführlich, wie diese Anpassungen, die in den 
niedrigsten Organismen nur gering an Zahl, nur ganz ein- 
fach und direkt sind, mit jedem höhern Ausbildungsgrad 
der Lebewesen immer zahlreicher, ungleichartiger, ver- 
wickelter und bestimmter werden, und sich über immer 
weitere Gebiete im Raum und in der Zeit erstrecken. In 
den Organismen der niedrigsten Art, wie dem Hefepilz 
und den Gregarinen, besteht das Leben fast durchweg aus 



42. Die Entwicklung des Intellektes. 109 

wenigen gleichförmigen und gleichzeitigen Prozessen, die 
den gleichzeitigen und gleichförmigen Prozessen des sie 
umgebenden Mediums angepasst sind. Die Anpassung ist 
hier direkt und gleichartig. Sie erreicht schon einen höhern 
Grad, wenn wir zu den Zoophyten kommen, die wenigstens 
auf gewisse allgemeine Veränderungen in ihrer Umgebung 
durch bestimmte innere Veränderungen reagieren können. 
Die Anpassung dehnt sich dann mit der Entwicklung der 
Sinnesorgane immer weiter im Raum aus. Die Entwick- 
lung des Auges und des Ohres ermöglichen es, auf äussere 
Beziehungen zu reagieren, ohne dass direkte Berührung 
notwendig ist. Und schliesslich schreitet die Entwicklung 
so weit vor, dass innere Beziehungen sogar solchen äussern 
Beziehungen angepasst werden können, die für direkte 
Wahrnehmung viel zu weit entfernt sind. Die Brieftaube 
findet den Weg nach Hause, auch wenn man sie hunderte 
von Meilen wegführt. Ein Schiff, vom Kompass und dem 
Chronometer geleitet, bringt dem Kaufmann in London 
Nachrichten, auf Grund deren er sein Verhalten den Vor- 
gängen bei den Antipoden anpassen kann u. s. w. Ganz 
ähnlich verhält es sich auch mit der Zeit. Tiere und Wilde 
pflegen ihr Verhalten nur kurzen Zeiträumen anzupassen, 
während mit steigender Zivilisation immer längere Zeit- 
räume in Berechnung gezogen werden. Die Zusammen- 
hänge dehnen sich aber nicht nur in der Zeit und im Kaum 
aus, sie werden zugleich immer specialisierter, immer allge- 
meiner und verwickelter, wobei aber wohl zu beachten ist, 
dass diese verschiedenen Eichtungen, in denen sich der 
Fortschritt in der Herstellung solcher Zusammenhänge, mit 
andern Worten die Entwicklung des Intellekts kundgiebt, 
nur ebensoviele verschiedene Ansichten eines und desselben 
Prozesses sind. 

Es gilt nun diesen fortschreitenden Zusammenhang 
zwischen Innern und äussern Vorgängen in den Ausdrücken 
zu erklären, die gewöhnlich gebraucht werden, wenn man 
von geistigen Erscheinungen spricht. Das geschieht in der 



110 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

„speoiellen Synthese^'. Diese Ausdrücke, als da sind In- 
stinkt, Wahrnehmung, Vorstellung, Gedächtnis, Vernunft, 
Wille u. s. w. können für eine evolutionäre Psychologie 
offenbar nur mehr oder weniger oberflächliche E^assifi- 
kationen geistiger Erscheinungen darstellen. Denn die 
Intelligenz hat nach ihr nirgends scharfgeschiedene Ab- 
stufungen oder von einander unabhängige Vermögen. Sie 
ist ihrem Wesen nach immer eine Anpassung innerer an 
äussere Beziehungen, und wie in der Höherentwicklung 
dieser Anpassungen die äussern Beziehungen in unmerk- 
lichen Graden an Zahl, Kompliziertheit und Ungleichartig- 
keit zunehmen, so lassen sich auch keine bestimmten Grenz- 
linien zwischen den verschiedenen Graden der Intelligenz 
ziehn, die jene Ausdrücke bezeichnen. 

Wir haben bisher die psychischen Thätigkeiten ganz 
allgemein als Lebensthätigkeiten aufgefasst, die Frage ist 
nun, was unterscheidet sie von den übrigen Lebensthätig- 
keiten, die Gegenstand der Biologie sind ? Was charakteri- 
siert die Intelligenz ? Die Antwort lautet : die psychischen 
Thätigkeiten differenzieren sich im Lauf ihrer Höherentwick- 
lung immer schärfer von den rein physiologischen Lebens- 
thätigkeiten dadurch, dass sie immer mehr einen reihen- 
artigen Charakter annehmen. Diese reihenförmige Anord- 
nung ist nie ganz vollkommen, nähert sich aber in den 
höchsten Verstandesprozessen, wie etwa dem bewussten 
Schliessen, der Vollständigkeit. Den Hauptgegenstand der 
Psychologie bildet also eine Aufeinanderfolge von Ver- 
änderungen, und ihre Aufgabe muss sein, das Gesetz dieser 
Aufeinanderfolge zu bestimmen. Dieses Gesetz findet Spencer 
in dem Satz: „Die Lebhaftigkeit der Tendenz, die das 
Antecedens irgend einer psychischen Veränderung besitzt, 
von seinem Consequens gefolgt zu werden, ist stets pro- 
portional der Dauerhaftigkeit der Verbindung zwischen den 
von ihnen symbolisierten äussern Dingen"; woraus sich 
dann sogleich die wichtige allgemeine Wahrheit ergiebt, 
„dass Beziehungen, die in der Aussenwelt absolut sind, auch 



48. Instinkt, Gedächtnis, Vernunft. Hl 

in uns absolut erscheinen, dass Beziehungen, die in der 
Aussenwelt wahrscheinlich sind, in uns ebenfalls wahr- 
scheinlich sind, dass endlich Beziehungen, die in der Aussen- 
welt ganz zufallig yorkommen, auch in uns zufallig oder 
willkürlich erscheinen." Dieses letzte Gesetz giebt das 
Gesetz der Intelligenz in abstracto, das Gesetz, das die 
Intelligenz mehr und mehr zu erfüllen vermag, je höher 
sie sich entwickelt; und das yorher genannte Gesetz giebt 
das Mittel, durch das sie sich dieser Erfüllung mehr und 
mehr nähert — es heisst „Erfahrung". „Die innem Zu- 
sammenhänge passen sich den äussern Daueryerhältnissen 
an durch angehäufte Erfahrung solcher äussern Dauer- 
yerhältnisse", wobei wir aber unter Erfahrung nicht bloss 
die individuelle Erfahrung, sondern auch die von unsern 
Vorfahren gemachten, auf uns vererbten und in uns organi- 
sierten Erfahrungen zu verstehn haben. Spencer geht dann 
auf die einzelnen Phasen der Ausbildung der Intelligenz, 
wie sie die Ausdrücke Reflexthätigkeit, Instinkt, Gedächt- 
nis, Vernunft, Gefühle und Wille bezeichnen, näher ein. 
Diese Kategorien bezeichnen alle nichts anderes als „eben- 
soviele mehr oder weniger besondere Erscheinungsformen 
des Zusammenhangs zwischen Innern und äussern Vorgängen, 
der sich immer umfassender und vollkommener ausgestaltet 
durch stets mannigfaltigere und ausgedehntere Erfahrungen 
von solchen äussern Vorgängen." 

48. Die Beflexthätigkeit ist die niedrigste Form psy- 
chischen Lebens und ist noch eng verwandt mit den rein 
physiologischen Lebensäusserungen. Es können deshalb 
mehrere Beflexthätigkeiten gleichzeitig vorsichgehn, und 
sie sind von keinem Bewusstsein begleitet. Wenn die Reflex- 
thätigkeit zusammengesetzter wird, geht sie in den Instinkt 
über. Während bei der Reflexthätigkeit auf einen ein- 
zelnen Eindruck eine einzelne Zusammenziehung, oder bei 
höher entwickelten Formen eine Kombination von Zusammen- 
ziehungen folgt, charakterisiert den Instinkt eine Kombi- 



112 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

nation von Eindrücken, auf die eine Kombination von Zu- 
sammenziehungen folgt. Der Instinkt ist, wie die Intelli- 
genz überhaupt, ein Geschöpf der Erfahrung, aber nicht 
der individuellen, sondern der Gattungserfahrung. Je 
häufiger psychische Zustände in bestimmter Reihenfolge 
auftreten, desto lebhafter wird ihre Tendenz in dieser 
Reihenfolge zusammenhängen,, bis sie schliesslich untrenn- 
bar werden — auf einen bestimmten Eindruck folgt inmier 
eine bestimmte Bewegung. Nehmen wir nun an, dass diese 
Tendenz sich vererbt, so dass, wenn die Erfahrungen die- 
selben bleiben, jede folgende Generation der nächsten eine 
etwas gesteigerte Tendenz überliefert, so können wir ver- 
stehn, wie allmählich ein automatischer Zusammenhang von 
Nerventhätigkeiten entstehn wird, der den fortwährend er- 
fahrenen äussern Beziehungen genau entsprechen muss. 
Der automatische Charakter des Instinkts wird inmier aus- 
gebildeter werden, je häufiger und konstanter die Erfahrungen 
sind, auf die er sich gründet. Je komplizierter deshalb 
ein Instinkt wird, desto mehr muss er seinen automatischen 
Charakter verlieren. Denn ein komplizierter Instinkt ent- 
spricht Erscheinungen, die weniger häufig und mehr kompli- 
ziert sind, und von denen daher die Erfahrungen nie so 
zahlreich sein können wie die Erfahrungen von einfachen 
Erscheinungen. Wenn die Aufeinanderfolge der psychischen 
Zustände infolge der Kompliziertheit ihres Zusammenhangs 
unvollkommen automatisch wird, tritt das Gedächtnis ins 
Dasein. Das Gedächtnis kann wieder in den Instinkt über- 
gehn, wenn jene Zusammenhänge zwischen den psychischen 
Zuständen, die wir im Gedächtnis bilden, durch fortwäh- 
rende Wiederholung automatisch werden. Wie das Ge- 
dächtnis, so geht auch die Vernunft aus dem Instinkt her- 
vor. Zwischen beiden lässt sich keine bestimmte Grenze 
ziehn. Das ursprüngliche Schliessen ist ganz instinktiv. 
Wenn zwei Phaenomene in der Erfahrung mit einander 
verknüpft waren, und eines tritt später wieder auf, so er- 
warten wir unwillkürlich das Auftreten des zweiten. Wir 



44. Gefühl und Wüle. 113 

schliessen zuerst immer vom Einzelnen aufs Einzelne, und 
der Uebergang zu den höhern Schlussarten ist ein ganz 
allmählicher, wie die Beobachtung der geistigen Entwick- 
lung eines Kindes sofort zeigt. Auf der andern Seite gehn 
auch Vernunftschlüsse durch beständige Wiederholung in 
instinktmässige Schlüsse und organische Intuitionen über. 

44. Auch die Gefühle und der Wille gehn ganz all- 
mählich aus den niedern Formen der psychischen Thätigkeit 
hervor und ganz auf demselben Weg, der zum Gedächtnis 
und zur Vernunft führt. Die Gefühle begleiten überall die 
Erkenntnisakte, und sie entstehn wie diese, wo das Handeln 
aufhört, völlig automatisch vor sich zu gehn. Auch der Wille 
kommt eben da zur Erscheinung, wo eine automatische 
Thätigkeit wegen zunehmender Kompliziertheit unmöglich 
wird. Die unwillkürliche Handlung unterscheidet sich von 
der willkürlichen dadurch, dass sie ohne vorhergehndes 
Bewusstsein der auszuführenden Handlung vor sich geht. 
Wenn die psychischen Veränderungen, die Eindruck und 
Handlung begleiten, komplizierter werden, wird der Zu- 
sammenhang zwischen beiden gelockert. Die Thätigkeit 
folgt der Aufnahme des Eindrucks nicht sofort; die ent- 
sprechenden motorischen Veränderungen tauchen nur auf, 
werden aber am Uebergang in unmittelbare Thätigkeit durch 
den Gegensatz zu gewissen andern, gleichfalls auftauchenden 
motorischen Veränderungen gehindert, die einem nahever- 
wandten Eindruck entsprechen. Es tritt damit ein Wider- 
streit zwischen zwei Gruppen ideal-motorischer Verände- 
rungen ein, die beide darnach streben, real zu werden, 
und von denen zuletzt eine real wird. Auf der andern 
Seite gehn willkürliche Handlungen durch häufige Wieder- 
holung wieder in automatische über. Eine Freiheit des 
Willens, wenn man darunter versteht, dass jeder nach Be- 
lieben wollen oder nicht wollen kann, giebt es nicht. Alle 
Thätigkeiten jeder Art sind durch die psychischen Zu- 
sammenhänge bestimmt, die die Erfahrung erzeugt hat, und 

Gaupp, Spencer. 8 



114 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

zwar die individuelle Erfahrung plus der in der Konstitution 
von den Vorfahren ererbten Erfahrung. Der Wille ist ja 
nichts anderes als das im Augenblick prädominierende 
Gefühl. 

Spencer sohliesst die objektive Psychologie mit einem 
Kapitel, „Physische Synthese*' betitelt, in dem er die geistige 
Entwicklung anknüpft an die Entwicklung im allgemeinen, 
betrachtet als physikalischen Prozess. Was sich, subjektiv 
betrachtet, als Bewusstseinserscheinungen darstellt, besteht, 
objektiv betrachtet, aus Nervenveränderungen. Und die 
Entwicklung des Nervensystems lässt sich erklären in Aus- 
drücken der Andersverteilung von Stoff und Bewegung und 
zwar durch Heranziehung von zwei Gesetzen, die aus dem 
Fortbestehn der Kraft folgen. Sie lauten: „Die Bewegung 
folgt stets der Linie der stärksten Anziehung oder des ge- 
ringsten Widerstandes oder der Resultante aus beiden", und 
„eine längs einer bestimmten Linie einmal hervorgerufene 
Bewegung wird stets wieder zur Ursache einer spätem Be- 
wegung längs dieser Linie." 

45. Haben die Synthesen der objektiven Psychologie 
das Wachstum des Geistes dargestellt, wie er sich allmäh- 
lich vom physischen Leben lostrennt und sich dann durch be- 
ständige Uebergänge, aber seinem Wesen nach immer gleich, 
zu jener wunderbar hohen Stufe entwickelt, die er bei den 
höchsten Wesen erreicht, so beginnt andrerseits die Ana- 
lyse der subjektiven Psychologie mit den höchsten Erschein- 
ungen der Intelligenz und löst sie schrittweise in immer 
einfachere und einfachere Elemente auf, bis schliesslich in 
allen Erscheinungen des geistigen Lebens eine „Einheit 
der Zusammensetzung" nachgewiesen ist, und damit die sub- 
jektive Psychologie das Resultat bestätigt hat, zu dem die 
objektive gelangt ist. Spencer zeigt, wie sich die kompli- 
zierten Vorgänge des bewussten Schliessens — das die 
höchste Verstandesthätigkeit bildet — in Intuitionen der 
Gleichheit und Ungleichheit zwischen mehr oder weniger 



45. Analyse der geistigen Erscheinungen. 115 

verwickelten Gliedern auflösen lassen, und wie wir überall 
wieder auf solche Intuitionen der Gleichheit und Ungleich- 
heit stossen, wenn wir vom Schliessen zum Erkennen, zum 
Elassifizieren, ja zum einfachen Wahrnehmen herabsteigen. 
Ohne sie ist Leben überhaupt unmöglich; auch die aller- 
niedrigsten Lebewesen müssen ein Yermögen besitzen, durch 
das Eindrücke als solche von dieser oder jener Art unter- 
schieden werden. Sie müssen im stände sein, je nach der 
Natur des einwirkenden Beizes so oder so zu handeln, und 
dazu bedarf es der Fähigkeit, Unterschiede und Aehnlich- 
keiten abzuschätzen. Sie wird allerdings ganz automatisch 
wirken, und es braucht dabei nicht entfernt zu Etwas zu 
kommen, das dem ähnlich wäre, was wir als Bewusstsein 
von äussern Unterschieden und Aehnlichkeiten kennen. 
„OflFenbar herrscht aber durchweg und überall dasselbe Ge- 
setz. Gehn wir selbst dem höchsten Schliessen bis auf den 
Grund, so zeigt sich, dass es ein und dasselbe ist, wie alle 
niedrigeren Formen des menschlichen Denkens, ja ein und 
dasselbe mit dem Instinkt und der Reflexthätigkeit, selbst 
in ihren einfachsten Formen. Der universelle Vorgang der 
Yerstandesthätigkeit ist die Assimilation von Eindrücken. 
Und die Unterschiede, die in den aufsteigenden Stufen des 
Verstandes hervortreten, sind nur eine Folge der zuneh- 
menden Kompliziertheit der assimilierten Eindrücke." Jede 
geistige Thätigkeit lässt sich zuletzt — und das erscheint 
Spencer als die allgemeinste Definition — als die bestän- 
dige DiflPerenzierung und Integrierung von Bewusstseins- 
zuständen definieren. Das Entstehn und die Fortdauer des 
Bewusstseins setzen das beständige Auftreten von Unter- 
schieden in seinen Zuständen voraus, d. h. es muss eine be- 
ständige Differenzierung seiner Zustände stattfinden; und 
damit dann jeder Zustand erkannt wird, muss er mit be- 
stehnden frühern Zuständen in eins zusammenfliessen, d. h. 
er muss mit diesen integriert werden. „Um Material zum 
Denken zu haben, muss das Bewusstsein in jedem Augen- 
blick eine DiflPerenzierung seines Zustandes erfahren. Und 

8* 



llß Zweiter Teil. Spencers Werk. 

damit der hieraus entspringende heue Zustand ein Gedanke 
werde, muss er der Integration mit früher erfahrenen Zu- 
ständen unterliegen. Dieses unablässige Abwechseln bildet 
das charakteristische Merkmal für jegliches Bewusstsein vom 
Allerniedrigsten bis hinauf zum Höchsten.*' 

46. Spencers Analysen im Einzelnen zu folgen, müssen 
wir uns hier versagen. Sie sind so komplizierter Natur, 
dass eine Zusammenfassung in wenige Sätze doch ganz un- 
verständlich bliebe. Wir wollen lieber auf seine Lehre vom 
Wesen der Erkenntnis, die den zweiten Hauptteil der sub- 
jektiven Psychologie bildet, noch etwas näher eingehn. 
Spencer hat bisher überall die Koexistenz und das Zu- 
sammenwirken von Subjekt und Objekt vorausgesetzt, und 
es gilt nun, diese Voraussetzung zu rechtfertigen. Er grün- 
det die Verteidigung seines „verklärten Realismus", wie er 
ihn im Gegensatz zum rohen Realismus der gemeinen Auf- 
fassung nennt, und wie er ihm die notwendige Basis der 
ganzen Entwicklungslehre abgiebt, auf einen indirekten und 
einen direkten Beweis; d. h. er rechtfertigt ihn positiv 
durch eine Prüfung seiner psychologischen Natur und Ent- 
stehung, und er sucht zu seiner indirekten Rechtfertigung 
zu zeigen, dass der Beweisgang, auf den sich der Idealis- 
mus und der Skepticismus stützen, logisch nicht dieselbe 
Autorität für sich hat wie der des Realismus. 

Nach Spencer ist die Annahme einer objektiven Exi- 
stenz einfach ein notwendiges Produkt des nach seinen 
eignen Gesetzen thätigen Bewusstseins und besitzt deshalb 
eine Autorität, die durch keine Vernunftschlüsse erschüttert 
werden kann. Wir brauchen die Auseinandersetzungen, 
durch die die Antirealisten den Glauben an eine Aussen- 
welt zu erschüttern suchen, nur etwas näher zu prüfen, und 
wir werden finden, dass schon ihre Worte und Schlüsse 
überall eben jene Beziehung von Subjekt und Objekt voraus- 
setzen, die sie zu widerlegen versuchen. Prüfen wir ganz 
abstrakt das Wesen des realistischen und des antirealisti- 



46. Der „verklärte Realismus**. 117 

sehen Standpunktes, so ergiebt sich, dass der Antirealismus 
auf drei ganz unmöglichen Postulaten beruht. Er muss 
annehmen, 1) dass eine Vorstellung, die primär und selb- 
ständig ist, was der des Realismus nicht abgestritten wer- 
den kann, durch solche Vorstellungen aufgehoben werden 
kann, die gleich denen des Antirealismus sekundärer Na- 
tur und selbst von jener abhängig sind; 2) dass, wenn ein 
Geistesakt einfach und isoliert ist, wie der der Annahme 
einer Realität extra mentem, ein anderer dagegen aus zahl- 
reichen Akten zusammengesetzt ist — die zahlreichen Schlüsse, 
mit denen die Nicht-Realität von etwas ausserhalb des Be- 
wusstseins bewiesen wird, die eben im besten Fall, jeder 
für sich, nur ebenso einfach sind — dass dann dem iso- 
lierten und einfachen Akt eine grössere Zweifelhaftigkeit 
anklebe als der ganzen Reihe solcher Akte; und 3) dass, 
wenn zwischen Aussprüchen des Bewusstseins, die einer- 
seits in lebhaften, andrerseits in schwachen Zuständen ge- 
geben sind, ein Widerspruch besteht, der in schwachen 
Zuständen ausgedrückte Ausspruch vorzugsweise und in 
erster Linie angenommen werden müsse. 

Ein Denken, das solch unmögliche Annahmen einschliesst, 
muss von einem fundamentalen Irrtum durchdrungen sein, 
und dieser Irrtum beruht nach Spencer darauf, dass die 
Metaphysiker ihre Untersuchungen beginnen, ohne sich zu- 
erst über ein Kriterium der Gewissheit zu einigen. Die 
Suche nach einem solchen „Testimony of Truth" führt 
Spencer dazu, zu der vielumstrittenen Frage, die den Em- 
pirismus und den Apriorismus trennt, Stellung zu nehmen. 

47. Auch in England hatte die Lehre Kants von der 
Apriorität gewisser Urteile und der Notwendigkeit und All- 
gemeinheit als dem Merkmal derselben viele Anhänger ge- 
funden, so besonders in der schottischen Schule bei Hamil- 
ton, Mansel und andern. Gegen sie waren dann der Astro- 
nom Herschel und John Stuart Mill in die Schranken 
getreten, beide Vertreter eines strengen Empirismus, der in 



118 Zweiter Teil. Spencers Werk, 

jeder Anerkennung apriorisoher Bestandteile im mensch- 
lichen Geist Mysticismus und Scholastik wittert. In diesen 
Streit greift unser Philosoph in vermittelnder Weise ein. 
Da die Frage die ist, oh der eigentümliche Charakter 
von Notwendigkeit, der gewissen Urteilen eigen ist, nur 
psychologisch zu erklären ist und keine erkenntnis-theoretisohe 
Bedeutung hat, so wollen wir zuerst einmal zusehn, was 
denn eigentlich der gemeinsame Charakter aller dieser als 
notwendig wahr erkannten Urteile ist. In jedem Urteil — 
und nur in solchen vollzieht sich das Denken — haben 
wir eine Verknüpfung von zwei geistigen Zuständen. Sehn 
wir nun einmal von allem ab ausser diesen Bewusstseins- 
zuständen und ihrer Verknüpfung, fragen wir nicht, woher 
sie stanunen, was ihrer Verknüpfung jenseits des Bewusst- 
seins entspricht, so finden wir sogleich die bemerkbarsten 
Unterschiede in dem Stärkegrad dieser Verknüpfung. Sie 
ist in dem einen Urteil zufallig und aufs leichteste trenn- 
bar. „Der Tisch ist rund", dafür können wir ebenso- 
leicht sagen „der Tisch ist viereckig, oval u. s. w"» Es 
fällt uns nicht ein zu sagen, „der Tisch ist notwendig 
rund". Viel inniger ist die Verknüpfung von Subjekt und 
Prädikat bei einer andern Reihe von Urteilen, für die 
das Beispiel „Eis ist kalt'' stehn mag. Hier kann uns 
die Verbindung auf den ersten Blick leicht untrennbar 
scheinen, und erst wenn wir versuchen, sie als notwendig 
zu begreifen, finden wir, dass doch eine Scheidung möglich 
ist. Nun giebt es aber drittens eine Reihe von Urteilen, 
bei denen die Trennung der verknüpften Bewusstseins- 
zustände in der That unmöglich ist. Solche unauflöslichen 
Zusammenhänge nennen wir Denknotwendigkeiten. Sie 
regieren unser Denken; wir können sie nicht loswerden 
und haben sie deshalb einfach anzuerkennen. Die Ansicht, 
die in den Köpfen vieler Metaphysiker spukt, als ob etwa 
ein Schlussverfahren eine höhere Gewissheit geben könnte, 
als sich in diesen notwendigen Urteilen ausdrückt, ist ganz 
verkehrt. Das Schliessen ist ja nichts anderes als die Her- 



47. „The Testimony of Truth". 1 19 

Stellung einer zusammenhängenden Heihe von Bewusstseins- 
zuständen; es ist eben eine Prüfung der Stärke der Zu- 
sammenhänge im Urteil, und das Urteil wird angenommen, 
dessen Zusammenhänge sich stärker erweisen als die des 
gegenüberstehnden Urteils. Das Schliessen selbst geht 
nur vor sich durch Annahme unzerreissbarer Zusammen- 
hänge. 

Um nun zu prüfen, ob die Verknüpfung zwischen 
Subjekt und Prädikat in einem Urteil unabänderlich ist, 
bleibt uns bloss die Möglichkeit, zu versuchen, uns die 
Negation des Urteils vorzustellen* Gelingt uns das nicht, 
so ist damit der Beweis erbracht, dass die Verknüpfung 
unlöslich ist. Unvorstellbarkeit der Negation ist also der 
Prüfstein der Wahrheit, das charakteristische Merkmal jeder 
höchsten Erkenntnis. 

48. Spencer hat dieses Wahrheitskriterium besonders 
gegen John Stuart Mill sehr ausführlich verteidigt, und diese 
Verteidigung in eine sehr treflPende Kritik des ganzen 
„reinen Empirismus" ausgedehnt. Der Empirismus, meint 
Spencer, will ohne einen obersten Prüfstein der Wahrheit 
auskommen. Er will nichts anerkennen, als was bewiesen 
werden kann, und behauptet, nicht allein die abgeleiteten 
Wahrheiten beweisen zu können, sondern auch die Wahr- 
heiten, die jenen zur Grundlage dienen. Diese Weigerung 
aber, irgend eine unbewiesene Wahrheit als Grundlage 
seiner Behauptungen anzunehmen, hat die Folge, dass die 
Gesamtheit seiner Sätze ohne Grundlage ist. Das folgt 
aus dem ganzen Prozess des Beweisens; denn einen Satz 
beweisen, heisst nichts anderes, als ihn einer bereits als 
Wahrheiten erkannten Gruppe von Sätzen assimilieren. 
Wird dieser Prozess als endlos angenommen, so kann über- 
haupt nichts bewiesen werden; hat er aber ein Ende, so 
gelangt man eben zu einem allgemeinsten und weitesten 
Satz, der nicht durch den Nachweis, dass er von einem 
noch weitern umfasst wird, gerechtfertigt werden kann. 



120 Zweiter Teil. Speacers Werk. 

Der Empirismus beruht nach Spencer einfach auf einer 
Petitio Principii. Er behauptet, die notwendigen Wahrheiten 
so gut wie alle andern erklären zu können, ohne irgend 
eine Wahrheit als notwendig vorauszusetzen. Er fühlt sich 
dann besonders stark in der Aufzählung aller möglichen 
Beispiele, die zeigen, wie nach den Gesetzen der Ässociations- 
psychologie gewisse Verknüpfungen von Bewusstseins- 
zuständen unauflöslich, d. h. notwendig werden müssen. 
Gut, nun entsteht aber die Schwierigkeit, dass diese ganze 
Analyse doch die Annahme einer Wahrheit als feststehnd 
voraussetzt. Erfahrung ist das Losungswort des Empirismus, 
aber Erfahrung von Was? Nur durch die Annahme von 
Etwas jenseits des Bewusstseins , das die Bewusstseins- 
zustände hervorbringt, gelingt ihm seine Analyse. Dieses 
Postulat einer äussern Welt aber kann der Empirismus 
weder beweisen noch widerlegen. Es bleiben ihm nur zwei 
Möglichkeiten: entweder hält er diesen Glauben für not- 
wendig und giebt damit seine Theorie auf, oder er hält ihn 
für nicht notwendig, und dann ist das ganze Gebäude sei- 
ner Beweisführung ohne Grundlage. 

Wenn aber Spencer so mit dem Apriorismus in der 
Denknotwendigkeit ein Kriterium der Wahrheit sieht, 
das die höchste mögliche Gewissheit giebt, so giebt er 
schliesslich dem Empirismus doch darin Recht, dass die 
äussern Zusammenhänge alle innern hervorbringen; mit 
andern Worten: dass alle Erkenntnis aus der Erfahrung 
stammt. Der Empirismus macht nur den Fehler, dass er 
unter Erfahrung immer nur die Erfahrung des einzelnen 
Individuums versteht und aus ihr jenen Charakter der Not- 
wendigkeit erklären will, der sich aus ihr, wie der Aprio- 
rismus mit Recht behauptet, schlechthin nicht erklären 
lässt. Das Individuum fängt nicht von vorn an; sein 
Geist ist nicht eine unbeschriebene Tafel. Es hat einen 
Verstand, der sich, objektiv betrachtet, als Gehirn darstellt, 
ein Vermögen, Erfahrung anzuordnen, und dieses Vermögen 
ist nichts anderes als die organisierte Erfahrung unzähliger 



48. Spencers Stellung zum Empirismus. 121 

früherer Generationen. Entsprechend den absoluten äus- 
sern Beziehungen haben sich im Bau des Nervensystems 
allmählich absolute innere Beziehungen hergestellt, Bezieh- 
ungen, die potentiell schon vor der Greburt in Gestalt be- 
stimmter Nerven Verbindungen vorhanden sind, die jeder 
individuellen Erfahrung vorausgehn, von ihr unabhängig 
sind und sich in den ersten Erkenntnisakten automatisch 
enthüllen. Diese vorausbestimmten innern Beziehungen 
sind aber selbst durch die Erfahrung vorausgegangener Or- 
ganismen bestimmt. Das Nervensystem und das mensch- 
liche Gehirn sind gleichsam das organisierte Register aller 
der unendlich zahlreichen Erfahrungen, die während der 
Entwicklung des Lebens gemacht worden sind. Wir kommen 
zu einer Versöhnung zwischen dem Empirismus und dem 
Apriorismus, wenn wir daran festhalten, „dass die Grund- 
thatsachen des Verstandes für das Individuum apriorisch, 
für die ganze Reihe von Einzelwesen dagegen, in der es 
nur das letzte Glied bildet, aposteriorisch sind". 

Spencer schliesst die Prinzipiea der Psychologie mit 
einer Skizze, die die Entwicklung der Geistesthätigkeiten 
und Gefühle schildert, durch die die Menschen befähigt 
sind, als Glieder einer Gesellschaft zusammenzuwirken. Er 
gewinnt damit den Uebergang zur Soziologie und Ethik, 
denen wir das letzte Kapitel widmen wollen. 



Viertes Kapitel. 

Soziologie und Ethik. 

Die Prinzipien der Soziologie. 

49. Wir kommen nun in diesem letzten Kapitel zu dem 
Teil der Spencerschen Philosophie, dessen Ergebnisse mehr, 
als die der frühern, für das Gebiet des Handelns und 
"WoUens von unmittelbarer Bedeutung sind, und dem eben 
deshalb von Anfang an ein grösseres Interesse und, wie 
das Hand in Hand geht, auch schärfere Angriffe zu Teil 
geworden sind. Das Entwicklungsgesetz ist für Spencer, 
wie wir sahen, ein Weltgesetz, das eben deshalb auch für 
die „moralische" Welt gilt und nicht nur, wie z. B. Kant 
wollte, für die „physische" allein. Dieselben Ursachen und 
Gesetze, die das Werden des Kosmos erklären, geben auch 
den Schlüssel für ein Verständnis der Entwicklung der 
Menschheit. Zwischen ihr und der kosmisch-biologischen 
Entwicklung besteht keine unüberbrückbare Kluft; sie ist 
vielmehr nur das höchste und komplizierteste Ergebnis der 
organischen und physischen Entwicklung. 

Die Entwicklung dessen, was man unter dem Namen 
geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit zusammenfassen 
kann — Spencer nennt sie superorganische Entwicklung — 
schildern die drei Bände der „Prinzipien der Soziologie". 
Da nun nach dieser Auffassung der gegenwärtige Zustand 
der Gesellschaft und der gesellschaftlichen Einrichtungen 
das naturnotwendige Ergebnis ihrer frühem Zustände ist, 
so stellt er sich zugleich dar als die Bedingung der nächsten 
und aller künftigen. Und indem Spencer die bisherige 
Entwicklung der Menschheit als einen allmählichen Prozess 
der Selbstanpassung an ihre Lebensbedingungen schildert, 



49. Begriff und Aufgabe der Soziologie. 123 

gewinnt er die Möglichkeit, einen Zustand zu anticipieren, 
in dem diese Selbstanpassung vollendet ist. Hier setzt dann 
die Ethik ein. Sie schildert als ,, absolute Ethik ^ das mo- 
ralische Gesetz, wie es für diese vollkommene Gesellschaft 
gelten würde, indem sie es aus den Bedingungen, unter 
denen diese höchste Entwicklung der menschlichen Natur 
allein möglich ist, deduziert. Ergänzt wird sie durch eine 
„relative Ethik", die darauf Kücksicht nimmt, dass dieser 
ideale Zustand noch nicht erreicht ist, und die deshalb 
nicht von dem absolut-moralischen, sondern dein relativ- 
moralischen handelt. Eben darum spielt auch in der Theorie 
vom rechten Handeln, die die zwei Bände „der Prinzipien 
der Ethik" darstellen, der entwicklungsgeschichtliche Stand- 
punkt eine ausschlaggebende Rolle. 

Da Spencer selbst in der Ethik, in der die Philosophie 
der Entwicklung ihre Anwendung aufs praktische Leben 
findet, und die versucht, für die Prinzipien des rechten 
Handelns eine feste wissenschaftliche Basis zu gewinnen, den 
Höhepunkt und das Ziel seiner ganzen Philosophie sieht, 
so will ich ihr den grössten Teil des mir noch zur Ver- 
fügung stehnden Eaumes widmen und mich der Soziologie 
gegenüber auf Andeutung einiger leitenden Gesichtspunkte 
beschränken. 

Die "Welt geschichtlich-gesellschaftlicher Thatsachen ist 
so ungemein kompliziert; es wirken hier so viele Ursachen 
zusammen und einander entgegen, dass nirgends die Ge- 
fahr übereilter Verallgemeinerung und oberflächlicher Ab- 
straktion so nahe liegt wie hier. Spencer ist in seiner 
Soziologie diesen Gefahren, an denen so viele seiner Vor- 
gänger auf diesem Gebiet gescheitert sind, keineswegs ganz 
entgangen. Neben manchem Verzerrten oder besser Ein- 
seitigen enthält aber gerade seine Soziologie eine Menge 
höchst geistreicher Einzelbetrachtungen und fruchtbringen- 
der Gedanken, und jedenfalls hat er seinen Grundgedanken, 
dass nämlich die Gesellschaft mit allen ihren Einrichtungen 
etwas organisch Gewachsenes und nicht etwas Fabriziertes, 



"[24 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

ein lebendiger Organismus und nicht ein toter Mechanis- 
mus ist, glänzend gerechtfertigt. Spencer war sich der 
Gefahren, die dem Forscher, der nach „Prinzipien" sucht, 
gerade auf diesem Gebiete drohen , wohl bewusst und 
hat sich durch zwei vorbereitende Arbeiten für seine Auf- 
gabe gerüstet. In einem Buche, das im Jahr 1873 unter 
dem Titel „The Study of Sociology*' erschien, hat er die 
Vorfrage, ob eine Soziologie in seinem Sinn überhaupt 
möglich sei, welches ihre Ziele, Aufgaben und Methoden 
sein müssen, und welche teils subjektive, teils objektive, 
Schwierigkeiten sie zu überwinden habe, genau untersucht. 
Und in dem grossangelegten Sammelwerk der „Descrip- 
tive Sociology" hat er eine Schwierigkeit, die bisher einer 
wissenschaftlichen Behandlung soziologischer Fragen sehr 
im Weg stand, das Fehlen einer genügenden induktiven 
Basis, aus der die Gesetze der sozialen Entwicklung dedu- 
ziert werden könnten, zu heben gesucht, indem er anthro- 
pologisches Material in grösster Fülle zusammentrug und 
aufs übersichtlichste ordnete. 

Als Quintessenz dieser Vorarbeit kann man den ersten 
Abschnitt der Soziologie, die sogenannten „Data der Sozio- 
logie" bezeichnen. Hier schildert Spencer die „Faktoren 
der sozialen Phaenomene" , zuerst kurz — da es sich 
dabei um ein genügend aufgeklärtes Gebiet handelt — die 
äussern — nämlich das ganze Milieu, einschliesslich Klima, 
Bodenbeschaffenheit, Fauna und Flora — und dann aus- 
führlich die innern, d. h. die körperlichen, gemütlichen und 
geistigen Merkmale des primitiven Menschen, mit dem die 
Entwicklung anhebt. Es handelt sich dabei aber nicht 
etwa um ein Phantasiegemälde ä la Rousseau, sondern um 
wissenschaftlich durchaus berechtigte Analogieschlüsse aus 
Thatsachen, die uns die Geschichte primitiver Kulturen 
und die Beobachtung heute lebender wilden Völkerstämme- 
geliefert haben. Besonderes Interesse bietet seine Schil- 
derung der Weltanschauung des primitiven Menschen, wie 
sie eine notwendige Folge gewisser Mängel seines Intellekts 



50. Individueller und sozialer Organismus. 125 

war. Er zeigt hier insbesondere sehr geschickt, wie der 
Urmensch durch rohe, aber vernünftige Schlüsse aus Er- 
scheinungen wie Schatten, Schlaf, Krankheit, Tod, Epilepsie 
u. s. w. zu seiner Seelen-, Geister- und Dämonen-Theorie 
kommen musste, und wie in einer auf sie gegründeten ani- 
mistischen Auslegung der Natur und des nähern im Glau- 
ben an das Fortleben der abgeschiedenen Seelen der Vor- 
fahren der Ursprung alles Götterglaubens liegt. Der all- 
gemeinste Schluss, zu dem er schliesslich kommt, ist der, 
dass in der „Furcht vor den Lebenden die Wurzel aller 
politischen Kontrolle, in der Furcht vor den Toten die 
Wurzel der religiösen Kontrolle liegt**. 

50. In dem nächsten Abschnitt, den „Induktionen der 
Soziologie" entwickelt Spencer dann eingehnd die Ana- 
logien, die zwischen dem gesellschaftlichen und dem in- 
dividuellen Organismus bestehn, und illustriert an ihrer 
Hand die Wahrheit, dass die soziale Entwicklung nur ein 
Teil des allgemeinen Weltprozesses der Entwicklung ist, 
mit dem sie in allen ihren charakteristischen Zügen über- 
einstimmt. In vier Hauptpunkten scheinen ihm Gesell- 
schaften mit individuellen Organismen übereinzustimmen. 

1. Mit kleinen Ansammlungen beginnend nehmen sie 
unmerklich an Masse zu, so dass einige von ihnen schliess- 
lich zum Tausendfachen von dem werden, was sie ursprüng- 
lich waren. 

2. Während ihre Struktur anfangs so einfach ist, dass 
sie beinahe strukturlos erscheinen, zeigen sie im Lauf ihres 
Wachstums eine beständig wachsende Komplexität der 
Struktur. 

3. Während in ihrem ursprünglichen, unentwickelten 
Zustand kaum gegenseitige Abhängigkeit der Teile besteht, 
wächst diese gegenseitige Abhängigkeit schrittweise, bis sie 
schliesslich so gross wird, dass Thätigkeit und Leben jedes 
Teiles durch die Thätigkeit und das Leben des Bestes be- 
dingt sind. 



126 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

4. Das Leben der Gesellschaft dauert länger und ist 
unabhängig von dem Leben der sie bildenden Einheiten, 
die geboren werden, wachsen, arbeiten, sich vermehren und 
sterben, während der gesellschaftliche Körper, den sie bil- 
den, Generation um Generation überlebt und dabei an Masse, 
in Vollständigkeit der Struktur und Vielseitigkeit der funk- 
tionellen Thätigkeit zunimmt. 

Aus diesen Uebereinstimmungen folgt, dass auch die 
gesellschaftliche Entwicklung dem Entwicklungsgesetz, das 
für alle andern organisierten Aggregate gilt, folgt. Eine 
Gesellschaft wird immer integrierter, indem sie an Masse 
zunimmt, und ihre Teile immer abhängiger von einander 
werden; sie wird immer ungleichartiger in allen ihren 
Strukturen und immer bestimmter in allen ihren Differen- 
zierungen. 

Auf der andern Seite verkennt aber Spencer auch die 
Unterschiede nicht, die zwischen dem sozialen Organismus 
und dem individuellen Organismus bestehn. 

1. Gesellschaften haben keine bestimmte äussere Form. 

2. Das lebende Gewebe, aus dem ein individueller 
Organismus besteht, bildet eine kontinuierliche Masse, nicht 
so die lebenden Elemente einer Gesellschaft : sie sind mehr 
oder weniger weit über einen Teil der Erde zerstreut. 

3. Die letzten lebenden Einheiten eines individuellen 
Organismus haben meist ihre relative Lage fixiert, die der 
sozialen Organismen können sich von Platz zu Platz be- 
wegen und 

4. der wichtigste Unterschied: im tierischen Körper 
ist ein besonderes Gewebe mit Gefühl begabt, während im 
gesellschaftlichen Körper alle Einheiten mit Gefühl be- 
gabt sind. 

Aus diesem letzten Unterschied ergeben sich die wich- 
tigsten Folgerungen für das ideale Verhältnis zwischen den 
Teilen und dem Ganzen im gesellschaftlichen Körper. 
Spencer sagt: „Wir dürfen diesen Unterschied nie über- 
sehn. Er erinnert uns daran, dass zwar im individuellen 



50. Individueller und sozialer Organismus. 127 

Organismus das Wohl aller übrigen Teile mit Reoht dem 
Wohl des Nervensystems untergeordnet ist, dessen lust- 
oder schmerzvolle Thätigkeit das Wohl oder Wehe des 
Lebens ausmachen, dass aber im politischen Körper das 
nicht oder nur zu einem gewissen Grad gelten kann. Es 
ist recht, dass das Leben aller Teile eines Tieres im Leben 
des Ganzen aufgehn soll, weil das Ganze ein korporatives 
Bewusstsein hat, das Lust oder Schmerz empfinden kann. 
In der Gesellschaft aber verhält sich das anders. Denn 
ihre lebendigen Einheiten verlieren ihr individuelles Be- 
wusstsein nicht und können es nicht verlieren, und die Ge- 
meinschaft als Ganzes hat kein korporatives Bewusstsein. 
Das ist der ewige Grund, warum es nicht recht ist, das 
Wohl der Bürger einem angenommenen Wohl des Staates 
zu opfern, und warum auf der andern Seite der Staat nur 
zum Wohl der Bürger da ist. Das korporative Leben muss 
hier dem Leben der Teile dienen und nicht umgekehrt." 
Spencer zeigt, wie die Entwicklung des gesellschaft- 
lichen Lebens dieses ideale Yerhältnis der Teile zum Ganzen 
immer mehr zum Durchbruch bringt, und gründet gerade 
auf diesen Gesichtspunkt seine grosse Unterscheidung der 
gesellschaftlichen Typen in militärische, gemischte und indu- 
strielle. Im militärischen Staat ist der Zwang das Prinzip, 
auf dem das Zusammenwirken der Menschen beruht, und 
die Entwicklung zum rein industriellen Typus charakteri- 
siert sich als ein allmähliches XJebergehn zu einem immer mehr 
freiwilligen Zusammenwirken und damit als eine immer mehr 
zunehmende Kealisierung des Gesetzes der gleichen Freiheit. 

51. Wir können nun Spencer, so interessant das wäre, 
nicht folgen, wie er in den übrigen Abschnitten im grossen, 
historischen Stil die Entstehung und Bedeutung der Familie, 
sowie der drei grossen Kontrollsysteme Zermonie, Kirche und 
Staat schildert, der DiflFerenzierung der verschiedenen Pro- 
fessionen aus der königlich-priesterlichen Gewalt nachgeht 
und endlich die Entwicklung des wirtschaftlichen Systems 



128 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

zeichnet. Einen Punkt muss ich aber doch noch berühren, 
um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen. Spencer 
lehrt natürlich nicht, dass alle Gesellschaften sich notwen- 
dig höher entwickeln. Wie es in der organischen Welt 
Stillstand und Verfall giebt, so auch in der superorganischen. 
Wie sich aber das Leben als Ganzes höher entwickelt hat, 
so auch die Menschheit als Ganzes. Wir können zwar, 
wenn wir alle Gesellschaften zusammennehmen, die Ent- 
wicklung für unvermeidlich erklären als letztes Ergebnis 
des Zusammenwirkens der äussern und Innern Faktoren, 
die während unbestimmt langer Zeitperioden auf sie wirken ; 
wir dürfen sie deshalb aber nicht auch für jede bestimmte 
Gesellschaft als unvermeidlich oder auch nur wahrschein- 
lich ansehn. Ein sozialer Organismus erleidet wie ein 
individueller Organismus solange Modifikationen, bis er ins 
Gleichgewicht mit den Bedingungen seiner Umgebung 
kommt, und dauert dann fort ohne weitere Veränderung 
seiner Struktur. Nur zuweilen ist die neue Kombination 
von Paktoren derart, dass sie eine Veränderung erzeugt, 
die sich als Stufe in der sozialen Entwicklung darstellt 
und einen sozialen Typus beginnt, der sich ausbreitet und 
inferiore Typen verdrängt. 

Die Prinzipien der Soziologie sind der einzige Teil 
des Systems der synthetischen Philosophie, in dem die Aus- 
führung nicht ganz gehalten hat, was der „Prospekt" ver- 
sprach. Es sind allerdings, wie vorgesehn, 3 Bände er- 
schienen ; sie enthalten aber nur, was Spencer ursprünglich 
in zwei Bänden behandeln zu können glaubte. Was der 
dritte Band behandeln sollte, die Entwicklung und den 
Portschritt der menschlichen Sprache, der Wissenschaft, 
Kunst und Moral, fehlt, und Spencer hat in der Vorrede 
zum dritten Band der Soziologie mit Recht bemerkt: „Es 
ist offenbar unmöglich für einen Invaliden von 76 Jahren, 
einen solch ausgedehnten und verwickelten Stoff ange- 
messen zu behandeln." Die Lücke, die sein System hier 
zeigt, wird zudem durch eine Eeihe von Essays ausgefüllt, 



62. Allgemeiner Charakter der Spencer^schen Ethik. 129 

die wohl das Wichtigste enthalten, was Spencer in dieser 
Beziehung zu sagen hatte. 



Die Prinzipien der Ethik. 

52. „Für die Prinzipien von Eecht und Unrecht im Han- 
deln überhaupt eine wissenschaftliche Grundlage zu finden", 
darin hat Spencer immer das letzte Ziel seiner Forschung 
gesehn, dem alle seine andern Arbeiten als Mittel dienen 
sollten. Als sich daher Ende der siebziger Jahre seine 
Gesundheit besonders verschlechterte, und die Gefahr nahe 
lag, dass sein grosses Werk ein Torso ohne Haupt bleiben 
möchte, unterbrach er die Ausarbeitung der Soziologie und 
gab in den „Data der Ethik" — d. h. den Generalisationen, 
die die Biologie, die Psychologie und die Soziologie zum 
Aufbau einer Theorie vom rechten Leben liefern — wenig- 
stens einen Grundriss seiner ethischen Anschauungen, der 
seine grundsätzliche Stellung zu diesen wichtigsten aller 
Fragen fixierte. Die Data der Ethik erschienen 1879; die 
weitere Ausführung des Grundrisses konnte erst 12 Jahre 
später erfolgen. 

Wie Spencers ganze Philosophie Entwicklungsphilo- 
sophie ist, so ist seine Moral Entwicklungsmoral. Auch 
die moralischen Phaenomene sind gleich allen andern Er- 
scheinungen der Welt Produkte einer Entwicklung, die 
nach natürlichen Gesetzen vor sich geht. Sie sind nicht, 
wie manche wollen, etwas ganz Eigenartiges, etwas, das 
überirdischen Ursprungs aus dem Naturzusammenhang 
herausfallt und deshalb den gewöhnlichen Methoden der 
Wissenschaft unzugänglich, ein Mysterium bleibt, das auf 
eine höhere Welt hindeutet. Er fasst vielmehr das Han- 
deln, mit dem sich die Ethik befasst, als einen Teil des 
Handelns überhaupt auf und sucht es in diesem grossen 
Zusammenhang als letztes Glied einer Entwicklungsreihe 
zu begreifen, die tief unten im animalischen Reich be- 

Oaupp, Spencer. 9 



X30 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

ginnt. Und von hier aus ergiebt sich ihm dann folgendes: 
Das Verhalten, das wir gut nennen, ist das höher ent- 
wickelte, während das schlechte das relativ niedriger ent- 
wickelte Verhalten ist. Als gut betrachten wir ein Ver- 
halten, das die Selbsterhaltung fordert, als schlecht eines, 
das eine lebenmindernde Tendenz hat. Das Verhalten der 
Eltern nennen wir gut oder schlecht, je nachdem es die 
Fähigkeit, die Art durch Aufbringen von Nachkommen zu 
verewigen, fördert oder mindert. Und vorzugsweise gut 
nennen wir ein Verhalten, das die Tendenz hat, nicht nur 
das Eigenleben und das der Nachkommen zu einem mög- 
lichst hohen Vollendungsgrad zu bringen, sondern zugleich 
eine gleiche Vollendung des Lebens der Mitmenschen nicht 
nur nicht hindert, sondern aktiv fordert. Zum besten Han- 
deln erhebt sich das gute Handeln, wenn es gleichzeitig 
höchste Totalität des Lebens im Selbst, in den Nachkommen 
und den Mitmenschen zufolge hat. 

Durch diese ganze Betrachtungsweise unterscheidet 
sich Spencers System scharf von allen jenen Moralsystemen, 
die den Grund der Moral in dem Willen eines übernatür- 
lichen Wesens oder gleich Kant in einem kategorischen 
Imperativ finden. Näher steht Spencer der utilitarischen 
Schule. Wenn sie gegenüber Kant und den intuitiven Mo- 
ralisten behauptet, dass allen Urteilen über Gut und Schlecht, 
Recht und Unrecht zuletzt immer eine Beziehung auf Lust 
oder Unlust zu Grunde liegt, so ist das ganz seine An- 
sicht. Und wenn sie weiter behauptet, dass die ethischen 
Urteile aus der Erfahrung stammen, nämlich der Erfahrung 
der guten und schlechten Folgen gewisser Handlungen, so 
stimmt er auch dem zu — nur macht er gerade hier einen 
wichtigen Schritt über den gewöhnUchen utilitarischen Stand- 
punkt hinaus. Die utilitarische Schule begeht nämlich gleich 
dem erkenntnistheoretischen Empirismus den Fehler, dass 
sie den Menschen zu sehr als isoliertes Wesen, heraus- 
gerissen aus dem Zusammenhang mit der sich entwickeln- 
den Menschheit, betrachtet. Indem sie dann in seinem 



62. Allgemeiner Charakter der Spencerschen Ethik. 131 

Geiste mehr oder weniger nur eine unbeschriebene Tafel 
sieht, auf die erst die individuelle Erfahrung alles ein- 
schreibt, was spätere psychologische Analyse dort findet, 
verschliesst sie sich den Weg zum Verständnis aller ur- 
sprünglichen Elemente in der menschlichen Natur. Spencer 
hat diesen Fehler durchschaut; und seine Einsicht in das 
Wesen der Vererbung und Entwicklung ermöglichte es 
ihm, seinen Weg zwischen der Scylla des intuitiven Supra- 
naturalismus und der Charybdis der empiristischen Leug- 
nung aller apriorischen Elemente hindurchzufinden. Er er- 
kennt im Individuum ursprüngliche apriorische Elemente 
an, weiss sie aber auf natürlichem Weg zu erklären als 
Besultate einer Erfahrung, die die Gattung als Ganzes ge- 
macht hat. In den Urteilen „gut" und „schlecht" drücken 
sich nach ihm die unvergesslichen Erfahrungen der Mensch- 
heit — nicht des einzelnen Menschenindividuums — über das 
Nützlich-zweckmässige und das Schädlich-unzweckmässige 
aus. Das Gewissen ist nichts anderes, als organisierte Er- 
fahrung. Er sagt: „die durch alle frühern Erfahrungen 
der menschlichen Rassen organisierten und consolidierten 
Erfahrungen von dem Nützlichen haben entsprechende 
Nervenmodifikationen hervorgebracht, die durch fortgesetzte 
Vererbung und Anhäufung zu gewissen moralischen An- 
schauungsvermögen geworden sind, zu Gefühlen, die rech- 
tem und schlechtem Handeln entsprechen, aber in den indi- 
viduellen Erfahrungen vom Nützlichen keine Basis zu haben 
scheinen". 

Noch in einem weitern entscheidenden Punkt hat 
Spencer den Utilitarismus reformiert, dadurch nämlich, dass 
er die Ethik aus dem Bereiche des rohen Empirismus heraus- 
zuheben und zu einer rationellen Wissenschaft zu machen 
strebte. Diesen Gegensatz zwischen dem gewöhnlichen und 
seinem geläuterten Utilitarismus charakterisiert er in einem 
Briefe an John Stuart Mill folgendermassen : „Nach meiner 
Ansicht hat die Ethik die Aufgabe, zu bestimmen, wie und 
warum gewisse Verhaltungsweisen schädlich und andere 

9* 



132 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

wohlthätig wirken; diese guten und schlechten Eesultate 
können nicht zufallig sein, sondern müssen mit Notwendig- 
keit aus der Natur der Dinge selbst folgen. Ich sehe da- 
her die Aufgabe der ethischen Wissenschaft darin, aus den 
Gesetzen des Lebens und den Bedingungen der Existenz 
zu deducieren, welche Arten des Handelns notwendig 
Glück, und welche ebenso notwendig Unglück hervor- 
bringen. Wenn dies geschehn ist, sind diese Deduktionen 
als Gesetze des Verhaltens anzusehn, und sie sind zu be- 
folgen ohne Eücksicht auf die direkte Abschätzung von 
Glück und Unglück**. 

Spencers ethischer Standpunkt lässt sich an der Hand 
der „Data der Ethik'' zusammenfassend dahin definieren: 
Seine Moral ist eine Evolutionsmoral, die mit der intui- 
tiven Schule im Menschen ursprüngliche moralische Ge- 
fühle anerkennt, deren Entstehungsgrund aber gleich den 
Utilitariern in Erfahrungen des Nützlichen sieht; sie ist 
Wissenschaft, weil sie sich dadurch, dass sie die mora- 
lischen Phaenomene mit den allgemeinen Gesetzen des 
Lebens in Verbindung bringt, die Anwendung der deduk- 
tiven Methode ermöglicht. 

58. Im zweiten Abschnitt, den „Induktionen der Ethik", 
bespricht Spencer im einzelnen die auf empirischem Weg 
von den Menschen gefundeneu Kegeln des Handelns, wie 
sie sich als die wesentlichsten Gesetze bei allen zivilisierten 
Nationen finden. Der ganze Abschnitt ist eine Illustration 
für die moralbildende Kraft des Zweckes oder der Nützlich- 
keit. Der Gesichtspunkt, unter dem er hier die moralischen 
Phaenomene betrachtet, ist durchweg der soziologische. Die 
Notwendigkeit des sozialen Zusammenlebens fordert ge- 
bieterisch gewisseVerhaltungsweisen; Uebereinstimmung oder 
Nichtübereinstimmung mit ihnen wird mit dem Prädikat „gut* 
oder „schlecht" belegt. Spencer beleuchtet zuerst die allge- 
meine Konfusion in den herrschenden ethischen Wertungen. 
Sie erscheint teils als Widerstreit der ethischen Sanktionen — 
indem die einen den Willen Gottes, die andern die Nütz- 



53. Die Induktionen der Ethik. 133 

lichkeit und wieder andere das Gewissen zum Schiedsrichter 
über Gut und Böse machen — teils aber als Konflikt 
zwischen verschiedenen Sittenkodexen. Dieser Konflikt hat 
seinen Grund darin, dass beinahe alle Gesellschaften zum 
Zweck ihrer Selbsterhaltung gezwungen sind, von ihren 
Mitgliedern zwei im innersten Grund entgegengesetzte Ver- 
haltungsweisen zu fordern, nämlich Feindschaft nach Aussen 
gegen andere Gesellschaften und Freundschaft und Zu- 
sammenarbeiten im Innern zwischen den Gliedern der- 
selben Gesellschaft. In Anpassung daran entwickeln sich 
zwei entgegengesetzte Gefühls- und Ideenreihen, als deren 
Niederschlag sich zwei widersprechende, aber gleichzeitig 
befolgte Sittenkodexe darstellen. Drastisch kommt dieser 
innere Widerspruch zum Ausdruck bei den europäischen 
Völkern, die sich einer fremden Religion, die allein das 
Sittengesetz der Liebe und Freundschaft anerkennt, unter- 
worfen haben. Diese Religion geniesst alle nominelle Ehre 
und allen Gehorsam in Worten; während das alte Sitten- 
gesetz der Feindschaft nominell verworfen, in der Praxis 
aber befolgt und vielfach sogar durch soziale Missachtung 
erzwungen wird. Man denke nur an das kleine Beispiel 
des Duellwesens. „Eine dünne Schichte von Christentum, 
sagt Spencer, lagert sich über einer dicken Schichte un- 
verfälschten Heidentums." 

Alle diese Widersprüche nötigen den Erforscher mo- 
ralischer Phaenomene dazu, „die wirklichen Vorstellungen 
und Gefühle, mit denen die Menschen die verschiedenen 
Verhaltungsweisen betrachten, unter Beiseitelassung aller 
festgestellten Nomenklaturen und Wortbekenntnisse zu 
ermitteln". Dieser Aufgabe unterzieht sich Spencer in 
einer Reihe interessanter, ins einzelne gehnder Kapitel, 
indem er dabei die Fülle von Thatsachen, die ihm seine 
ausgedehnten soziologischen Studien an die Hand gaben, 
aufis geschickteste verwertet. Das Hauptergebnis seiner 
Untersuchung ist der Nachweis von der Unhaltbarkeit jener 
Lehre der intuitiven Moral, die dem menschlichen Geist 



134 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

ein ihm ursprünglich eingepflanztes, über Gut und Böse 
absolut entscheidendes Gewissen zuschreibt. Wahr ist viel- 
mehr, „dass die Gefühle und Vorstellungen, die in jeder 
Gesellschaft vorherrschen, sich der Art Thätigkeit, die in 
ihr vorwaltet, anpassen". In einer Gesellschaft, die in ewigen 
Kriegen gegen äussere Feinde um ihre Selbsterhaltung zu 
kämpfen hat, bildet sich ein Sittenkodex heraus, in dem 
Angriff, Eroberung, Bache vorgeschrieben und kriegerische 
Tugenden allein hochgeschätzt werden. Umgekehrt wird 
eine Gesellschaft, in der nur die Werke des Friedens ge- 
übt werden, sich zu einem Sittenkodex bekennen, der Ge- 
rechtigkeit, Redlichkeit, Rücksicht auf andere, kurz alle 
die Tugenden vorschreibt, die ein freiwilliges harmonisches 
Zusammenarbeiten erfordert. Das Rätsel, warum wir in 
den verschiedenen Gesellschaften und in derselben Gesell- 
schaft zu verschiedenen Zeiten oft die entgegengesetztesten 
ethischen Wertungen vorfinden, ist gelöst, wenn wir be- 
denken, dass die verschiedenen äussern Bedingungen, unter 
denen die einzelnen Gesellschaften leben, ein verschiedenes 
\''erhalten erfordern, und dass die Gefühle, mit denen dieses 
Verhalten betrachtet wird, sich diesen Erfordernissen an- 
passen. 

54. Im dritten Teil giebt Spencer die Ethik des indi- 
viduellen Lebens. Der Gesichtspunkt ist hier der biolo- 
gische. Jenes vollkommene Handeln, das die Ethik als Ideal 
vorzeichnet, ist, biologisch betrachtet, ein Handeln, bei dem 
körperliche Funktionen in der Weise, wie es die Be- 
dingungen des Lebens erfordern, ausgeübt werden. Es ist 
daher unmoralisch, den Körper einer Behandlung auszu- 
setzen, die jenes Gleichgewicht der Funktionen zerstört und 
seine Lebenskraft herabsetzt. In der Gestaltung eines 
vollkommenen Lebens, zu dem die Ethik den Weg zu 
weisen hat, sind die „egoistischen" Handlungen ein ebenso 
wichtiger Faktor wie die altruistischen. Dies scheint es 
Spencer zu rechtfertigen, wenn er in den Kreis ethischer 
Betrachtung, den die meisten nur auf das Handeln, das 



t 



54f. Die Ethik des individuellen Lebens. 135 

andere im Guten oder Bösen berührt, beschränken, auch 
jenes Handeln zieht, das in erster Linie nur den Handeln- 
den selbst betrifft. Die Aufstellung rationeller Vorschriften 
wird ihm hier dadurch ermöglicht, dass er überall auf 
die Abhängigkeit geistiger von körperlichen Zuständen zu- 
rückgeht und ethische Erfordernisse zu einem gewissen 
Grad auf physiologische Notwendigkeiten gründet. Man 
denke z. B. an das physiologische Yerhältnis, das zwischen 
dem Aufbrauch von Geweben und der Notwendigkeit der 
Ruhe zur Wiederherstellung des Verbrauchten besteht. 
Auf solche physiologische Notwendigkeiten lassen sich be- 
stimmte ethische Yorschriften, die wissenschaftliche Autori- 
tät haben, gründen. Ganz allgemein geht Spencer von der 
Grundvoraussetzung aus, dass Lust den Weg zu einer ge- 
sunden, Schmerz den zu einer ungesunden Ausübung körper- 
licher Funktionen zeige. Die Ausnahmen erklärt er als 
Resultate einer unvollkommenen Anpassung, die im Lauf 
der Entwicklung verschwinden werden. 

Die Ethik des sozialen Lebens. 

55. In den drei nächsten Abschnitten, die den zweiten 
Band der Ethik ausfüllen, behandelt Spencer die Ethik des 
sozialen Lebens, und zwar im vierten Abschnitt die Theorie 
der reinen Gerechtigkeit, während in den zwei folgenden Ab- 
schnitten untersucht wird, wie das, was Spencer „positives" 
und ,, negatives Wohlthun" nennt, die Vorschriften der 
reinen Gerechtigkeit modifizieren muss. Wir wollen auf 
diese Ethik des sozialen Lebens noch mit besonderer Aus- 
führlichkeit eingehn, weil Spencer selbst ihr den grössten 
Wert beilegt, und weil sie die wissenschaftliche Begründung 
jenes Individualismus ist, den Spencer als ein zweiter 
„Athanasius contra mundum" sein ganzes Leben hindurch 
gegen die sozialistischen Modetheorien verteidigt hat. Wir 
werden dabei sehn, dass der strenge Individualismus Spencers 
nicht, wie gewöhnlich angenommen wird, eine geistige 
Idiosynkrasie des Philosophen ist, sondern dass er sich 



136 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

darstellt als eine natürliche und notwendige Fracht seiner 
ganzen Weltanschauung. 

Alles Handeln beurteilen wir darnach, ob es seine 
Zwecke erreicht ; und so betrachten wir auch jenes Handeln, 
das wir speciell ethisch nennen, objektiv daraufhin, ob es 
gute oder schlechte Resultate für den Handelnden selbst 
und für andere hervorbringt. Da uns aber die Entwick- 
lungstheorie lehrt, im menschlichen Handeln nur ein höher 
entwickeltes tierisches zu sehn, so sind die Grundlagen für 
eine richtige Theorie des Handelns schon in der Tierwelt 
zu suchen. Auch für jede Tierspecies giebt es ein Handeln, 
das relativ gut ist, ein Handeln, das zu der Species in dem- 
selben Verhältnis steht, wie das Handeln, das wir moralisch 
nennen, zur menschlichen Species. Die Grundvoraussetzung 
dieser ganzen Betrachtungsweise ist die Ablehnung einer 
pessimistischen und die Annahme einer optimistischen oder 
besser melioristischen Ansicht vom Leben. Die Erhaltung 
und das Gedeihen einer Species muss als etwas Wünschens- 
wertes gelten ; dann können wir jedes Verhalten, das diesem 
Ziele dient, als gut, jedes entgegengesetzte als schlecht be- 
zeichnen. 

Suchen wir nun von diesem Standpunkt aus nach bio- 
logischen Gesetzen, denen gemäss eine Species leben muss, 
wenn sie sich erhalten und schrittweise höher entwickeln 
will, so stossen wir auf die zwei Kardinalgesetze der Tier- 
ethik, die Spencer dahin formuliert: 

1. Während der Zeit der Unmündigkeit müssen die 
empfangenen Wohlthaten in umgekehrtem Verhältnis zu 
den besessenen Fähigkeiten stehn. 

2. Mit erreichter Reife muss der Betrag dessen, was 
ein Individuum für sich erlangt, in direktem Verhältnis zu 
seinem Wert stehn; den Wertmesser bildet dabei seine 
grössere oder geringere Angepasstheit an die Lebens- 
bedingungen. 

Ohne das erste Gesetz ginge jede Species aus Mangel 
an Nachkommenschaft zu Grunde, da diese sich nicht aus 



55. Die Idee der Gerechtigkeit in ihrer biologischen Form. 137 

eignen Kräften erhalten kann. Das zweite dagegen sorgt 
für das Uebe rieben der Passendsten und damit für die Er- 
haltung und Weiterentwicklung der Art. Dieses zweite 
biologische Gesetz nun lautet ethisch gewendet: Jedes In- 
dividuum soll den Wirkungen seiner eignen Natur und des 
aus ihr resultierenden Verhaltens unterworfen sein. Spencer 
nennt es das Gesetz der „subhuman justice^. Er weist 
darauf hin, wie dieses Gesetz um so klarer hervortritt, je 
höher die Organisation der Tiere ist. 

Eine äusserst wichtige Modifikation erleidet nun dieses 
Gesetz der „unter menschlichen Gerechtigkeit" bei Tieren, 
die in Herdenform leben. Es folgt nach allen Gesetzen 
der Entwicklung, dass ein solches herdenmässiges Zusammen- 
leben sich nur bilden kann, wenn die Vorteile, die es den 
einzelnen Individuen bietet, die aus ihm entspringenden 
Nachteile überwiegen. Die Mitglieder der Herde müssen 
also gewisse Bedingungen erfüllen ; zu dem positiven Element 
der „subhuman justice" tritt ein negatives hinzu. Es lässt 
sich kurz dahin definieren: Das Durchschnittsbetragen darf 
nicht so aggressiv sein, dass es Uebel erzeugt, die das 
durch Kooperation gewonnene Gute überwiegen; oder an- 
ders: Jedes Individuum der Herde hat, indem es das aus 
seiner eignen Natur und seinem eignen Thun quellende 
Gute und Böse empfängt, sein Handeln der Beschränkung 
zu unterwerfen, dass es nicht in irgend einem beträcht- 
lichen Grade in das Handeln aller andern störend eingreift. 
Neben dieser Selbstunterordnung unter das Interesse an- 
derer müssen in Herden, die im Kampf mit andern leben, 
die Individuen sich und ihr eignes Interesse da aufzuopfern 
bereit sein, wo das Wohl der ganzen Herde auf dem 
Spiele steht. 

56. Wie nun menschliches Leben nur eine Weiterent- 
wicklung des untermenschlichen ist, so ist auch die mensch- 
liche Gerechtigkeit nur eine Weiterentwicklung der unter- 
menschlichen. 

Jenes oberste biologische Gesetz, von dessen Befolgung 



138 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

Erhaltung und Gedeihen einer jeden Tierspecies ahhängen, 
und das vorschreibt, dass jedes Individuum die guten and die 
schlimmen Folgen seiner eignen Natur und seines eignen 
Handelns tragen soll, gilt daher auch für die Menschen; 
auch sie können es nicht ungestraft; verletzen. Weiter ent- 
steht nun herdenmässiges Zusammenleben unter Menschen 
im Verlauf der Entwicklung von selbst ; einfach weil es der 
Yarietät, bei der es sich bildet, von Nutzen ist teils durch 
Förderung der allgemeinen Sicherheit, teils durch Erleich- 
terung der Gewinnung des Lebensunterhalts. Natürlich kön- 
nen aber auch in diesem Falle die Yorteile der Kooperation 
nur dann genossen werden, wenn gewissen Erfordernissen, 
die das Zusammenleben auferlegt, entsprochen wird. Es 
entwickelt sich daher von selbst als natürliches Produkt 
menschlichen Lebens unter sozialen Bedingungen ein System 
von Gesetzen, die Beschränkungen des Handelns auferlegen. 
Und so wird auch für menschliches Leben jenes erste und 
ursprüngliche Gesetz der Gerechtigkeit auf dreifache Weise 
qualifiziert 1) durch die Selbstunterordnung, die die Rück- 
sicht auf die Nachkommen auferlegt; 2) durch die Selbst- 
beschränkung, die durch das Zusammenleben erheischt wird 
und 3) durch die teilweise oder vollständige Aufopferung 
des individuellen Lebens in der Yerteidigung der Gattung. 
Spencer sucht nun die Entstehung eines den bisher 
besprochenen thatsächlichen Yerhältnissen korrespondieren- 
den Gefühls, des Gerechtigkeitsgefühls zu erklären. Er 
stützt sich dabei auf den durch geschichtliche und psycho- 
logische Erfahrung festgestellten allgemeinen Satz, dass die 
menschlichen Wesen im stände sind, ihre Gefühle und Yor- 
stellungen progressiv den Lebensweisen anzupassen, die 
ihnen der soziale Zustand auferlegt, in den sie hinein- 
gewachsen sind. Unter den so entstehnden sozialen Ge- 
fühlen ist das allerwichtigste das Gerechtigkeitsgefühl. Es 
setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen, dem egoistischen 
und dem altruistischen Gerechtigkeitsgefühl. Das egoistische 
ist das subjektive Correlat, das dem ersten objektiven Er- 



66. Die Theorie der reinen Gerechtigkeit. 139 

fordernis, das die Gerechtigkeit konstituiert, entspricht, dem, 
dass jeder die Früchte seines eignen Handelns geniessen 
soll. Seine Erklärung bietet keine Schwierigkeiten; es ist 
ein ursprünglicher Bestandteil des Gefühlslebens auch der 
niedern Tiere. Schwerer zu erklären ist die Entstehung 
des altruistischen Gerechtigkeitsgefühls, das dem objektiven 
Erfordernis der Wahrung der gleichen Eechte der andern 
entspricht. Es stehn sich nämlich hier zwei scheinbar 
widersprechende Sätze entgegen, die beide unbestreitbar 
sind. Einmal kann das altruistische Gerechtigkeitsgefühl 
nur entstehn im Lauf der Anpassung an das soziale Leben. 
Zweitens wird aber soziales Leben seinerseits nur möglich 
durch Aufrechterhaltung derjenigen billigen Beziehungen, 
die das altruistische Gerechtigkeitsgefühl voraussetzen. Die 
Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs liegt nun darin, 
dass soziales Zusammenleben ursprünglich nicht durch das 
altruistische Gerechtigkeitsgefühl, sondern, wie Spencer es 
nennt, durch ein proaltruistisches Gefühl möglich gemacht 
wird, als dessen Grundlage er das Gefühl der Furcht nach- 
weist, einer Furcht vor Wiedervergeltung, vor sozialer 
Missbilligung, vor gesetzlicher Bestrafung und göttlicher 
Rache. Indem durch dieses Gefühl die einzelnen Indi- 
viduen von allzu häufigen und schweren Verletzungen der 
Nebenindividuen abgehalten werden, wird soziales Leben 
möglich; und damit sind die Bedingungen gegeben, unter 
denen sich sympathisches Empfinden, die eigentliche Quelle 
des wirklichen altruistischen Gerechtigkeitsgefühls , ent- 
wickeln kann. 

Wir unterscheiden also in der Idee der Gerechtigkeit 
zwei Elemente: erstens ein positives, d. h. der Anspruch 
jedermanns auf ungehinderte Thätigkeit und auf die Ergeb- 
nisse derselben wird anerkannt; und zweitens ein negatives, 
d. h. es besteht ein Bewusstsein der Grenzen, die die Gegen- 
wart anderer Menschen, die dieselben Ansprüche haben, 
nötig macht. Und so finden wir als die zwei Faktoren 
der wahren Gerechtigkeit die Idee der Ungleichheit und 



140 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

die der Gleichheit — insofern einmal ungleicher Betrag von 
Gütern ungleichen Kräften entsprechen soll, und insofern 
zweitens die Grenzen der Handlungssphären für alle gleich 
sein sollen. 

Einseitiges Hervorheben eines dieser zwei Faktoren 
scheint Spencer die Ursache aller falschen moralischen und 
sozialen Theorien; sie enthalten immer nur die Hälfte der 
Wahrheit. Vermieden wird aber jede Inkongruität, wenn 
wir die Idee der Gleichheit auf die Grenzen, die der Un- 
gleichheit auf die Erfolge anwenden. Die allgemeine For- 
mel der Gerechtigkeit hat also sowohl ein positives als 
ein negatives Element zu enthalten. Das positive drückt 
ein Erfordernis aus, das für das Leben im allgemeinen 
gilt; das negative qualifiziert dieses Erfordernis in der 
Weise, die nötig wird, wenn statt eines Lebens allein viele 
zusammen geführt werden sollen. Sie lautet also kurz: 
Freiheit eines jeden, beschränkt allein durch die gleiche 
Freiheit der andern, d. h. jeder hat die Freiheit, zu thun, 
was er will, vorausgesetzt dass er nicht die gleiche Frei- 
heit jedes andern verletzt. 

57. Spencer macht sich nun daran, des weitern eine Reihe 
Corollarsätze aus diesem allgemeinen Prinzip zu entwickeln. 
Sie drücken iti Wahrheit sogenannte „Rechte der Indi- 
viduen*" aus. Sein Gedankengang ist dabei folgender: 
Geben wir zu, dass jedermann eine gewisse beschränkte 
Freiheit geniessen muss, so sagen wir damit, dass es recht 
ist, dass er diese beschränkte Freiheit haben soll. Können 
wir also in den einzelnen Fällen zeigen, dass ihm die Frei- 
heit, bis zu einer gewissen Grenze, aber nicht über sie 
hinaus zu handeln, zusteht, so geben wir damit zu, dass 
es recht ist, dass er die bestimmte, so definierte Freiheit 
haben soll. Und deshalb werden die bestimmten, aus dem 
Gesetz der gleichen Freiheit deducierbaren Freiheitsbefug- 
nisse mit Recht seine „Rechte" genannt. 

Spencer sucht nun von allen diesen Rechten nachzu- 
weisen einmal, dass sie mit gewöhnlichen ethischen Be- 



67. Die natarlichen Rechte. 141 

griffen zuBammenfallen, und ferner, dass sie im Lauf der 
Kulturentwicklung zum grössten Teil auch gesetzlich er- 
zwingbar werden. XJeberall betont er, dass ihre Quelle 
nicht das positive Gesetz ist, sondern dass umgekehrt das 
Gesetz selbst seine höhere Berechtigung von ihnen ableitet. 
Er behandelt so des nähern das Recht auf physische 
Integrität, auf Freiheit der Bewegung und Ortsveränderung, 
auf den Gebrauch der natürlichen Media wie Licht, Luft 
und Land. Unter dem Titel Eigentumsrecht erörtert er 
die Schwierigkeiten, die einer ethischen Rechtfertigung des 
Eigentums an Grund und Boden entgegenstehn. Die An- 
erkennung dieses Rechts scheint ihm überall ursprünglich 
auf einer Anerkennung der natürlichen Beziehung zwischen 
Anstrengung und Lohn zu beruhen. Weitere Rechte sind 
das Eigentumsrecht an unkörperlichen Sachen, das Recht 
zu schenken und zu testieren, das Recht auf Tausch- und 
Vertragsfreiheit, auf Gewerbefreiheit, auf Glaubens-, Rede- 
und Druckfreiheit. Damit glaubt Spencer den Umfang der 
zutreffenderweise sogenannten Rechte erschöpft zu haben. 
Sie sind alle ableitbar aus dem Gesetz der gleichen Frei- 
heit, dem Grundgesetz alles sozialen Lebens. Wie steht es 
nun mit den sogenannten politischen Rechten, um die sich 
doch eigentlich immer der Kampf der Parteien gedreht 
hat? Darauf antwortet Spencer: Niemand hat einen natür- 
lichen Anspruch auf solche politischen Rechte, wie etwa das 
Recht, einen Stimmzettel abzugeben, Geschworener zu sein 
u. s. w. Wenn die Rechte eines Menschen nur ebenso- 
viele Ausschnitte aus der allgemeinen Freiheit sind, seine 
Lebenszwecke zu verfolgen innerhalb solcher Schranken, 
wie sie sich aus der Anwesenheit anderer ergeben, die 
gleiche Zwecke verfolgen, dann besitzt er, wenn seine Frei- 
heit in keiner weitern Weise beschränkt ist, alle seine 
Rechte. Wir müssen uns hier davor hüten, Mittel für 
Zwecke zu halten und den Mitteln nachzujagen bis zur 
Missachtung der Zwecke. Nun ist aber der Staat nichts 
anderes als ein Werkzeug zur Aufrechterhaltung der eigent- 



140 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

die der Gleichheit — insofern einmal ungleicher Betrag von 
Gütern ungleichen Kräften entsprechen soll, und insofern 
zweitens die Grenzen der Handlungssphären für alle gleich 
sein sollen. 

Einseitiges Hervorheben eines dieser zwei Faktoren 
scheint Spencer die Ursache aller falschen moralischen und 
sozialen Theorien; sie enthalten immer nur die Hälfte der 
Wahrheit. Vermieden wird aber jede Inkongruität, wenn 
wir die Idee der Gleichheit auf die Grenzen, die der Un- 
gleichheit auf die Erfolge anwenden. Die allgemeine For- 
mel der Gerechtigkeit hat also sowohl ein positives als 
ein negatives Element zu enthalten. Das positive drückt 
ein Erfordernis aus, das für das Leben im allgemeinen 
gilt; das negative qualifiziert dieses Erfordernis in der 
Weise, die nötig wird, wenn statt eines Lebens allein viele 
zusammen geführt werden sollen. Sie lautet also kurz: 
Freiheit eines jeden, beschränkt allein durch die gleiche 
Freiheit der andern, d. h. jeder hat die Freiheit, zu thun, 
was er will, vorausgesetzt dass er nicht die gleiche Frei- 
heit jedes andern verletzt. 

57. Spencer macht sich nun daran, des weitern eine Reihe 
Corollarsätze aus diesem allgemeinen Prinzip zu entwickeln. 
Sie drücken iii Wahrheit sogenannte „Rechte der Indi- 
viduen** aus. Sein Gedankengang ist dabei folgender: 
Geben wir zu, dass jedermann eine gewisse beschränkte 
Freiheit geniessen muss, so sagen wir damit, dass es recht 
ist, dass er diese beschränkte Freiheit haben soll. Können 
wir also in den einzelnen Fällen zeigen, dass ihm die Frei- 
heit, bis zu einer gewissen Grenze, aber nicht über sie 
hinaus zu handeln, zusteht, so geben wir damit zu, dass 
es recht ist, dass er die bestimmte, so definierte Freiheit 
haben soll. Und deshalb werden die bestimmten, aus dem 
Gesetz der gleichen Freiheit deducierbareu Freiheitsbefug- 
nisse mit Recht seine „Rechte" genannt. 

Spencer sucht nun von allen diesen Rechten nachzu- 
weisen einmal, dass sie mit gewöhnlichen ethischen Be- 



57. Die natärlichen Rechte. 141 

griffen zusammenfallen, und ferner, dass sie im Lauf der 
Kulturentwicklung zum grössten Teil auch gesetzlich er- 
zwingbar werden. Ueberall betont er, dass ihre Quelle 
nicht das positive Gesetz ist, sondern dass umgekehrt das 
Gesetz selbst seine höhere Berechtigung von ihnen ableitet. 
Er behandelt so des nähern das ßecht auf physische 
Integrität, auf Freiheit der Bewegung und Ortsveränderung, 
auf den Gebrauch der natürlichen Media wie Licht, Luft 
und Land. Unter dem Titel Eigentumsrecht erörtert er 
die Schwierigkeiten, die einer ethischen Rechtfertigung des 
Eigentums an Grund und Boden entgegenstehn. Die An- 
erkennung dieses Rechts scheint ihm überall ursprünglich 
auf einer Anerkennung der natürlichen Beziehung zwischen 
Anstrengung und Lohn zu beruhen. Weitere Rechte sind 
das Eigentumsrecht an unkörperlichen Sachen, das Recht 
zu schenken und zu testieren, das Recht auf Tausch- und 
Vertragsfreiheit, auf Gewerbefreiheit, auf Glaubens-, Rede- 
und Druckfreiheit. Damit glaubt Spencer den Umfang der 
zutreffenderweise sogenannten Rechte erschöpft zu haben. 
Sie sind alle ableitbar aus dem Gesetz der gleichen Frei- 
heit, dem Grundgesetz alles sozialen Lebens. Wie steht es 
nun mit den sogenannten politischen Rechten, um die sich 
doch eigentlich immer der Kampf der Parteien gedreht 
hat? Darauf antwortet Spencer: Niemand hat einen natür- 
lichen Anspruch auf solche politischen Rechte, wie etwa das 
Recht, einen Stimmzettel abzugeben, Geschworener zu sein 
u. s. w. Wenn die Rechte eines Menschen nur ebenso- 
viele Ausschnitte aus der allgemeinen Freiheit sind, seine 
Lebenszwecke zu verfolgen innerhalb solcher Schranken, 
wie sie sich aus der Anwesenheit anderer ergeben, die 
gleiche Zwecke verfolgen, dann besitzt er, wenn seine Frei- 
heit in keiner weitern Weise beschränkt ist, alle seine 
Rechte. Wir müssen uns hier davor hüten, Mittel für 
Zwecke zu halten und den Mitteln nachzujagen bis zur 
Missachtung der Zwecke. Nun ist aber der Staat nichts 
anderes als ein Werkzeug zur Aufrechterhaltung der eigent- 



144 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

alle seine andern Thätigkeiten als solche definieren, durch 
die er sich in die Führung des Lebens selbst einmischt, 
indem er den Individuen entweder hilft oder sie lenkt 
oder ihre Thätigkeiten beschränkt. Gegen diese Ausdehn- 
ung der staatlichen Thätigkeit scheinen Spencer Gründe von 
zweierlei Art zu sprechen. Sie ist zu verdammen sowohl 
vom Standpunkt der Gerechtigkeit, als von dem der Nütz- 
lichkeit. 

Alle weitern Thätigkeiten des Staates sind nämlich 
zuletzt Handlungen, die die Freiheit vieler Individuen mehr 
beschränken, als durch die Aufrechterhaltung der gleichen 
Freiheit aller andern Individuen erheischt wird. Sie be- 
deuten also einen Bruch des Gesetzes der gleichen Freiheit. 
Bedeutet aber Gerechtigkeit die Freiheit eines jeden, be- 
schränkt allein durch die gleiche Freiheit der andern, dann 
ist die Auferlegung jeder weitern Beschränkung eine Un- 
gerechtigkeit, ganz einerlei, ob die Macht, von der sie aus- 
geht, ein König, eine Aristokratie oder die Majorität einer 
Demokratie ist. Jenes Recht der gleichen Freiheit und die 
aus ihm abgeleiteten besondern Rechte existieren nicht durch 
die Autorität des Staates, sondern der Staat seinerseits exi- 
stiert nur als ein Mittel zu ihrer Aufrechterhaltung. Ver- 
letzt er sie aber, statt sie zu schützen, so thut er Unrecht, 
statt Unrecht zu verhüten. Das ist der Kern der Aus- 
führungen, die Spencer vom Standpunkt der Ethik gegen 
eine weitere Ausdehnung der Staatsthätigkeit richtet. 

Die zahlreichen andern Argumente, die Spencer in 
allen möglichen Formen gegen den Staatssozialismus vor- 
gebracht hat, lassen sich zuletzt auf zwei Grundgedanken 
zurückführen, von denen der eine in der Soziologie, der 
andere in der Psychologie wurzelt. 

Die meisten Menschen haben infolge eines schwach 
ausgebildeten Kausalbewusstseins und aus Mangel an kon- 
struktiver Einbildungskraft nur einen äusserst verstümmelten, 
unklaren Begriff von dem Wesen einer Gesellschaft. Sie 
erscheint ihnen als etwas weit Einfacheres, als sie in Wirk- 



58. Der Staat und die Grenzen seiner Thätigkeit. 145 

lichkeit ist, als etwas künstlich Gemachtes, das nach Be- 
lieben umgemodelt werden kann. Sie verkennen die wahren 
Ursachen und die treibenden Kräfte, die ihr Sein, ihre 
Entwicklung und ihren Verfall bestimmen, und sie sehn 
statt dessen immer nur in Personen die wirkenden Agentien. 
Spencer dagegen ist durchdrungen von der Vorstellung, 
dass die Gesellschaft ein lebendiger, ungemein komplizierter 
Organismus ist; er hat einen Blick gethan in das unendlich 
verwickelte Getriebe der sozialen Bestrebungen und Zu- 
sammenhänge ; er hat eine Reihe der bestimmenden Grund- 
kräfte, die immer wirkten und immer wirken werden, er- 
kannt. Sein Glaube an die natürlichen Kräfte und ihre 
vis medicatrix ist daher eben so gross, wie sein Vertrauen 
auf menschliches, gewolltes Eingreifen schwach ist. Er 
glaubt der menschlichen Einsicht die Kompetenz in einer 
Frage absprechen zu müssen, deren Lösung Allwissenheit 
und Allmacht voraussetzt. — 

Nun die zweite Quelle seiner Ansichten: seine Auf- 
fassung der menschlichen Natur. Heutzutage glaubt eigent- 
lich niemand mehr an papierne Konstitutionen ; der Glaube 
an papierne soziale Institutionen dagegen steht noch in 
voller Blüte. Er erscheint Spencer gleich unhaltbar. Nur 
die Institutionen taugen etwas, die dem durchschnittlichen 
Charakter der Menschen entsprechen. Nicht die Institutionen 
machen die Menschen, sondern sie sind selbst ein natur- 
notwendiger Ausfluss des menschlichen Wesens. Der mensch- 
liche Charakter selbst aber ist das Resultat einer vieltausend- 
jährigen Geschichte, in der sich die Menschheit allmählich 
aus dem antisozialen Zustand ewiger Kriege zu dem heutigen 
vergleichsweise sozialen Zustand emporgeschwungen hat. 
Eine Reihe von Zügen, die in jenen vergangenen Zeiten 
wilder Kämpfe und ungezügelter Leidenschaften sich aus- 
gebildet haben und damals den Menschen zur Behauptung 
im Kampf ums Dasein geschickt machten, belasten ihn noch 
heute und bilden die Quelle des meisten Elends und Un- 
friedens in der Gesellschaft. So wenig Spencer aber eine 

Gaupp, Spencer. 10 



146 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

TJnveränderlichkeit des menschlichen Charakters behauptet, 
so durchdrungen ist er von der Ansicht, dass jede Ver- 
änderung nur eine ganz allmähliche und stetige sein kann. 
Erziehen und Predigen helfen hier so gut wie nichts ; wirk- 
sam ist nur die ununterbrochene, langsame und oft grau- 
same Zucht, die durch die Natur der Verhältnisse geübt 
wird. — Wie wichtig gerade dieser Gesichtspunkt Spencer 
erscheint, erhellt aus folgendem interessanten Brief, den 
er an den Verfasser dieser Schrift gerichtet hat. „Unter 
den Ansichten, schreibt er, auf die ich besondern Nach- 
druck gelegt sehn möchte, ist vielleicht die praktisch wich- 
tigste eine, der ich von Zeit zu Zeit Ausdruck gegeben 
habe, nämlich, dass eine dauernde Verbesserung einer Ge- 
sellschaft unmöglich ist ohne eine Verbesserung der Indi- 
viduen, dass die Gesellschaftstypen und ihre Thätigkeits- 
formen notwendig bestimmt sind durch den Charakter ihrer 
Einheiten, und dass sie sich trotz aller oberflächlichen Um- 
modlungen ihrem Wesen nach nicht schneller ändern 
können, als sich die Individuen ändern, und dass deshalb 
alle jene Pläne schneller und fundamentaler Reorganisation, 
die heute so viele Leute bezaubern, erfolglos sein müssen 
und einfach mit einer Rückkehr zu einem Zustand enden 
werden, der sich von dem frühern nur seiner oberflächlichen 
Form nach unterscheidet. Es ist gerade so unmöglich aus 
inferioren Menschen durch eine besondere Art sozialer 
Arrangierung eine gute Gesellschaft zu machen, als es un- 
möglich ist, aus schlechtem Baumaterial durch eine besondere 
Baumethode ein gutes Haus zu bauen. Ich glaube jedoch, 
dass keine Argumente, so schlagend sie auch sein mögen, 
irgend welche Wirkung haben werden ; denn in den grossen 
Rhythmen sozialer Veränderungen sind die wirkenden Kräfte 
zu mächtig, als dass sie sich durch individuelle Einflüsse 
kontrollieren Hessen. Ich glaube, dass der Sozialismus un- 
vermeidlich ist, dass er aber das grösste Unglück sein wird, 
das die Welt je erlebt hat, und dass er in einem Militär- 
despotismus der schärfsten Form enden wird." 



59. Positives und negatives Wohlthun. 147 

Spencer hat seitdem im dritten Band der Soziologie 
diese pessimistische Prophezeiung über die nächste Zukun ft 
der europäischen Völker wiederholt. Ein Ueberblick über 
die Tendenzen unserer Zeit seheine den Schluss unabweis- 
bar zu machen, dass wir einem Staat entgegentreiben, in 
dem „kein Mann thun kann, was ihm beliebt, sondern 
jeder thun muss, was er geheissen wird". Spencer hat 
sich aber durch seine trübe Auffassung der nächsten Zu- 
kunft seinen Glauben an den schliesslichen sozialen Fort- 
schritt der menschlichen Rasse nicht erschüttern lassen. 
Die sozialistische Phase wird vorübergehn, und die Mensch- 
heit wird ihren Marsch wiederaufnehmen in das gelobte 
Land, wo das Gesetz der gleichen Freiheit für alle ver- 
wirklicht ist, und wo die Anpassung der menschlichen Natur 
an den sozialen Zustand vollkommen sein wird. 

59. Gerechtigkeit ist das Fundament des sozialen Zu- 
sammenlebens; soll es aber seine höchste Vollendung er- 
reichen, so muss die Gerechtigkeit durch Liebe und Sym- 
pathie ergänzt werden. Von der Rolle, die diese im Haus- 
halt des sozialen Zusammenlebens zu spielen haben, han- 
delt der Schluss der sozialen Ethik, die zwei Abschnitte 
„vom negativen und positiven Wohlthun". 

So interessant sie nun an sich sind, an organischer 
Wichtigkeit für das Ganze des Systems kommen sie dem 
ersten Abschnitt nicht gleich. Der ungemein gesteigerten 
Komplexität der hier behandelten Phaenomene gegenüber 
versagt die deduktive Methode. Die ethischen Prinzipien, 
die Spencer hier aufstellt, sind nicht oder nur zum kleinen 
Teil aus den allgemeinen Gesetzen des Lebens abgeleitet; 
ihre „Affiliation" an die Lehre der Entwicklungstheorie ist 
relativ schwach, und sie beruhen daher wesentlich auf einer 
rein empirischen Grundlage. 

In der Lehre von der „Gerechtigkeit" konnte von dem 
rein persönlichen Element abstrahiert werden, und mit dem 
in ihr vorherrschenden Grundbegriff der Idee der Gleich- 
heit war auch die Idee des Masses und damit die Mög- 

10* 



148 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

m 

liohkeit annähernd exakt wissenschaftlicher Schlüsse ge- 
geben. In der Lehre vom „Wohlthun" fehlt es an einer 
solchen Direktive, und in sie musste die ^^persönliche Gleich- 
ung" notwendig eintreten. Dieser Missstand verhindert 
jedoch nicht, dass die evolutionäre Denkweise auch diese 
Abschnitte durchdringt und manches neue Licht auf das 
verwickelte Problem des Wohlthuns wirft, in dessen Lösung 
Kopf und Herz so vielfach im Widerspruch stehn, und in 
der gerade in unserer Zeit der „wirtschaftliche*' Mensch 
und der „Gefühlsmensch" so oft hart zusammenstossen. 
Spencers Behandlung des Problems hat daneben eine ßeihe 
weiterer Verdienste. Sie betrachtet die Frage von allen 
Seiten ; sie untersucht nicht nur überall, welches die un- 
mittelbaren Folgen „wohlthätiger" Handlungen für Thäter 
und Empfanger sind, sondern sie zieht überall auch die 
mittelbaren in Betracht und ergänzt diese Betrachtung 
durch eine Erwägung der Folgen, die sie für die von bei- 
den abhängigen Personen und die Gesellschaft im allge- 
meinen haben müssen. Das von ihm beobachtete Ver- 
fahren giebt den oft »konfusen und sich widersprechenden 
landläufigen Ideen über das Wohlthun" Zusammenhang, 
und seine etwas fremdartige, aber sinnreiche Klassifikation 
ermöglicht es, den Gegenstand der Untersuchung in alle 
seine Verzweigungen bis herab zur Ethik der Kleidung und 
des Salons zu verfolgen. 

Die Ethik des sozialen Lebens hat es mit altruistischen 
Handlungen zu thun, d. h. allen denen, „die zum Glück der 
Nebenmenschen entweder negativ durch Selbstbeschränk- 
ung oder positiv durch Anstrengung für ihr Wohl bei- 
tragen". Alle diese Handlungen fallen unter die zwei 
Unterabteilungen der Gerechtigkeit und des Wohlthuns. 
Jene besteht „in einer sympathischen Anerkennung der An- 
sprüche anderer auf freie Thätigkeit und die Früchte ihrer 
freien Thätigkeit", dieses „iti der sympathischen Anerkenn- 
ung der Ansprüche anderer auf Hülfe in der Erlangung 
dieser Früchte und in der Bessergestaltung ihres Lebens". 



59. Positives und negatives Wohlthun. 140 

Diese Unterscheidung scheint Spencer von fundamen- 
taler Bedeutung zu sein. Das Gesetz der Gerechtigkeit 
ist das primäre; seine Befolgung ist die conditio sine qua 
non fiir ein soziales Zusammenleben, und ihre Erzwingung 
ist daher Aufgabe des Staates. Das Gesetz des Wohlthuns 
ist ihm gegenüber yon sekundärer Bedeutung; das erste 
darf seinetwegen nicht gebrochen werden. Es geht des- 
halb nur das Individuum als solches und nicht den Staat 
an. „Jedes Wohlthun, das die Gesellschaft in ihrer korpo- 
rativen Eigenschaft ausübt, muss darin bestehn, dass 
sie den einen Teil des Ertrags ihrer Thätigkeit weg- 
nimmt, um ihn andern zu geben, deren Thätigkeit nicht 
so erfolgreich war. Wendet sie dabei Zwang an, so greift 
sie in die natürlichen Beziehungen zwischen dem Verhalten 
und seinen Folgen ein und verletzt so das primäre Ge- 
setz des sozialen Zusammenlebens**. . . . Eine Verwischung 
des fundamentalen Unterschieds zwischen Gerechtigkeit und 
Wohlthun seitens des Staates muss nach Spencers Ansicht 
zu einer Entmutigung des Pleisses und . Wohlverhaltens, 
zu allmählicher körperlicher und geistiger Entartung und 
schliesslich zu Anarchie und Kommunismus führen. 

Das „Wohlthun" selbst teilt Spencer dann ein in „ne- 
gatives" und „positives". Jenes charakterisiert sich durch 
„Passivität in Wort und Rat in Fällen, wo ein egoistischer 
Vorteil oder Lust durch Handeln gewonnen werden könnte", 
während dieses alle Handlungen umfasst, die „das Opfer 
eines wirklichen oder potentiellen Besitzes zu Gunsten 
eines oder mehrerer andern involvieren". Die moralische 
Sanktion beider Arten des Handelns findet Spencer darin, 
dass sie zu unmittelbarem oder künftigem Glück oder bei- 
dem zugleich beitragen und infolge davon zur Erhaltung 
der Art, insofern diese als der Empfanger des vermehrten 
Glücks zu betrachten ist. 

Unter der Kategorie „Negatives Wohlthun" wird dann 
im einzelnen untersucht, welche innere Schranken das Han- 
deln des moralischen Menschen in Bezug auf die Kon- 



150 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

karrenz, die Erzwingung von Kontrakten, unverdientes 
Schenken, das Erteilen von Lob und Tadel u. s. w. be- 
stimmen werden. Mit dem Kapitel „Eheliches Wohlthun" 
geht er zum positiven Wohlthun über und untersucht seine 
Berechtigung im sozialen und politischen Leben, in den 
Beziehungen zwischen Ehegatten, zwischen Eltern und 
Kindern, in dem Verhalten gegen Kranke und Gefährdete, 
gegen Arme, gegen unterstützungsbedürftige Freunde u.s.w. 

Zu den interessantesten Kapiteln gehört das mit der 
etwas seltsamen Ueberschrift „Politisches Wohlthun**; es 
ist voll bitterer, aber heilsamer Wahrheiten für Politiker, 
wie für Wähler. Ich kann mir Dicht [versagen, ein paar 
Proben zu geben. Hier eine Pille für den „Nichtpolitiker**, 
der sich auf seine politische Teilnahmlosigkeit noch etwas 
zu gut thut: „Unter einem politischen System wie das, 
in das wir hineingewachsen sind, ist Teilnahme am poli- 
tischen Leben die Pflicht eines jeden Bürgers; ihre Nicht- 
erfülIuDg ist zugleich kurzsichtig, undankbar und gemein. 
Kurzsichtig, weil Enthaltung, wenn sie allgemein würde, 
Verfall aller guten Einrichtungen, die bestehn, bedeutete; 
undankbar, weil sich Nicht-Kümmern um die guten Ein- 
richtungen, die patriotische Vorfahren hinterlassen haben, 
unsere Schuld gegen sie ignorieren heisst; gemein, weil 
Nutzen aus solchen Einrichtungen zu ziehn, ihre Erhaltung 
und Verbesserung aber andern zu überlassen, Geneigtheit 
verrät, Wohlthaten zu empfangen, aber nicht zu vergelten." 

Und hier eine andere Pille für den Parteifanatiker: 
„Ja aber Parteiloyalität erfordert diese Opfer der Ueber- 
zeugungl Ja, Parteiloyalität ist zu einer eingebildeten 
Tugend geworden, der die wirkliche Tugend der Wahr- 
haftigkeit geopfert wird. Woher kommt sie, diese angeb- 
liche Tugend der Parteiloyalität P In welch ethischem System 
findet sie einen Platz? Sie ist nichts anders als eine un- 
ehrliche Art des Handels, vermummt in eine euphemistische 
Phrase, Nichtsnutz im Gewand des Verdienstes.** 

Spencer schliesst die Ethik mit einer sehr schönen 



69. Positives und negatives Wohlthan. 151 

Stelle, die seltsam an Worte im Zarathustra gemahnt, in 
denen Nietzsche vom Menschen fordert, er solle sich als 
„Brücke zum üebermenschen*' betrachten. Der strenge 
Philosoph wird zum Seher und malt ein luftiges Ideal, das 
dem flüchtigen Leben des Einzelmenschen einen neuen und 
höhern Sinn giebt, ein Ideal freilich, das, um als Motiv 
zu wirken, eine Tiefe der Resignation und eine Weite der 
Sympathie voraussetzt, wie sie nur wenigen auserlesenen 
Greistern eigen sind. „Dereinst — so lauten die Schluss- 
worte des Systems der synthetischen Philosophie — wird 
es höchster Ehrgeiz des Wohlthuenden sein, Teil zu habenL 
— wenn auch nur einen unaussprechlich kleinen und un* 
bekannten Teil — am ,Machen der Menschen'. Die Er- 
fahrung lehrt, dass sich zuweilen äusserstes Interesse an 
die Verfolgung völlig selbstloser Zwecke knüpfen kann; 
und im Laufe der Zeit werden der Menschen mehr und 
mehr werden, deren selbstloser Zweck die Höherentwick- 
lung der Menschheit sein wird. Indem sie von den Höhen 
des Gedankens hinausschauen auf jenes in weiter Zukunft 
liegende Leben ihrer Rasse, dessen nicht sie, sondern erst 
ihre entfernten Nachkommen sich erfreuen sollen, wird 
ihnen ein stilles Glück aus dem Bewusstsein erblühen, mit- 
geholfen zu haben am Vormarsch in jenes Land der Zu- 
kunft ^ 



Schluss. 

Wir stehn jetzt am Ende unserer langen Wanderung 
durch den grossartigen Gedankenbau, den Herbert Spencer 
mit unermüdlichem Fleiss und nie verzagender Beharrlich- 
keit ausgeführt hat. Wir haben ihn mit schnellen Schritten 
durcheilt und uns nur da und dort etwas länger aufgehalten. 
Der Eindruck, den eine so eilige Wanderung hinterlässt, 
muss notwendig, wie wir schon in der Einleitung prophe- 
zeiten, mehr oder weniger oberflächlicher Natur sein; er 
wird aber doch hinreichen, uns davon zu überzeugen, dass 
wir in dem System der synthetischen Philosophie ein Monu- 
mentalwerk vor uns haben, das seinem Schöpfer immer 
einen Platz unter den geistigen Heroen der Menschheit 
sichern muss. Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, 
welch gewaltige Anforderungen eine Aufgabe, wie Spencer 
sie sich stellte, an Charakter und Willen richten muss; 
nicht geringer sind aber die intellektuellen Voraussetzungen. 
Alle Beharrlichkeit und aller Fleiss hätten nichts geholfen, 
wenn sich nicht mit ihnen ein geradezu encyclopädisches 
Wissen, ein ebenso weiter als tiefer Blick, eine Meisterschaft 
der Methode und eine erstaunliche Kraft in der Beherrschung 
und Organisierung von Ideen — wie das Spencers vor- 
nehmste intellektuelle Tugenden sind — vereinigt hätten. 
Es ist menschlich und rührend, wenn Spencer, der sonst 
alles Hervorheben seiner Persönlichkeit aufs strengste ver- 
meidet, in der Vorrede zum letaterschienenen Band des 
Systems mit einer kurzen Bemerkung verrät, wie „ihn selbst 
Erstaunen über die Kühnheit seines Unternehmens und noch 
grösseres Erstaunen über seine Vollendung ergreift **. Und 
es ist nicht ohne Pathos, wenn er fortfahrt: „Unkluges 
Handeln schlägt nicht immer fehl. Und zuweilen wird 
eine verlorene Hoffnung durch den Erfolg gerechtfertigt. 



60. Schluss. 153 

Zwar haben mich neben manch anderm viele Rückfalle, 
die bald Wochen, bald Monate und einmal viele Jahre 
dauerten, oft am Erreichen meines Zieles verzweifeln lassen, 
aber nun ist das Ziel endlich doch erreicht. In frühern 
Tagen hätte zweifellos mein Herz höher geschlagen; wenn 
aber hohes Alter über uns schleicht, werden die Gefühle 
schwächer, und nun ist meine Hauptfreude meine Emanci- 
pation. Befriedigung gewährt allerdings das Bewusstsein, 
dass Verluste, Entmutigung und verlorene Gesundheit mich 
nicht abgehalten haben, den Zweck meines Lebens zu er- 
füllen". Das sind stolz bescheidene Worte, und niemand 
hat mehr Recht, sie zu äussern, als Spencer. 

Wir haben uns in den vorangehnden Kapiteln im we- 
sentlichen referierend verhalten ; kritische Bemerkungen 
finden sich nur da und dort. Diese, wenn man will, „un- 
kritische" Haltung scheint mir durch zwei Erwägungen ge- 
rechtfertigt. Einmal ist der Zweck des vorliegenden Buches, 
eine Einführung in die Spencersche Philosophie, nicht eine 
Kritik derselben zu geben, und dann schien mir eine 
eigentliche Kritik im Rahmen unserer Darstellung über- 
haupt unmöglich zu sein. Eine fruchtbare Kritik der 
Spencerschen Philosophie, d. h. eine Kritik, die nicht nur 
apodiktische Behauptungen aufstellen, sondern einen Be- 
weis für sie antreten wollte, müsste nämlich zehnmal den 
Raum füllen, auf den unsere bescheidene Einleitung be- 
rechnet war. Nicht liegt dagegen unserer Enthaltung von 
einer Kritik die Ansicht zu Grunde, das? das Spencersche Sy- 
stem über Kritik erhaben sei oder ihr nicht manche sehr 
diskutable Anhaltspunkte bieten würde. Dass ein System wie 
das Spencers, das alles im Himmel und auf Erden in den 
Kreis seiner Betrachtung zieht, in vielen Einzelfragen irren 
muss, ist bei der Beschränktheit auch des höchsten Intel- 
lektes apriori wahrscheinlich und liesse sich aus Spencers 
Schriften ohne zu grosse Mühe beweisen. Das ist selbst- 
verständlich; aber auch in vielen Hauptpunkten scheint mir 
sein System legitimen Anlass zur Kritik zu geben. Sie 



164 Zweiter Teil. Spencers Werk. 

könnte z. B. darauf hinweisen, dass die „Vereinheitlichung 
des Wissens", die Spencer erstrebt, an vielen Stellen mehr 
scheinbar als wirklich sei, so besonders wo es sich um 
die Korrelation zwischen geistiger und physischer Evolution 
handelt; sie könnte zeigen, dass die Lehre vom Unerkenn- 
baren, die die metaphysische Basis des ganzen Systems ab- 
giebt, bedenkliche Widerspruche berge und an sich kaum 
ausreiche, dem System einen monistischen Charakter zu 
wahren; sie könnte in seinen Ansichten über das Verhält- 
nis von Geist und Materie Unklarheiten und Schwankungen 
finden, die eine dualistische Auffassung nahe legen, u. s. w. 
Das alles und vieles andere könnte die Kritik thun; zwei 
Hauptverdienste wird sie aber Spencer nie absprechen 
können : er hat zuerst die revolutionierende Bedeutung des 
EntwicklungsbegriiBfes völlig erkannt, ihn erschöpfend defi- 
niert und zur Basis eines folgerichtigen realistischen Sy- 
stems gemacht; und er hat in einer alexandrinischen Zeit, 
die immer mehr und immer ausschliesslicher in Spezial- 
studien zu versinken drohte, mit aller Macht darnach ge- 
strebt, die Einheit des Wissens nachzuweisen : zu zeigen, 
wie in allen speciellen Wissenschaften dieselben allgemeinen 
Gesetze gelten, und wie ihr letzter Sinn nur verstanden 
wird, wenn wir sie als Teile eines harmonischen Ganzen 
auffassen. 

Der Entwicklungsbegrifif hat ohne Zweifel in der klas- 
sischen deutschen Philosophie immer eine hervorragende 
Rolle gespielt; während er von ihr aber stets idealistisch 
und teleologisch gefasst wurde, ist er für Spencer eine 
wissenschaftliche Theorie, die sich auf eine umfassende 
Analyse der Erfahrungsthatsachen gründet, und die, alles 
teleologische ausschliessend, sich in mechanischen Aus- 
drücken wiedergeben lässt. Darin unterscheidet sich eben 
Spencers Entwicklungslehre grundsätzlich von der eines 
Schell ing und Hegel, mit denen sie auf den ersten Blick 
so vieles Verwandte zu haben scheint, dass Spencer nirgends 
den Boden der Wissenschaften verlässt, dass er nirgends 



60. Schlnss. 155 

mit Begriffen operiert, die metaphysischer Natur sind 
and deshalb eine wissenschaftliche Yerifikation nicht zu- 
lassen, sondern dass alle seine Denksymbole der Natur 
sind, dass sie sich schliesslich in Ausdrücke der sinnlichen 
Erfahrung auflösen lassen. Spencers Philosophie ist eben ' 
deshalb, weil sich ihr System ausschliesslich aus den Er- 
gebnissen der positiven Wissenschaften aufbaut, selbst posi- 
tiv. Sie unterscheidet sich aber von Comtes „positiver 
Philosophie", die eine blosse Encyclopädie der Wissenschaften 
oder bestenfalls ein Organ wissenschaftlicher Methoden ist, 
dadurch, dass sie durch eine glückliche Verwertung des 
Entwicklungsgesetzes zu einem wirklichen System mit „archi- 
tektonischem Zusammenhang" wird. 

Gerade dieser systembildende Zug in Spencers Philo- 
sophie ist um so anerkennenswerter, weil er selbst aus 
dem Boden der englischen Erfahrungsphilosophie hervor- 
gewachsen ist, die seit Bacons und Hobbes Zeiten auch 
nicht einmal den Versuch gemacht hat, die Einzelerkennt- 
nisse zur Totalität einer Weltanschauung zusammenzu- 
schliessen. In unserer Zeit aber entspricht ein solcher Ver- 
such einem um so wirklicheren Bedürfnis, als sich die 
Wissenschaft unter dem Zeichen der Arbeitsteilung mehr 
und mehr in Specialitäten und Specialitätchen verzweigt 
hat, die von einander mehr oder weniger unabhängig ihre 
ganze Kraft immer nur auf einen bestimmten und oft recht 
winzigen Ausschnitt aus dem Weltganzen richten und eben- 
deshalb dem ewigen Streben der menschlichen Vernunft 
nach Einheit der Weltanschauung nicht genügen können. 
Die einzelnen Wissenschaften gleichen, mit Schopenhauer 
zu reden, vielfach einem Orchester, dem der Kapellmeister 
fehlt. Jede spielt ihr Instrument ohne Rücksicht auf die 
andern und ohne Rücksicht auf das Ganze, in dem sie allein 
Sinn und Bedeutung erhält. Der Kapellmeister, der diesem 
üebelstand abhilft und die einzelnen Stimmen zu einem 
harmonischen Ganzen vereinigt, ist im grossen Reich der 
Wissenschaften die Philosophie, wie Spencer sie auffasst. 






»- •• 



* *~0* x 






156 Zweiter Teil Spencers Werk. 

Es bleibt mir jetzt nur noch übrig zweier Werke Spencers, 
die nicht in den Rahmen der Darstellung des Systems fallen 
wollten, mit einem Wort zu gedenken; ich meine die Samm- 
lung seiner Essays und seine paedagogischen Schriften. 

Die endgültige Sammlung der Essays (Essays : scientific, 
political and speculative), die im Jahr 1891 erschien und 
in drei Bänden 47 Aufsätze enthält, die im Verlauf von etlichen 
40 Jahren geschrieben worden sind, giebt eine Anordnung 
der Essays in jedem Band nach der Zeit ihres Erscheinens, 
in allen Bänden zusammen nach dem Stoff, den sie be- 
handeln. Der erste Band enthält die Essays, in denen die 
Idee der Entwicklung sowohl im allgemeinen als im spezi- 
ellen im Vordergrund steht. Die Essays des zweiten Ban- 
des, die sich mit Fragen der Philosophie, der abstrakten 
und konkreten Wissenschaften und der Aesthetik beschäf- 
tigen, sind zwar auch alle evolutionistisch ; ihr Evolutionis- 
mus ist aber mehr ein zufalliger als ein notwendiger. Und 
dasselbe gilt für die Essays des dritten Bandes, die 
ethische, politische und soziale Fragen behandeln. Das 
Studium der Essays bildet eine gute Einleitung und Vor- 
bereitung für das Studium des Systems, dessen Stil ge- 
drängter, mehr abstrakt und deshalb schwerer verständlich 
ist. In den Essays findet der Anfänger alle charakteri- 
stischen Lehren Spencers und zwar dargestellt in einem 
klaren, einfachen und populären Stil, wie er die Werke 
so vieler englischen Denker auszeichnet, und in ihren ab- 
strakten Ausführungen glücklich belebt durch konkrete 
und anschauliche Beispiele. Die Essays bilden gleichsam 
einen laufenden Kommentar zu dem Hauptwerk; es giebt 
kaum einen Teil desselben, der in ihnen nicht teils anti- 
cipierend, teils weiter ausführend behandelt wäre. 

Spencers Beiträge zur Erziehungskunst, die unter dem Ge- 
samttitel „Education intellectual, moral and physical*^ erschie- 
nen sind, teilen ganz die stilistischen Vorzüge jener Essays. 

Die vier Aufsätze, die dieses treffliche Werkohen 
bilden, haben Spencers Namen zuerst in weitere Kreise 



60. Schluss. 157 

getragen; sie sind — vielfach auf Veranlassung hervor- 
ragender Schulmänner — in 13 Sprachen übersetzt worden 
und werden in England und in den Vereinigten Staaten dem 
Unterricht in der Paedagogik als Textbuch zu Grunde ge- 
legt. Spencers Paedagogik knüpft an die Eeformbestreb- 
ungen eines Locke, Rousseau, Pestalozzi und anderer an, 
vertieft sie aber dadurch, dass er, was bei seinen Vor- 
gängern mehr das Eesultat vereinzelter Einfälle und Be- 
obachtungen war, systematisiert und aus einer auf der 
breiten Grundlage der Entwicklungstheorie beruhenden 
Psychologie deduziert. Sie ist, ganz allgemein gesprochen, 
ein kraftvolles Plaidoyer für eine Erziehungsmethode, die 
den Hauptnachdruck auf die Förderung der spontanen 
Entwicklung legt; sie ist eine beredte Verteidigung eines 
liberalen Regiments, das alles Zuvielregieren vermeidet und 
den Kindern möglichst viel freien Spielraum gewährt. — 



Der Philosoph, dessen Lebenswerk wir in dieser kleinen 
Schrift geschildert haben, weilt noch unter uns. Er ist 
jetzt hochbetagt und kränklich; aber sein Geist ist wunder- 
bar frisch, wie es seine letzte Schrift glänzend bewiesen 
hat, die in Kraft des Ausdrucks, Feinheit der Dialektik 
und Reichtum der Illustration den Vergleich mit keiner 
der frühern Schriften zu scheuen braucht. Wir können 
dieses kleine Werk nicht besser schliessen als mit dem 
Wunsch, dass uns der „Grand Old Man** der Philosophie 
noch manches aus dem Schatz seines Wissens und seiner 
Einsichten mitteilen möge, und mit dem Ausdruck unserer 
aufrichtigsten Glückwünsche dazu, dass er unter Schwierig- 
keiten, wie sie weniger tapfere Herzen bald abgeschreckt 
und weniger gewaltige Geister schliesslich erdrückt hätten, 
doch zuletzt das Ziel erreicht hat, das er sich in der Jugend 
steckte. „Qu' est-ce qu'une grande vie? Une pensee de la 
jeunesse, realisee par Tage mür". 



Namen- und Sachregister. 



Apriori Wahrheiten 78 f. 117 ff. 
Aristoteles 33. 
Auflösung 87 f. 

Bacon 155. 

Baer v. 39. 48 f. 53. 

Carlyle 11. 22 f. 
Coleridge 47. 92. 
Comte 1. 155. 

Darwin 1. 11. 18. 45. 49.' 
Darwinsche Theorie 93 ff. 

„ „ Würdigung 101. 

„ „ Kritik 101 f. 

Descartes 33. 
Deutschland 3 ff. 
Duellwesen 133. 

Empirismus 117 f. 

„ Kritik 119 f. 

Entwicklungstheorie Ausgangs- 
punkt 46 ff. 
Entwicklungstheorie Formel 84. 

Deduktion 84 ff. 

biologische 93. 

psychologische 108 f. 

soziologische 122 ff. 

ethische 129 ff. 






JJ 



Essays 156. 

Gedächtnis 112. 

Gefühl 113. 

Geist, Substanz 107. 

Zusammensetzung 107 f. 114 f. 

Grundgesetz 110 f. 
George Elliot 22. 
Gerechtigkeitsgefühl 138 f. 
Gesellschaftstypen 127. 142 f. 
Gewissen 131. 
Gleichgewichtszustand 86 f. 



11 
11 



Goethe 68. 93. 

Gott, Persönlichkeit 72 f. 

Grote 22. 25. 

Grundbegriffe, wissenschaftliche 

77 f. 

Hamüton, Sir W. 5. 11. 117. 

Hegel 4. 154. 

Helmholtz 108. 

Herschel 117. 

Hobbes 155. 

Hooker 22. 25. 

Hume 51. 75. 

Humboldt 20. 

Huxley 1. 22. 25. 28. 

Jacobi 66. 

Idealismus 73 f. 89. 116 f. 

Instinkt 111 f. 

Intuitive Moral 130. 133 f. 

Kant 1. 4. 51. 70. 117. 122. 130. 
Kriterium der Wahrheit 117 f. 

Lamarck 18. 45. 46 f. 

Laugel 1. 

Leben, Definition 47. 92. 

Lewes 1. 22. 50. 

Locke 157. 

Lubbock, Sir John 28. 

Lyell, Sir Charles 18. 

Macaulay 11. 
Mansel 5. 51. 117. 
Materialismus 89. . 
MiU, John Stuart 1. 11. 22. 25. 
28. 51. 117. 119. 131. 

Naturrecht 140 ff. 
Newton 4. 6. 
Nietzche 151. 



160 



Namen- und Sachregister. 



Organismns, sozialer und indivi- 
dueller 125 f. 
Owen 55. 

Paedagogische Schriften 166 f. 
Pailey 46. 
Pestalozzi 157. 
Philosophie, Definition 73. 

„ Voraussetzungen 75 f. 
Prospekt. 59 ff. 



Reflexthätigkeit 111. 
Beid 51. 

Religion, Verhältnis zur Wissen- 
schaft 64 ff. 
Rousseau 124 157. 
Ruskin 11. 

ScheUing 4. 47. 92. 154. 
Schliessen 112 f. 
Schopenhauer 1. 37. 155. 
Spencer, Rev. Thomas 14 f. 
Spencer, Vater 11 f. 
Spinoza 33. 45. 
Staat, Aufgabe 141 ff. 

„ Grenzen seiner Thätigkeit 

20. 46. 127. 144 ff. 
Staatssozialismus 144. 149 ff. 



Synthetische Philosophie, Quint- 
essenz 39. 

Synthetische Philosophie, allge- 
meiner Charakter 42 ff. 

Taine 94. 
Tierethik 136 f. 
TyndaU 22. 25. 

Unerkennbare, das 5. 63 ff. 154. 
Universitätsbildung, Wert 16 f. 
Utilitarismus 46. 129 ff. 

Vererbung erworbener Eigen- 
schaften 99. 102 f. 105. 121. 
Voltaire 1. 

WaUace 45 f. 
Weismann 31. 105 f. 
Wülensfreiheit 113 f. 
Wohlthun 147 ff. 
Wundt 3. 

Youmans 6 f. 11. 21. 26 f. 28 f. 
57 f. 

Zeitbedingungen 44 f. 



"^^ 



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deutschpn Publikam anfs wärmste empfehlen, ja, wir nehmen keinen Anstand, diese klar 
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I. Leben und Wirken. — 11. Das Weltbild. 1. Die Bewegung, 2. Das Bewuastsein. 

Zur ElnfOhrnng in dieselben können wir uns keinen besseren Ffihrer wünschen, als 
das Torllegende Buch, das in seinem ersten Teil Fechners Leben tmd Wirken schildert, 
im zweiten eine yerständnisTolle und allgemeinTerstSndliche Darstellung des Weltbildes 
riebt, mittH« df'ssen der grosse Denker sich die Batsei des Daseins zu deuten suchte. 
(Dtsche. Medicin. Ztg.) 

II. Hobbes 

Leben und Lehre. 
Von Prof. Dr. Ferd. Tönnies in Kiel. 

246 S. Brosch. M. 2.— Gebd. M. 2.50. 

L Leben des Hobbes. — II. Lehre des Hobbes: Logik. Qrund-Begriffe. Die 
mechanischen OrundsStze. Die Phyaik. Die Anthropologie. Das Naturrecht. 

Die Torliegende Darstellung hat zum Verfasser den besten H o b b e s-Kenner in Deutsch- 
land, der ein ebenso congenlalea YerstSndnis auch für daa Ethos seines Helden zeigt , wie 
Lasswitz für Fechner. (HIstor. Zeitschrift.) 

III. S. Kierkegaard 

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I. Die romantisch- spekulatlTe ReUgionsphiloiophie. — H. K*8 ältere Zeitgenoisen 
in Danemark. — 111. K*s. Persönlichkeit. — lY. K*8. Philosophie. 

. . . Daa Studium Kierkegaards ist schwierig; wir glauben, dass es durch diese 
ausgezeichnete Biographie sehr Tiel leichter geworden ist. (DtsChe. ev. Kirchenztg.) 



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IV. Boussean 

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L RonsBeans Erweeknng und Bein Problem. — II. R. and seine Bekenntniise. — 
[II. Leben, Charakter and Werke. — IV. Die Philoeophie Booaseaat. 

Kiner fein aoai^fahrten Charakteristik, die uns Hof f ding Ton den antobiographfiohen 
Sohriften Boasseaaa giebt, folgt die Darstellnng der grossen Irrfahrt seines Lebens, dann 
die Charakteristik seiner Werke. Jene Ist aasgezeiohnet dareh die Tiefe dea Yerstiadniasee 
mnd die darauf beruhende Freiheit und Milde des Urteils, diese dnroh Weite des BUekes 
und Sicherheit der gesehiohtlichen Orientierung. (Dtsche Litteraturztg.) 

V. Herbert Spencer. 

Von Dr. Otto Gaupp in London. 
Mit Spencers Bildnis. 168 S. Brosch. M. 1.75. Gebd. M. 2.25. 

L Bpeneers Leben. — IL Spenoera Werk. 1. Zur Kntstehungsgesehiohte der 
Bntwloklungiphilosophie. 2. Die Prinzipienlehre. 8. Biologie und Psychologie. 4. Sosio- 
logie und Bthik. 

Ei ist eine flboraus schwierige Anfigabe, den üniTersalphilosophoi auf etwa 170 
Seiten dem Leser suginglieh zu machen. Otto Oaupp hat diese Antrabe TorzfigUch ge- 
I5st . . . Wir glauben dem Werke keine bessere Empfehlung geben lu kSnnen, ids dmreh 
den Ausdruck der üebeneugung, dass jeder, der diese EinfBhmng gelesen hat, auch den 
Wunsch hegen mnss, Spencer selbst an studieren. — Eine fesselnd geschriebene Biographie 
leitet die Darstellung der Lehre Spencers ein. (MDnch. N. Nachr.) 

VI. Fr. Nietzsche. 

Der Künstler und der Denker. 

Ein Essay von Prof. Dr. Alois Riehl in Halle. 

Mit Nietzsches Bildnis. 2. Aufl. 132 S. Brosch. M. 1.75. Gebd. M. 2.25. 

L Die Sohriften und die PersSnlichkeit. — - 11. Der Künstler. — IIT. Der Denker. 

unter den lahlreichen Schriften, die in letzter Zeit Ton Uniyersititsprofessoren Aber 
das Thema ersohienen sind, dürfte das RiehPsche Buch den ersten Rang einnehmen. Riehl 
ist dem TielyerlSsterten paradoxen Denker bis in die geheimsten WandelgSnge aeinei ab- 
grflndlichen Denkens gefolgt und hat den Werdegang des Diehterphilosophen klar «rfasst 
und obJektiT wiedergegeben. . . . Wer an der Hand eines feinsinnigen und wirklich kundigon 
Führen an ihn herantreten will, der greife zu diesem Buch. (Die Zelt.) 

VII. J. Kant. 

Sein Leben und seine Lehre- 
Von Prof. Dr. Friedr. Paulsen in Berlin. 

Mit Bildnis und Brieffaksimile aus 1792. 

2. bis 3. Aufl. 420 S. Brosch. M. 4.—. Gebd. M. 4.75. 

Die klare Darstellung, die den Eantisohen Schematismus zuweilen erst durchsich- 
tig macht, die Lösung der Hauptgedanken aus der Ffiile des Details ist bezeichnend wie 
für alle Schriften, so auch für dieses Werk Paulsens. Das auch äusserlich Tomehm ausge- 
stattete Buch wird an seinem Teile ein guter Diener der „Königin der Wissenschaften" 
und ein tüchtiger Führer für deren Jünger sein. (Leipz. Zeltg.) 

VIII. Aristoteles. 

Von Prof. Dr. Herrn. Siebeck in Giessen. 
144 S. Brosch. M. 1.75 Gebd. M. 2.25. 



Fr. Frommanns Verlag (E. Hauff) in Stuttgart. 



Geschichte der Philosophie im Umriss. 

Ein Leitfaden zur Übersicht 
von Dr. Albert Schwegler. 

15. Aufl. durchgesehen und ergänzt von Prof. Dr. R. Koeber. 

402 S. üriginalausg. gr. Oktav, ßrosch. M. 2.25. Geb. M. 3.— . 

Das Sohweglersohe Werk behSlt in der philosophischen Qesehiohtslitteratur blei- 
benden Wert darch die li<üitToIie Behandlnng: and leichte Beir&lti(ninff des spröden Stofh 
bei gemeinfRSsUeher Darstellungr« die sieh mit wissenschaftlicher Gründlichkeit paart 



Mythologie nnd Metaphysik« 

Grundlinien einer Geschichte der 'Weltanschauungen 
von Prof. Dr. Wilhelm Bender in Bonn. 

I. Bd.: Die Entstehung der Weltanschauungen im griechischen Altertum. 

296 Seiten. Brosch. M. 4.—. 

I. Die Entwicklung der metaphysischen ans der mythischen Weltanschannng. II. Die 
Bntsiehong der psychoientrisehen Weltansohannng und ihre Aasbildung durch Piaton. 
III. Die drei flanptformen der kosmozentrischen Weltanschauung. lY. Skepticismus nnd 
Synkretismus. Wiederaufleben des asketischen Supematuralismus in der Endzeit des 
Qriecdientumg. 



Theorie des Gefflhls zur Begründung der Ästhetik. 

Von Prof. Dr. Max Diez. 

172 S. Brosch. M. 2.70. 



Psychische Kraftübertragung. 

Enthaltend unter anderem einen Beitrag zur Lehre von dem 

Unterschied der Stände. 

Von ExsuL 

23 S. Brosch. M. —.50. 



John Locke^ 

ein Bild aus den geistigen Kämpfen Englands im 17. Jahrhundert. 
Von Dr. Ed. Fechtner^ Gustos d. Bibliothek d. techn. Hochschule Wien. 

310 S. Brosch. M. 5.—. 

I. Knabenalter nnd Studienjahre. II. Eintritt Ins SffentUche Leben. III. Im Hause 
des Grafen Shaftesbury. lY. In Frankreich. Y. Locke wihrend der politischen Kämpfe 
Ton 1679—1683. VL In Holland. YII. Zeit der literarischen Produktion. Tm. Im Dienste 
des Staates. — Literarische Kontroyersen. IX. Die lotsten Jahr«. X. Locke's Charakter. 



Der Wille znm Glauben 

und andere populärphilosophische Essays. 
Von Prof. William James. Übersetzt von Dr. Th. Lorenz. 

216 Seiten. Brosch. M. 3.—. 

1. Der Wille zum Olauben. 2. Ist das Leben wert, gelebt zu werden. 8. Das 
RatlonalitStgefuhi. 4. Das Dilemma des Determinismus. 5. Der Moralphilosopb und das 
sittliche Leben. 



Fr. Frommanns Verlag (E. Haufi) in Stuttgart. 

Das Bewusstsein. 

Grundzüge naturwissenschaftlicher und philosophischer Deutung. 

Von Emil Schlegel. 

Mit Geleitsworten von Prof. Th. Meynert in Wien. 

128 S. Broscn. M. 2.—. 



Der Kampf zweier Weltanschanangen. 

Eine Kritik der alten und neuesten Philosophie mit Einschluss 

der christlichen Offenbarung. 

Von Prof. Dr. G. Spicker in Münster. 
310 S. Brosch. M. 5.—. 

I. Historische Begrttudang des Standpunktes. 1. Allgemeine Voranssetsungen. 
9. Mittel and Sodsweek der Philosophie. 8. Selbstgeschaffene HinderniMe und immanent 
Fortsohritte. — II. Kritische Entwicklung des Princips. 1. Kritik des Pantheismnr, 
S. Kritik des Ifonothelsmxis. 8. Kritik des Orthodoxlsmns. 



Ein deutscher Buddhist. 

(Oberpräsidialrat Theodor Schnitze. 

Biographische Skizze von Dr. Arthur Pfungst. 

50 S. 8^ Brosch. M. —.75. 



Die Grundfrage der Religion. 

Versuch einer auf den realen Wissenschaften ruhenden Gotleslehrc^ 
von Prof. Dr. Julius Baumann in Göttingen. 

72 S. Brosch. M. 1.20. 



Wie Christus urteilen und handeln wurde, 

wenn er heutzutage unter uns lebte- 
Von Prof. Dr. Julius Baumann in Göttingen. 
88 S. Brosch. M. 1.40. 



Kritik und Christentum 

von Stadtpfarrer M. Finckh. 
II Auflage. 234 S. Brosch. M. 1 20. 



Deutsch-eyangellsch. 

Von Diakonus P. Graue. 
96 S. Brosch M. 1.50. 



Leben und Walten der Liebe. 

Von S. Kierkegaard. Uebersetzt von A. Domer. 
534 S. Brosch. M. 5. — ; gebd. M, 6.—. 



Fr. Frommanns Verlag (E Hauff) in Stuttgart. 
Kierkegaard^ S.^ Angriff anf die Christenheit. 

Uebersetzt von A. Dorner und Chr. Schrempf. 

656 S. In 2 Teile brosch. M. 8.50. Gebd. M. 10 -. 

Daraus Sonderdruck: 

Richtet selbst. 

Zur Selbstprüfung der Gegenwart anbefohlen. 
Zweite Reihe. 112 S. M. 1.50. 



Schriften von Christoph Schrempf: 
Drei Religiöse Reden. 

76 S. Brosch. M. 1.20. 

Natürliches Christentum. 

Vier neue religiöse Reden. 112 S. Brosch. M. 1.50. 

lieber die Yerkündignng des Eyangelinms an d. neue Zeit. 

40 S. Brosch. M. —.60. 
Obige 3 Schriften in einen Ganzleinwandband gebunden M. 3.30. 

Zur Pfarrersfrage. 

52 S. Brosch. M. —.80. 

An die Studenten der Theologie zu Tübingen. 

Noch ein Wort zur Pfarrersfrage. 
30 S. Brosch. M. —.50. 

Eine Nottaufe. 

56 S. Brosch. M. — .75. 

Zur Theorie des Geisteskampfes. 

56 S. Brosch. M. —.80. 



Die Wahrheit. 

Halbmonatschrlft zur Vertiefung in die Fragen und Aufgaben 

des Menschenlebens. 

Herausgeber: Chr. Schrempf. 

Bd. I— IV brosch. k M. 3.20, gebd. k M. 3.75., V— VIII brosch. ä M. 3.60, 

gebd. ä M. 4.15. Bei gleichzeitiger Abnahme von mindestens 4 Bänden 

jeder Band nur M. 2.— brosch., M. 2.50 gebd. 

Die Zelttohrift enthält eine Anzahl AnfsitBe Ton bleibendem Werte aue der Feder 
der ProfeMoren Fr. Panlsen, Max Weber, H. Herkner, Theobald Ziegler, 
▲ lots Riehl, ron Pfarrer Fr. Nanmann, Karl Jentsoh, Ohr. Schrempf nnd 
anderen herrorragenden Mitarbeitern. 



Fr. Frommanns Verlag (E. Haufi) in Stuttgart. 

Handbuch der.natürlich-^menschlichen 

Sittenlehre 

für Eitern und Erzieher. 

Von Direktor Dr. A. Döring. 
431 S. Brosch. M. 4. — . Eleg. geb. M. 5. — . 

I. Der Stoff des ethischen üoterriehts. 1. Der Inhalt der littliohen Forderang. 
2. Daa Zastandekommen des SiuUohen. IL Die dem ethisohen Unterrichte vorangehende 
sittliche Erziehong. 

Herbart^ Pestalozzi 

und die heutigen Aufgaben der £rziehungsiehre. 

Von Prof. Dr. P. Natorp in Marburg. 

157 S. Brosch. M. 1.80. 

I. Herbarti aUgemeine Bedeutung. II. Herbarts Ethik. III. Herbarts Psycho» 
logie. Einteilung seiner Pädagogik. «Begiemng*. lY. ^Unterricht* und „Znoht*; « Er- 
ziehender Unterricht*. Y. Das Zeitalter Pestaloszis. YI. Allgemeine Grundlagen der 
BrsiehuLgslehre Pestalozsis. YII. Pestalossis Qrundansicht Aber die sociale Be^iftheit 
der EriiehuGg. Die „Abendstunde*. YIIl. Ethik und Sozialphilosophie nach den ,Naoh- 
forschungen*. Religion. 

Sozialpädagogik. 

Theorie der 'Willenserziehung auf der Grundlage 

der Gemeinschaft. 

Von Prof. Dr. P. Natorp in Marburg. 
360 S. Brosch. M. 6.—. 

I. Fundamentalphilosophische Yoraussetzungen. II. Orundlinien indiridnaler und 
sozialer Ethik. III. Oq^anisation und Methode der Willeoserziehung. 



Bodbertus. 

Von Karl Jentsch. 

259 S. Preis brosch. M. 3.—; eleg. gebd. M. 3.80. 

I. Iiebensgeschichte. II. Die Lehre. 1. Antike Staatswirtschaft. 2. Die Yolks» 
Wirtschaft der Gegenwart. 8. Die Staatswirtschaft der Zukunft. III. Die Bedeutung des 
Hannes. 

P. J. Proadhon. 

Leben und Werke. 

Von Dr. Arthur Mülberger. 

248 S. Brosch. M. 2.80. Eleg. geb. M. 3.60. 

I. Der Exltiker. 1809-1848. IL Der Kämpfer. 1848—1852. HL Der Denker 
1852-1865. 



Gnt und Geld. 

Volks-wirtschaftliche Studien eines Praktikers. 
Von Gustav Müller. (New-York). 

292 S. Brosch. M. 2.40. Eleg. geb. M. 3.20. 

I. Der Reiobtum. II. Das Kapital. III. Der prodnktiTe und der unproduktire 
Yerbrauch. IV. Der Lohn. V. Der Gewinn. VI. Die Bente. VII. Der Wert. YIIL Das 
Geld. IX. Die Prodaktivität der Nationen. X. Der Welthandel. XL Freihandel and 
ZoUschntz. XII. Die Krlsis. XIII. Die Grenzen d'^s Reichtums.